E-Mails aus Pakistan

von Harald Husemann

Good Morning America. Ein Land wacht auf (Ausgabe III/2009)


Der neue Campus der Islamia Universität wird auf vielen Quadratkilometern in der Wüste erbaut und liegt 15 Kilometer außerhalb der Stadt. Man wollte mich im Gästehaus auf dem neuen Campus unterbringen. Professor Adeeb, mein Betreuer und Bewacher, meinte, dort sei ich „sicherer“. Ich fühlte mich dort gefangen und schaffte es, wieder in mein „altes“ Gästehaus in der Stadt gebracht zu werden.

Am ersten Tag Blumen in meinem Büro. Man trifft sich jeden Morgen für 15 Minuten zum Tee. Mittags kommt man für 30 Minuten zum bescheidenen Imbiss zusammen, den alle durch gemeinsame Umlage finanzieren. Kollegen suchen mich mehrfach täglich im Büro auf und fast jeden Abend lädt mich einer in seine Familie zum Dinner ein.

„Renowned Scholar of International Repute“, so vermarktet man mich. Hinter der Formulierung steckt orientalische Rhetorik, der Wunsch, mir zu schmeicheln und – wenn’s denn jemand glaubt – mich als Dekoration für das eigene Institut zu (be-)nutzen.

Ich war bei einem Kollegen zum Abendessen eingeladen. Ich aß mit dem Gastgeber und seinen beiden kleinen Kindern. Die kochende Hausfrau hörte ich zwar, sah sie aber den ganzen Abend lang nicht. Andererseits: Meine Kollegin Sabiha trägt kein Kopftuch, tätigt die Bankgeschäfte für ihren reichen alten Vater und hat mich schon zweimal ohne Begleitung in ihrem Auto mitgenommen. Die vorderen Seitenfenster ihres Autos hat sie auf der Fahrer- und der Beifahrerseite schwarz verklebt.

Als Lehrmaterial brachte ich den Film von Ken Loach „Ae Fond Kiss“ mit. Storyline: Ein Sohn pakistanischer Einwanderer in Groß-
britannien verliebt sich in die katholische Lehrerin seiner Schwester an einer englischen Schule. Adeeb und eine Kollegin werden den Film ansehen. Wenn er Liebesszenen oder Sex enthält, werden diese herausgeschnitten, bevor ich ihn zeigen darf.

In einer städtischen Government School für Mädchen testeten und interviewten Adeeb und Kollegen am Samstagnachmittag 130 Schülerinnen für die Aufnahme in ein von den USA finanziertes Programm, das unterprivilegierten Kindern Englisch beibringen soll. Zehn schlecht bezahlte und qualifizierte Lehrerinnen unterrichten 1.400 Schülerinnen in Klassenräumen mit defektem Mobiliar. Abends besuchten Adeeb und Kollegen eine ländliche Schule für Jungen, in der zehn Lehrer 400 Jungen unterrichten.

Der bescheidene Wohlstand des Kollegen Munawur zeigt sich darin, dass er ein leichtes Motorrad fährt. Er bezieht ein Nebeneinkommen aus der Vermietung von Geschäftsräumen. Seine Mieter sind säumige Zahler. Deshalb besucht er sie ohne Ankündigung, und fordert Bargeld. Manchmal nimmt er mich mit. Wer blamiert sich schon gerne vor einem Ausländer?

Pakistan hat eine noch weitgehend traditionsgebundene patriarchalische Gesellschaft, in der Respekt und Ehrfurcht eine große Rolle spielen. Respekt gebietet den Studenten, bei Eintritt eines Dozenten aufzustehen und zu warten, bis dieser sie auffordert, sich zu setzen. Respekt bedeutet auch, dass ich unter den hungrigen Augen aller beim Essen immer zuerst bedient werde. Ein Graus für einen Beamten, der sich bei der Wahl des Gemüses nicht entscheiden kann. Da ich als Gast ein Freund Allahs bin, werde ich bis zur Selbstaufopferung des Gastgebers als solcher behandelt.

Mein Kollege Irshad fragte mich nicht, sondern teilte mir mit, dass er mich als Keynote Speaker zu einer Konferenz in Hyderabad über Schulen in Pakistan angemeldet habe. Schon im vergangenen Jahr erlebte ich solche Schnellkurse im Politikerdasein: Aus dem Stegreif in wohlgesetzten Worten zu allem Wichtigen nichts sagen.

Nach einer Feier im Department schenkte Adeeb mir eine schwere Glasplatte mit einem gravierten Koranvers. Als ich im Begriff war, diese unter meinen Stuhl zu stellen, stoppte mich ein Kollege. Der Koran und heilige Verse dürfen nicht unter Kniehöhe gelegt werden. Ich kann und will die schwere Glasplatte aber nicht im begrenzten Reisegepäck mitnehmen. Wie kann ich die heilige Glasplatte und eine schwere Plakette von der Konferenz in Hyderabad pietätvoll entsorgen?



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