„Leben wir in einer Schwarz-Weiß-Welt?“

Illustrationen von Felix Möller

Schwarz-Weiß-Denken (Ausgabe II/2022)

  • Illustration: Felix Möller

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In Ihren Illustrationen für unseren Themenschwerpunkt über „Schwarz-Weiß-Denken“ greifen Sie die Idee eines Orchesters auf, das mit- und gegeneinander musiziert. Wie kamen Sie darauf?

Ich habe eine große Faszination für Musik und Musikinstrumente. Aber vor allem finde ich die Idee des Zusammenspiels, des sozialen Konstrukts „Orchester“ sehr interessant. Auf diese Metapher stützte ich mich von Anfang an und erzähle sie durch die ganze Serie hindurch. Leben wir in Blasen, in einer gewissen Schwarz-Weiß-Welt? Welche merkwürdigen Gruppendynamiken gibt es?  Was passiert, wenn sich Gruppen durch Meinungen voneinander abgrenzen? So ein abstraktes Thema kann man durch eine ganz eigene Bildwelt dann relativ gut beschreiben, zum Beispiel durch die „Stimme“ einer Instrumentengruppe wie die der Blasinstrumente, die dann vielleicht lauter auftritt als andere. Oder durch das Bild von Musikern, die mit- oder gegeneinander arbeiten. Deswegen fand ich die Metapher des Orchesters sehr passend.

Die Illustrationen sind schwarz-weiß. Normalerweise zeichnen Sie aber in Farbe. Wie war das für Sie?

In Schwarz-Weiß zu illustrieren war für mich neu, aber auch gestalterisch der spannendste Teil der Arbeit. Es ist herausfordernd, farblich limitiert zu sein. Ich habe aber viele Vorbilder, die auch in Schwarz-Weiß arbeiten. Deswegen war es auch ein Abtauchen in die Welt, in der ich sowieso oft bin.  Und es war für mich auch ein Prozess der Stilfindung. Man hat ja sehr viele Möglichkeiten für Figuren, Charaktere, Objekte und kann sich da ausleben, trotz enger farblicher Grenzen.

Wie sehen Sie bei politischen und gesellschaftskritischen Themen Ihre Rolle als Illustrator?

Ich versuche, meinen eigenen Kompass zu haben, Aufmerksamkeit für Dinge zu schaffen – das kann zum Beispiel ein politischer oder aktivistischer Gedanke bezüglich Diversität, Gender oder Klimaschutz sein. Dazu gehört auch, bewusst bei manchen Anfragen für Aufträge zu sagen: Das möchte ich nicht machen, und darin konsequent zu bleiben. Ich würde sagen, dass man als Illustrator unterschiedliche Rollen einnehmen kann: die eines Aktivisten, einer Künstlerin, aber auch eines verantwortungsvollen Vermittlers.

Können Illustrationen zur „Entpolarisierung“ beitragen, zum Beispiel durch Humor?

Das würde ich mir natürlich wünschen. Aber bei schwierigen politischen Themen geht das nur in sehr geringen Maßen. Ich glaube trotzdem, dass man zum Beispiel zwei Gruppen in einem Konflikt darstellen kann, ohne Schuldzuweisungen zu machen, so, dass man keine der beiden Gruppen persönlich angreift. Ein einfacher Satz kann viel auslösen, so ist es ja auch mit den Headlines von Boulevardzeitungen. Mit Illustrationen ist das ähnlich – und dieses Potenzial sollte man nicht unterschätzen.

Hatten Sie je die Sorge, dass Sie aufgrund einer Illustration einen Shitstorm auf sich ziehen könnten?

Ja, das ist ein Thema. In diesem Heft nicht so konkret, denn ich würde sagen, „Schwarz-Weiß-Denken“ ist ein Phänomen, das die Menschheit als Ganzes betrifft, um es mal so grob zu sagen. Aber bei Darstellungen von Menschen oder Gruppen, die mir als weißem Cis-Mann nicht so vertraut sind, versuche ich auf jeden Fall zu recherchieren und aufzupassen, wo ich jemanden verletzen könnte. Wenn ich Menschen darstelle, frage ich mich: Wie zeige ich sie? Was tun sie? Wie stehen sie zueinander? Ich frage mich auch, ob es legitim ist, als weiße Person Menschen aus anderen Kulturen darzustellen, ohne dass ich mit ihnen vertraut bin, nur mit meinem anrecherchierten Wissen ausgestattet. Im Zweifel, wenn ich mich unsicher fühle, versuche ich, das Problem zu umschiffen und eine andere Darstellung zu wählen. Man kann diese Debatten zwar ignorieren, aber man kommt um das Thema nicht herum.

Das Interview führte Atifa Qazi



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