„Wir wirtschaften miserabel“

ein Interview mit Aditi Mukherji

Geht uns das Wasser aus? (Ausgabe III/2022)

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Bewohner füllen Behälter mit Trinkwasser in einem Slum in Hyderabad, Indien, 2015. Foto: Noah Seelam / AFP / Getty Images


Frau Mukherji, Sie erforschen das Grundwasser. Wie ist es denn darum bestellt?

Weltweit betrachtet haben wir genug Wasser. Wenn wir es gerecht verteilen könnten, gäbe es keine Probleme. Aber bekanntlich geht das nicht so einfach. Vielerorts wird Grundwasser übernutzt – auch, um Menschen mit den nötigsten Lebensmitteln zu versorgen, wie etwa in Nordchina, im Nordwesten Indiens und in Kalifornien. Dort wird das Grundwasser knapp.

Wie geht es den Flüssen, Meeren und Seen?

Die Ozeane erwärmen sich weltweit und nehmen mehr CO2 auf. Phänomene wie die Korallenbleiche vor Australien zeigen, dass zu viel CO2 im Wasser ist. Bei Flüssen hingegen ist die Situation sehr unterschiedlich. Für die Gesundheit eines Stromes macht es einen gewaltigen Unterschied, ob er durch Wälder oder durch landwirtschaftliches Nutzland fließt. In manchen Gegenden geht die Wassermenge zurück, was am Klimawandel und den Eingriffen des Menschen liegt, etwa Staudammbauten oder übermäßiger Wasserverbrauch der Agrarwirtschaft. Andere Flusspegel steigen, weil Gletscher schmelzen. Weltweit hat sich der Wasserkreislauf durch den Klimawandel um sieben Prozent intensiviert. Das bedeutet mehr extreme Regenfälle und auch längere und heftigere Dürreperioden.

Der Zugang zu Wasser unterscheidet sich oft stark nach Einkommen. Tragen bestimmte Gruppen die Hauptlast der Knappheit?

In fast allen Ländern des Globalen Südens und mitunter vielleicht auch im Globalen Norden haben wir eine paradoxe Situation: In armen und informellen Stadtvierteln sind sanitäre Einrichtungen nicht nur schlechter, dort wird das Wasser auch in Tanks geliefert und kostet viel. In meiner gehobeneren Wohnumgebung in Kolkata, Indien, kann ich dagegen einfach den Wasserhahn aufdrehen. Arme müssen also einen überproportional großen Anteil ihres Einkommens für Wasser ausgeben. Außerdem stehen in den langen Schlangen an den Wasserausgabestellen nur Frauen und Kinder, sodass die Frauen kein Geld verdienen und die Kinder nicht in die Schule gehen können.

1974 trank der französische Politiker René Dumont in einer Fernsehsendung ein Glas Wasser und sagte, er trinke es lieber jetzt, denn in Zukunft werde Wasser zur Mangelware. Seit wann wissen wir, dass unser Wasser in Gefahr ist?

Ich habe meine Vorbehalte gegen diese Darstellung: In Wahrheit geht uns das Wasser gar nicht aus. Weltweit gibt es genug Regen und genug Wasser um uns herum. Wir wirtschaften nur miserabel damit. Manche Leute scheinen zu glauben, es sei ein Naturgesetz, dass wir immer weniger Wasser haben, aber das stimmt so nicht.

„Was soll passieren, wenn diese Gletscher abgeschmolzen sind?“

In den meisten Religionen spielt Wasser eine wichtige Rolle, vielen gilt es als heiliges Gut. Wie beeinflussen kulturelle Faktoren unser Verständnis von Wasser und die Wertschätzung dafür?

Gerade weil das Wasser eine so tiefgehende kulturelle Bedeutung hat, fällt es vielen besonders schwer, mit einer Knappheit zurechtzukommen. Ich habe mich näher mit dem Staudammbau in der Himalaja-Region beschäftigt, durch den einige Flüsse teilweise austrocknen. Die Einheimischen haben ihre religiösen Rituale, zum Beispiel äschern sie ihre Verstorbenen an einem fließenden Gewässer ein. Wenn sie wegen des Staudamms auf einmal kein Wasser mehr in ihrem Fluss haben, wird das zum Problem. Bei Menschen, die ihre Angehörigen auf traditionelle Weise bestatten wollen, kann das große seelische Nöte auslösen. Andererseits gibt es auch da so manche Paradoxie: Der Ganges zum Beispiel ist den Hindus heilig und trotzdem einer der dreckigsten Flüsse Indiens.

In Ihrem aktuellen Bericht über internationales Wassermanagement steht, dass die Gletscher des Himalaja schmelzen und dass die Region bis zum Jahr 2100 neunzig Prozent ihres Schnees und Eises verlieren könnte. Wie würde sich das auf die Menschen auswirken?

Das ist eine schwierige Frage. In der dortigen Situation können wir jedenfalls nicht einfach sagen, wir müssen uns nur umstellen. Aber wie sollen Menschen das machen, deren ganze Existenz darauf beruht, Pflanzen mit Wasser aus dem Gletscher zu bewässern? Was soll passieren, wenn diese Gletscher abgeschmolzen sind?

Ist Wasser mit Blick auf die Zukunft eine brauchbare Messgröße für den Klimawandel?

Ja, denn das Klima hat Auswirkungen auf jede Komponente des Wasserkreislaufs: von Schnee und Eis über das Oberflächenwasser bis zu den Wasserständen und Niederschlagsmengen. Im Augenblick erleben wir mehr Extremniederschläge, einen höheren Feuchtigkeitsgehalt in der Atmosphäre und mehr Regenfälle. Unter dem Aspekt des Klimawandels spielt Wasser eine ungeheuer wichtige Rolle, weil die Mehrheit der Weltbevölkerung – insbesondere im Globalen Süden – auf die Landwirtschaft angewiesen ist. Für diese Menschen ist nichts so wichtig wie der Regen. Für sie ist der Klimawandel in Form der veränderten Regenmuster schon Realität. Das gilt für alle, die in „klimaexponierten“ Beschäftigungsfeldern wie Viehhaltung, Milchwirtschaft oder Pflanzenanbau arbeiten. Sie sind unmittelbar und existenziell vom Wasser abhängig. 

In der öffentlichen Diskussion spielt der CO2-Ausstoß allerdings eine größere Rolle als das Wasser.

Das stimmt. Der Klimaschutz hängt am CO2-Ausstoß, und da die Erde sich schon um 1,1 Grad erwärmt hat, müssen wir uns umstellen. Wasser wird ein zunehmend zentraleres Thema, weil sich die Menschen mehr und mehr auf veränderte Regenmengen, abschmelzende Gletscher und so weiter einstellen müssen. Maßnahmen zur CO -Kompensation sind wichtiger denn je. Wir pflanzen neue Wälder an, die CO2 aufnehmen, aber wenn wir in einer trockenen Gegend die falschen Pflanzenarten in Monokultur anbauen, kann das den Grundwasserspiegel vor Ort absenken und zu Wasserkrisen führen. Dass wir Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen müssen, ist richtig, aber ebenso muss verhindert werden, dass dies zulasten des Wassers geschieht. Den Leuten ist immer noch nicht bewusst, wie stark der Klimawandel sich beim Wasser manifestiert. Viele Menschen bekommen die Erderwärmung in diesem Bereich schon jetzt besonders stark zu spüren. Das könnte sich mit der diesjährigen UN-Klimakonferenz ändern: Sie wird im November in Ägypten stattfinden, wo Wasserknappheit für große Unruhe sorgt.

„Auch beim Thema Wasser werden wir nur vorankommen, wenn wir die Gesellschaft gerechter gestalten.“

Werden Technologien eine Hilfe sein?

Technik spielt immer eine wichtige Rolle, aber gerettet hat sie uns noch nie. Was zählt, ist die Politik und die Art und Weise, wie diese Technologien genutzt werden.

Wasserknappheit ist in der Regel ein regionales Problem. Sollten über entsprechende Fragen deshalb nicht auch Regierungen vor Ort entscheiden?

Die Situation in Indien ist sehr uneinheitlich: In manchen Landesteilen gibt es genug Wasser, in anderen herrscht ein Mangel. Wir müssen auf regionaler Ebene mit den Problemen umgehen – auch mit der Knappheit. Wenn Landwirte gegensteuern, indem sie die Bodenfeuchte konservieren oder das Regenwasser nutzen, wird das ja auch immer vor Ort organisiert. Ein weiterer Erfolg von Lokalregierungen ist die Einrichtung von Frühwarnsystemen, zum Beispiel im Rahmen des Hochwasserschutzes.

Und wie sollten wir die Städte zukunftsfähig machen? Vielerorts kommt es verstärkt zu Überschwemmungen und anderen Wasserkatastrophen.

Weltweit wurden Städte oft in Flussniederungen gebaut. Auch in Gegenden, in denen sich früher ein Fluss befand, können heftige Regenfälle dazu führen, dass ein ehemaliges Gewässerbett geflutet wird. Das verursacht immense Schäden. Wir können unsere Städte durch eine gut geplante Raumnutzung, den Schutz von Flussbetten und durch Entwässerungsanlagen absichern. Aber solange es trocken ist, vergessen die Menschen gerne, wie wichtig das ist. Sie stellen einfach irgendwo ein Gebäude hin. Das wird in Zukunft nicht mehr funktionieren, weil wir noch extremere Wasserkatastrophen erleben werden.

Wie viel Zeit bleibt uns noch, um die Probleme mit dem Wasser in den Griff zu kriegen?

Positiv ist, dass unsere Prognosen den künftigen Wasserbedarf zu hoch veranschlagen. Immer wieder gelingt es uns, mit weniger auszukommen. In der Landwirtschaft wird inzwischen mit weniger Wasser mehr geerntet. Dabei spielen neue Technologien, aber auch die richtigen Anreize und politischen Maßnahmen eine zentrale Rolle. Bei der Frage, wann wir endlich lernen, dass ungerechte Gesellschaften für alle schlecht sind, bin ich dagegen pessimistisch. Auch beim Thema Wasser werden wir nur vorankommen, wenn wir die Gesellschaft gerechter gestalten – nicht nur in Indien, sondern überall auf der Welt.

Das Interview führte Jess Smee

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld

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