Die Alten, die übrig bleiben

von Sergio C. Fanjul

Endlich! (Ausgabe I/2020)

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Blick auf Robregordo in der Region Madrid. Foto: Carlos Delgado


Der erste Schnee ist gefallen, das flockige Weiß verleiht dem Dorf das Aussehen eines Postkartenmotivs. In Robregordo herrscht diese merkwürdige Stille, die vom Schnee herrührt, aber auch von den leeren Häusern. Niemand, kein Spaziergänger, keine spielenden Kinder sind auf der Straße zu sehen, kein Kneipenlärm ist zu hören. Gerade einmal 61 Menschen leben hier, über die Hälfte sind Rentner. Im Winter bleiben vielleicht dreißig. Obwohl es bis Madrid nur rund sechzig Kilometer sind, braucht der Linienbus mehr als zwei Stunden. Und er fährt nur dreimal täglich.

Das kleine Rathaus scheint menschenleer. Dann stellt sich heraus, dass sich die drei einzigen Angestellten hinter einer geschlossenen Tür verschanzt haben, die Heizung läuft auf Hochtouren. Die Bürgermeisterin ist nicht da: Sie sei zur Bankfiliale nach Buitrado de Lozoya (1.875 Einwohner) gefahren, in dem nächstgelegenen, etwas größeren Ort. Als sie zurückkommt, erklärt sie: „Hier gibt es nichts, weder eine Bank noch Geschäfte, noch Gaststätten ...“

Robregordo ist kein Einzelfall: In fast 2.000 Ortschaften in ganz Spanien leben inzwischen mehr Rentner als arbeitende Bevölkerung. Doch obwohl die Einwohner von Robregordo eher älter sind, haben sie mit María Cano von der Sozialistischen Partei (PSOE) eine dreißig Jahre junge Bürgermeisterin gewählt. „Ich habe Journalismus studiert und mit einem Stipendium mitten im Nichts in Finnland gelebt. Aber dort sind selbst die abgelegensten Dörfer noch besser versorgt. Als ich zurückgekommen bin, dachte ich, es wäre gut, wenn ich mich darum kümmere, ein kleines Dorf wiederzubeleben. Ich lebe gern in der Natur“, erzählt sie.

„Ganz Spanien ist vom Problem der Entvölkerung betroffen, denn die Leute vom Land wandern in die Städte ab und lassen die Alten zurück“

Robregordo, in den Bergen der Sierra Norte, ist eines derjenigen Dörfer des Verwaltungsbezirks Madrid, in denen es Winter für Winter am frühesten schneit, und auch eines derjenigen mit den wenigsten Einwohnern. Ganz Spanien ist vom Problem der Entvölkerung betroffen, denn die Leute vom Land wandern in die Städte ab und lassen die Alten zurück. Der Schriftsteller Sergio del Molino hat dieses Problem mit seinem Buch „La España vacía“, einem Bestseller, zu einem breit diskutierten Thema gemacht, seither beschäftigt es die politischen Parteien und die öffentliche Debatte in Spanien. Und die Verhältnisse sind alarmierend: Auf 53 Prozent des spanischen Staatsgebiets leben nur fünf Prozent der Bevölkerung. 78.000 Ortschaften haben inzwischen weniger als hundert Einwohner. Manche sprechen deshalb lieber vom „entleerten“ statt vom „leeren“ Spanien, sie schieben den Politikern die Schuld an der Entvölkerung zu.

Dabei ist Robregordo ein bezauberndes Bergdorf, die hübschen Häuser wurden zum Teil aus Stein erbaut. „Aber schauen Sie, viele sind verriegelt“, sagt die Bürgermeisterin, während wir herumschlendern. Aus einer Tür tritt eine Frau heraus: Juliana Gómez, 71, hat fast ihr ganzes Leben hier gewohnt. „Es hat sich viel verändert. Früher gab es Leben hier, wir hatten alles, zwei Schulen, einen Obst- und einen Fischhändler, eine Polizeistation, einen Pfarrer, einen Arzt ... das Leben war gut. Aber jetzt sind die jungen Leute weg, weil es keine Arbeit gibt, es gibt keine Kinder, wir werden immer weniger“, erklärt sie. „Wir müssen uns selbst zu helfen wissen. Ich habe zum Beispiel drei Kühlschränke für meine Vorräte.“

Aber nicht nur die Versorgung mit Lebensmitteln gestaltet sich in den entvölkerten Dörfern Spaniens schwierig, auch das Alter der dort verbleibenden Menschen stellt eine Herausforderung dar. Für die Älteren ist es aufgrund der insgesamt ausgedünnten Infrastruktur schwierig, zum Arzt oder zu einer Apotheke zu kommen. In Robregordo schauen die Apothekerin und der Arzt einigermaßen regelmäßig vorbei. Letzterer macht ein paarmal pro Woche Hausbesuche und hat bei den allein lebenden Älteren Versorgungsprobleme festgestellt. Deshalb bekommen sie jetzt von der Gemeinde täglich Mahlzeiten: So ist sichergestellt, dass sie sich gut ernähren, aus dem Haus gehen und Umgang mit anderen Menschen pflegen. „Manche ältere Frauen haben niemanden im gleichen Alter, mit dem sie sich unterhalten können, sie langweilen sich fürchterlich“, sagt die Bürgermeisterin.

„Vor allem junge Leute und Frauen gingen fort, was es außerordentlich erschwerte, die Einwohnerzahlen in diesen Gegenden aufrechtzuerhalten.“

Aber das Landleben hat für ältere Menschen nicht nur Nachteile. Der Verein „Solidaridad Intergeneracional“ (Solidarität zwischen den Generationen) weist darauf hin, dass Ältere in den Dörfern mehr Bewegung als in der Stadt haben und ihre Arbeit schrittweise reduzieren können. Ein Landwirt kann zum Beispiel weiterhin einen kleinen Gemüsegarten bewirtschaften, seine Mahlzeiten mit selbst angebauten, gesunden Lebensmitteln ergänzen und dadurch seine Rente für andere Dinge verwenden. Außerdem kann das Landleben angenehm und erholsam sein. Gleichzeitig beeinträchtigt jedoch ein fehlender Internetzugang den Anschluss an die Gesellschaft und erschwert manche behördliche Erledigung.

„Das Problem der Entvölkerung in Spanien hat weit zurückreichende Wurzeln“, erklärt Joaquín Recaño, Professor für Geografie an der Universidad Autónoma de Barcelona. Vom Mittelalter an, als die christlichen Königreiche in den Süden strebten und die Muslime zurückdrängten, wurden wenig produktive Landstriche mit kleinen Ortschaften besiedelt. „Nach dem Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 verbesserten sich die Lebensbedingungen und die Bevölkerung wuchs, aber die Erde gab nicht genügend her, um sie ausreichend zu versorgen, während gleichzeitig die Industrie in den großen Städten nach Arbeitskräften verlangte“, so Recaño weiter. Die Ungewissheit vertrieb sie aus den Dörfern, das Versprechen eines besseren Lebens zog sie in die Arbeiterviertel der großen Städte. Vor allem junge Leute und Frauen gingen fort, was es außerordentlich erschwerte, die Einwohnerzahlen in diesen Gegenden aufrechtzuerhalten.

Das Älterwerden der Bevölkerung kann die Entvölkerung auch unumkehrbar machen. „Für manche Gegenden gibt es keine demografische Lösung. Ohne Frauen und Kinder, nur mit älteren Menschen lässt sich dort kaum etwas bewirken“, fährt Recaño fort, „es ist genau abzuwägen, wo die begrenzten Mittel investiert werden sollen. Daneben kann das Natur- und Kulturerbe in einigen entvölkerten Gegenden eine große Chance sein, Reichtum und Arbeit zu schaffen.“ Man hofft vor allem auf Touristen, die durch die Schönheit der Landschaften und der Dörfer angelockt werden. Neue Jobs sollen aber auch im Forstwesen und im Bereich des Umweltschutzes entstehen.
Nicht nur ältere Menschen haben Probleme in den entvölkerten Landstrichen Spaniens, sondern auch Eltern und die Allerjüngsten. In Robregordo gibt es nur zwei Kinder und zwei Jugendliche, die nach Buitrago fahren müssen, um zur Schule zu gehen. Cristina Mansilla, Angestellte im Rathaus, ist 36 und Mutter. Sie wohnt im nahe gelegenen Dorf Garganta de los Montes, das allerdings genauso klein ist. „Die Kinder sind am Wochenende traurig, weil sie nicht zur Schule gehen und mit niemandem spielen können. Auf dem Spielplatz bin ich diejenige, die mit ihnen spielt, weil es keine anderen Kinder gibt“, erzählt sie. In der Schule gibt es wiederum nur sieben Schüler aller Altersstufen, eine Mischung, die den Lernfortschritt hemmt.

In den 1960er-Jahren hatte Robregordo einmal 300 Einwohner, es war zwar nie sehr groß, aber die Eisenbahnlinie und die Fernstraße brachten Leben ins Dorf. Unter anderem verlief hier die Zugstrecke Madrid–Paris, viele Auto- und Lastwagenfahrer machten halt in dem Dorf, um zu essen oder zu übernachten. Viehhaltung war ein weiterer traditioneller Einkommenserwerb, „die Umweltauflagen – da wir nun einmal die Lunge des Verwaltungsbezirks Madrid sind – bremsen allerdings die Viehhalter aus“, erläutert Bürgermeisterin Cano. Jetzt fährt hier kein Zug mehr, und es führt auch keine Fernstraße vorbei. Das Dorf verkümmert vor sich hin.

Dennoch hat die Arbeit der Bürgermeisterin etwas gebracht: Während im vergangenen Jahr noch 48 Einwohner gezählt wurden, sind es heute 61. Ein paar Familien, die genug vom Stadtleben hatten, sind ins Dorf gezogen. Mehrere Gemeinden in der Gegend haben sich im Projekt Arraigo Sierra Norte (auf Deutsch etwa: „Wurzelnschlagen in der Sierra Norte“) zusammengeschlossen, um Menschen zum Zuzug zu bewegen. „Es muss den Menschen schmackhaft gemacht werden, herzuziehen, vor allem den jungen, damit sie aufs Land und zu traditionellen Tätigkeiten zurückkehren. Oder Telearbeit machen, jetzt, da die Technologie es ermöglicht“, sagt die Bürgermeisterin. Sie hofft durch den Zuzug junger Familien auch den alten Menschen in Robregordo eine Zukunftsperpektive zu geben.

Aus dem Spanischen von Laura Haber



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