„Wir kommen zu schnell zur Sache“

ein Gespräch mit Sylvia Ortlieb

Treffen sich zwei. Westen und Islam (Ausgabe II/2009)


Sie bereiten in interkulturellen Trainings Geschäftsleute auf die arabische Welt vor. Welche Vorstellungen über den Orient haben Ihre Teilnehmer?

Das sind oft recht drastische Bilder. Als Erstes wird immer die Frauenunterdrückung genannt, dann die Angst, über den Tisch gezogen zu werden. Stark pauschalisiert wird das Problem des Islamismus, wobei 300 Millionen Araber schnell über einen Kamm geschoren werden. Auch Unberechenbarkeit, Irrationalität und Unehrlichkeit werden häufig unterstellt. Positive Bilder sind Wärme, Herzlichkeit, das bunte Leben, die Düfte und besonders die Gastfreundschaft Fremden gegenüber.

Und was denken die Deutschen, wie sie von den Arabern wahrgenommen werden?

Als Besserwisser, das befürchten viele Deutsche. Aber ihnen fällt durchaus mehr Positives ein, etwa ihre Pünktlichkeit, ihre gründliche Arbeit, Fleiß, Intelligenz, Zuverlässigkeit und Qualität.

Und wie sehen die Araber die Deutschen tatsächlich?

Die Deutschen gelten als naiv, was den Nahostkonflikt anbelangt, als durchsetzungsfähig, egoistisch, manchmal auch als arrogant, besserwisserisch und fast raffgierig im Geschäftemachen. Positive Aspekte sind Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und hervorragende Arbeitsqualität. Größer ist die Diskrepanz zwischen Eigen- und Fremdperspektive auf arabischer Seite. Araber sind sehr schockiert über das negative Bild, das Deutsche vom Orient haben, und auch enttäuscht darüber, dass die kulturellen Leistungen des Orients so wenig wahrgenommen werden.

Woher kommt dieses negative Bild?

Das ist die westliche Arroganz. Der Orient wird entweder völlig verklärt oder von oben herab betrachtet. Nur die Vereinigten Arabischen Emirate sind davon ausgenommen. Der Orient scheint kurz vor der Grenze Dubais haltzumachen.

Wo liegen die Hauptprobleme bei den direkten Kontakten im Geschäftsalltag?

Für arabische Mitarbeiter von euroarabischen Projekten ist es völlig unverständlich, wie wenig Zeit sich Deutsche nehmen, um Geschäftspartner kennenzulernen. Stattdessen kommen sie gleich direkt zur Sache. Die arabische Kultur ist sehr viel stärker beziehungsorientiert. Man legt Wert darauf, dass die Chemie stimmt. Deshalb wird viel Zeit für den Aufbau einer harmonischen Beziehung verwendet. Und das Thema „Gesicht-Wahren“ beziehungsweise „Gesicht-Nehmen“ ist geradezu ein Minenfeld: Deutsche sind mit Kritik schnell zur Hand, Araber reagieren darauf sehr empfindlich, ziehen sich zurück und die Beziehungsebene kann dauerhaft gestört sein. Araber erwarten, dass die Ehre des anderen gewahrt bleibt.

Welche kulturellen Fehltritte begehen Araber in Deutschland aus Unwissenheit?

Ein großes Tabu bei uns ist die Verherrlichung des Nationalsozialismus, aber das nehmen Araber nicht immer wahr. Im Gegenteil: Viele sehen Hitler als einen großen Mann, der Probleme relativ einfach lösen konnte. Ansonsten bestehen in unserer heterogenen Gesellschaft vor allem selektive Tabuwahrnehmungen. Papstbeleidigung und Religionskritik sind beispielsweise bei Katholiken tabu. Das wissen die Araber und sind religiösen Gefühlen gegenüber vorsichtig.

Was muss man als Frau im Orient beachten?

Da ist natürlich die Kleiderfrage – mit einem Hijab in Tunis aufzutreten wäre völlig unangebracht, im Iran hingegen ist es obligatorisch. Problematisch wird es auch beim Blickkontakt, wenn man nicht weiß, dass dieser offensiv und als Aufforderung verstanden wird. Die Haltung der Frau muss geübt werden. Ich ziehe gern den Vergleich heran: Nicht unsicher auftreten wie eine junge Braut sondern eher stolz und gesetzt wie eine arabische Schwiegermutter. Eine Frau, die sich kulturkompetent im Orient bewegt, wird merken, dass sie als Frau und Unternehmerin sehr respektiert wird und hohes Ansehen genießt.

Das Interview führte Andrea Heß



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