Was einer in Deutschland erleben muss

von Insa Wilke

Breaking News (Ausgabe II/2017)


„Biodeutsch“: Das klingt so fies wie „Chlorhuhn“. Man möchte morgens definitiv nicht in den Spiegel schauen und eine Biodeutsche sehen. In seinem Buch „Unter Weißen“ macht uns der Journalist Mohamed Amjahid aber genau das bewusst: Wir sind im Bild. Ich schreibe „wir“, weil ich als weiße Deutsche dazugehöre, wenn Amjahid sein stereotypisierendes Kriterium anwendet: die Hautfarbe.

Es ist unangenehm, ungefragt einer Gruppe zugerechnet zu werden. Wie sich der andersmachende Blick anfühlt, wie er auf der Haut prickelt, sodass man sie am liebsten abstreifen möchte, lässt Amjahid die Weißen unter seinen Leserinnen und Lesern erfahren. Aber das ist nur ein Nebeneffekt seines Buches. Es geht in erster Linie um die Frage, warum weiße Ausländer cool „Expats“ genannt werden, nicht weiße hingegen „Migranten“, warum die Herkunft von den einen in Berichten über Kriminalfälle genannt wird und die von den anderen nicht, warum Mohamed Amjahid Wohnungen abgesagt und Visa ohne „weiße“ Bürgschaft verweigert werden, während weiße Freunde nie die Erfahrung machen mussten, grundlos für kriminell, gefährlich, schutzbedürftig oder faul gehalten zu werden: Er wollte wissen, wie es zu dieser Art von gesellschaftlicher Ausgrenzung kommt, schreibt Amjahid. Aber Rassismus ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen steht fett „Privilegien“: „Nur wer relativ zu anderen privilegiert ist, kann überhaupt rassistisch handeln.“

Ein simples Beispiel: „Biodeutsche“ müssen es mit der Sprache nicht so genau nehmen. Mit einem Wort wie „Negerkuss“ etwa. Nach dem Motto: Wir wissen doch alle, dass wir es nicht so meinen. Das „N-Wort“, schreibt Amjahid, transportiere aber bis heute die aus der Kolonialzeit stammende Überzeugung, „wonach Menschen mit weißer Hautfarbe mehr wert seien als andere“. Ja, so genau kann man es nehmen, muss es tun. Aber gerade die Medien, die Amjahid heftig kritisiert, die Meinungs- und Stimmungsmacher von der ZEIT bis RTL tun es nicht, Quote geht vor. Dabei geht es Amjahid gar nicht um Verordnungen, sondern um die Diskussion. Dann kann man immer noch erörtern, was gegen eine „gesäuberte“ Sprache spricht. Es wird aber nicht ernsthaft diskutiert, sondern in den meisten Fällen überheblich abgewunken.

„Unter Weißen“ führt dieses Verhalten und seine Folgen am bestechendsten vielleicht an Jan Böhmermanns rassistischer Erdo?an-Satire vor, für die der Moderator als „Speerspitze der Meinungsfreiheit“ gefeiert wurde. Lakonisch kommentiert Amjahid: „Nur derjenige, der nicht von rassistischer Sprache betroffen ist, besitzt das Privileg, eine solche Sprache erst gar nicht als rassistisch auffassen zu müssen und darüber zu lachen.“

Mohamed Amjahid geht nicht streng analytisch vor. Wenn er in lockerem Ton durch seine Erfahrungen und Beobachtungen führt, heißt das aber nicht, dass er nicht scharf denkt oder nicht weiß, was der aktuellste Stand der Forschung ist. Im Vordergrund steht aber das Anliegen, gemeinsam mit dem Leser die Augen zu öffnen und Veränderung zu bewirken. Und weil es Amjahid um Evidenz geht, erzählt er von seinen Recherchen zur Kölner Silvesternacht, an deren Ende der „weiße Mann“ als per se zivilisiert dasteht und ein unsichtbares „Wir“ offensichtlich das Urteil eines Richters beeinflusste.

Er erzählt von Erfahrungen in Ungarn und mit der AfD, von Rechtspopulisten, die verweigern, sich einem Gespräch mit ihm zu stellen. So reiht sich Episode an Episode zu einer giftigen Perlenkette, die die Möglichkeit eines zivilisierten Zusammenlebens nach humanistischen Maßstäben abschnürt. Warum das so ist, erklärt dieser Erfahrungsbericht nicht. Aber er macht klar: Wir haben ein massives Rassismusproblem, und zwar nicht nur die Biodeutschen, sondern wir alle, wie Amjahid am Beispiel der eigenen Familie zeigt. „Niemand ist frei von Rassismus“, meint er und erklärt, dass es ihm gar nicht um die derzeitigen Extreme geht, sondern um den alltäglichen Rassismus, den man als weiße oder weißere Person nicht sieht.

Amjadid selbst hat als Kind in Deutschland gelebt. Seine Eltern sind in den 1960er-Jahren aus Marokko nach Deutschland gekommen, um hier zu arbeiten. Sie gingen zurück nach Marokko, als er sieben Jahre alt war, weil einfach kein Reinkommen war in die deutsche Gesellschaft, trotz der Schufterei und Anpasserei. Mohamed Amjahid ist zum Studieren nach Deutschland zurückgekehrt. Später hat er als Journalist Karriere gemacht – ohne deutschen Pass und gegen den Widerstand der alltäglichen Hindernisse, die „Menschen wie ihm“, Menschen mit der falschen Haut- und Passfarbe, den Aufstieg bis heute erschweren. Klar wird in diesem alle Widerstandsgeister aktivierenden Buch: Wir alle müssen den Blick auf den eigenen Rassismus aushalten, um ihn abzubauen, sonst wird es düster in Deutschland.

Unter Weißen. Von Mohamed Amjahid. Hanser Berlin, Berlin, 2017



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