In der Papierfabrik

Von Jennifer Dummer

Das neue Polen (Ausgabe III/2021)

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Abbildung aus "Lehrjahre" von Guy Delisle


Drei Sommer lang arbeitete Guy Delisle in den 1980er-Jahren in einer Papierfabrik in Quebec. Auf diese Zeit blickt der Zeichner nun in seiner neuen Graphic Novel zurück, die im Reprodukt Verlag erschienen ist. Seit 2005 bringt der Berliner Verlag die Bücher des Kanadiers auf Deutsch heraus, darunter etwa „Aufzeichnungen aus Jerusalem“, „Ratgeber für schlechte Väter“ und „Geisel“.

Als 16-jähriger Teenager bewirbt sich Delisle in seiner Heimatstadt für einen Ferienjob und radelt von nun an vier Nächte in der Woche für zwölf lange Stunden in die Fabrik. Nach einer Sicherheitseinweisung und Einarbeitung nimmt der junge Mann in der weitläufigen und in die Jahre gekommenen Halle inmitten von riesigen Walzen seine Arbeit auf. Er bedient Maschinen, schneidet Papier und lässt gerissene Fetzen in einem gefährlich anmutenden Schacht verschwinden. In der Fabrik ist es wahnsinnig heiß und laut. Um miteinander zu kommunizieren, haben die Arbeiter eine eigenwillige Zeichensprache entwickelt. Später lernt er auch andere Bereiche kennen, etwa die Nasspartie, wo der Zellstoff ankommt, und die Verpackungsabteilung.

Zwischenzeitlich gab es in der frankokanadischen Provinz 125 Papierfabriken

Guy Delisle gewährt in seinen Zeichnungen einen detaillierten Blick in die männerdominierte Arbeitswelt in der 1927 als Anglo-Canadian Pulp and Paper Mills gegründeten Fabrik. Heute firmiert sie unter dem Namen White Birch. Er schildert anekdotische Szenen aus der klimatisierten und mit einem Fernseher ausgestatteten Pausenkabine, in der die alteingesessenen Arbeiter kein Blatt vor den Mund nehmen. Seinen Vater, der bei der Firma als technischer Zeichner angestellt ist und im Großraumbüro über der Halle arbeitet, trifft der Teenager nur selten an. Es ist nicht nur der Blick auf einen geschichtsträchtigen und dem Wandel der Zeit unterworfenen Industriezweig Quebecs, den der Autor in „Lehrjahre“ vermittelt, sondern auch ein Einblick in ganz Persönliches wie die wortkarge Beziehung zu seinem Vater. Sein markanter Zeichenstil ist dabei wie gewohnt aufs Wesentliche reduziert. In die anschauliche Darstellung vom Arbeits- und Lebensalltag fügt er wohldosiert Hintergrundinformationen ein, etwa über die Geschichte der Fabrik und das Flößen, einen überaus gefährlichen Beruf, der 1987 schließlich verboten wurde. Zwischenzeitlich gab es in der frankokanadischen Provinz 125 Papierfabriken. Viele von ihnen sind heute stillgelegt und umfunktioniert, zum Beispiel zum Museum in Trois-Rivières, der Stadt, die zwischen 1920 und 1960 als Welthauptstadt der Papierindustrie galt.

Die Papiermühle in der Stadt Quebec zeigt Guy Delisle in der Totalen und in einzelnen Details. Farbliche Akzente setzt er mit Bedacht und nutzt dafür eine einzige Farbe, Ocker.

Wenn der Ferienjobber seine Schichten hinter sich gebracht hat, hängt er zu Hause ab, trifft sich mit Freunden oder deckt sich, als angehender Zeichner, in der Stadtbibliothek mit Comics ein. Nach seinem Studium an der Kunsthochschule in Toronto möchte er seine Leidenschaft zum Beruf machen und in einem Animationsstudio arbeiten. Dass das geklappt hat, zeigt ein Blick auf Guy Delisles Karriere: Von 1986 bis 1988 hat er für ein Montrealer Zeichentrickstudio gearbeitet. Anschließend ging er nach Europa und war hier für verschiedene Studios tätig. Er ist Autor erfolgreicher Bücher – mit „Lehrjahre“ ist nun auch sein jüngstes Werk auf Deutsch erschienen.

Lehrjahre. Von Guy Delisle. Reprodukt, Berlin, 2021.



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