Asien im Biennalefieber

von Ursula Zeller

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Vor allem in Asien entstehen im 21. Jahrhundert viele Biennalen und lenken die Aufmerksamkeit von Europa ab. Darin zeigt sich einerseits ein gewisser Nachholbedarf. Andererseits erweist sich das Label „Biennale“ als besonders nützlich, um Aufmerksamkeit bei örtlichen Behörden sowie lokalen und überregionalen Sponsoren zu erwecken.

Anfang September 2006 starteten in Asien gleich drei Biennalen: in Singapur, Schanghai und Gwangju. Die Organisatoren der Biennalen stimmten nicht nur die Eröffungszeitpunkte aufeinander ab, um möglichst vielen Museumsdirektoren, Kuratoren, Kritikern und Sammlern aus aller Welt eine Reise nach Asien schmackhaft zu machen. Sie stimmten auch die Künstlerlisten aufeinander ab. So zog ein großer Tross von internationalen Kunstinteressierten, Kritikern, Kuratoren und Journalisten von einer Stadt zur anderen und konnte drei verschiedene Biennalen miteinander vergleichen und drei unterschiedliche Länder kennenlernen.

Angesichts dreier zeitgleich stattfindender Biennalen stellten sich aber nicht nur die internationalen Besucher, sondern vor allem die unterstützenden Organisationen aus der ganzen Welt die Frage, ob Asien jetzt innerhalb so kurzer Zeit tatsächlich so viele neue Biennalen braucht und für wen sie eigentlich realisiert werden. Wer eine Antwort finden will, muss genau hinschauen.

Singapur organisierte seine erste Biennale überhaupt. Der Tigerstaat möchte sich von einer Industriemetropole zum Dienstleistungszentrum entwickeln, bei dem die Kreativindustrien eine wichtige Rolle spielen sollen. Der Kunst ist dabei die Rolle des Motors zugedacht. Die Kuratoren und Künstler sehen in der Biennale hingegen eine Möglichkeit, an der politischen Öffnung des Landes mitzuarbeiten. Bestes Beispiel dafür ist die Arbeit „The Last Supper“ des schwedischen Künstlerpaares Bigert & Bergström. Sie setzt sich mit dem Thema der Henkersmahlzeit auseinander – eine besonders heikle Arbeit, wenn man weiß, dass in Singapur immer noch die Todesstrafe gilt. Dass sie gezeigt werden durfte, bedeutet einen kleinen Schritt Singapurs auf dem Weg zur Demokratie. Den Stadtstaat prägt aber auch das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Religionen. Das internationale Kuratorenteam um Fumio Nanjo wählte deshalb sehr passend „Belief“ als Biennalethema und nutzte sieben Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempel als Ausstellungsorte: Multireligiosität als Leitbild.

Für Schanghai war es bereits die 6. Biennale. Seit der ersten Ausgabe 1991 hat sich einiges geändert. Sie zieht nun nicht mehr nur ein Insiderpublikum an, sondern erreicht auch breite Bevölkerungskreise. „Hyperdesign“ als Inbegriff der Gleichzeitigkeit von Tradition und Gegenwart, freier und angewandter Kunst, bildete den Schwerpunkt. Die meisten Werke blieben jedoch an der Oberfläche des schönen Scheins hängen. Aber vielleicht korrespondiert dieser Blick auf die Kunst mit dem aufgeheizten Kunstmarkt in China, der die Werke der Künstler schon weitervertreibt, bevor sie überhaupt geschaffen werden.

Gwangju bietet ohne Zweifel die am routiniertesten präsentierte Biennale. 1995 ins Leben gerufen, ist sie eng verbunden mit Koreas Weg zur Demokratie: In Gwangju fand 1980 ein Aufstand gegen die damalige koreanische Militärdiktatur statt, den das Regime blutig niederschlug. Hier nahm die Bewegung für die Demokratie ihren Ausgang. Aus dieser kritischen Haltung zieht die Biennale bis heute ihre Energie. Insofern ist sie vielleicht die wichtigste unter den asiatischen Biennalen. Die 6. Ausgabe ging dem Thema „Fever Variations“ nach. Einer der Hauptkuratoren, der Chinese Wu Hung, war der Ansicht, dass angesichts der komplexer werdenden Probleme der Welt die Kunst langsamer werden müsse, um das Nachdenken darüber noch leisten zu können. Braucht also Asien all diese Biennalen? Die Antwort lautet ja. Jede trägt auf ihre Weise zur Entwicklung des Landes und der lokalen Kunstszene bei.



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