Wider die weiße Zeit

von Fatin Abbas

Angst vor Frauen (Ausgabe IV/2022)

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Autorin Fatin Abbas. Foto: Marie Constantinesco


Als ich Teenager war und in New York lebte, zogen meine Freunde und ich uns gegenseitig auf. Wenn einer von uns zu spät zu einem Treffen kam, sagten wir: „Du bist heute auf afrikanischer Zeit“ oder „Du bist auf Schwarzer Zeit.“ Auf Schwarzer Zeit zu sein bedeutete, unpünktlich zu sein, langsam und unproduktiv. In unserer Wahrnehmung entsprach das einer Abweichung von einer unsichtbaren Norm, also von dem, was ich die „weiße Zeit“ nenne.

Wieder in den Sinn gekommen ist mir dieser Teenagerwitz nun im Zusammenhang mit der Coronapandemie – einer Krise, die unser Verhältnis zur Zeit dramatisch verändert hat. Plötzlich saßen wir zu Hause und sparten uns viele Stunden des Pendelns. Treffen, Kurse und Veranstaltungen wurden abgesagt. Staatliche Finanzhilfen und Ausgangsbeschränkungen eröffneten den Menschen vielerorts neue Möglichkeiten. Mit einem Schlag hatten wir Muße, konnten unsere Ehen und Karrieren überdenken, gärtnern, backen und neue Sprachen lernen. Und bei all den verheerenden Folgen, die die Pandemie hatte, bestand doch für einen kurzen Moment die Hoffnung, das Ganze könnte zu einer Entschleunigung führen.


„Die Zeit ist ein zweischneidiges Schwert, ein Instrument, das uns entweder unterdrücken oder befreien kann.“


Für viele Menschen bewirkte die Pandemie jedoch das genaue Gegenteil: Sie löste eine Zeitkrise aus. Vor allem für Eltern, einfache Arbeiter, Beschäftigte im Gesundheitswesen und in systemrelevanten Berufen ließ die Coronakrise eine andere, ihr vorausgehende Krise zutage treten: Immer häufiger wird von uns erwartet, dass wir in immer kürzerer Zeit immer mehr leisten – und der technologische Fortschritt hat diese Lage in den vergangenen Jahren nur noch weiter verschärft. Ständig besteht die Gefahr, dass unsere Zeit von dem Pling einer SMS oder einer E-Mail-Benachrichtigung gekapert wird.

Die Zeit ist ein zweischneidiges Schwert, ein Instrument, das uns entweder unterdrücken oder befreien kann. Sie ist weder neutral noch objektiv, obwohl wir sie häufig so betrachten. Sie wird je nach Kultur, Geschichte und politischem Kontext unterschiedlich bewertet, erlebt und eingesetzt. Nehmen wir die „Schwarze Zeit“. Der erwähnte Teenagerwitz hat seinen Ursprung in den sehr unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen und Wahrnehmungen von Zeit. Ich wurde in Khartum geboren und bin mein ganzes Leben lang zwischen dem Sudan und meiner Wahlheimat, den USA, gependelt.

Auch heute ist der abrupte Wechsel zwischen „amerikanischer Zeit“ und „sudanesischer Zeit“ noch immer ein Schock für mich. Im Sudan gehen die Menschen davon aus, dass ein Besuch, etwa bei Verwandten, nicht nur ein oder zwei Stunden dauert, sondern sieben oder acht. Noch besser ist es, wenn man über Nacht bleibt. Deshalb sind sudanesische Wohnzimmer auch mit Betten ausgestattet. So lassen sich die Tagesbesuche spontan zu Übernachtungen ausweiten.


„In Khartum dient die Zeit dazu, soziale Kontakte zu pflegen; in New York dazu, Dinge zu produzieren.“


Nach einem vier- oder fünfstündigen Besuch bei meiner Familie in Khartum knirsche ich innerlich mit den Zähnen, beiße mir auf die Zunge, schimpfe und tobe in Gedanken vor mich hin: Wie ist es nur möglich, dass diese Tanten denken, ich hätte den ganzen Tag Zeit, um über dies und jenes zu plaudern? Ich habe Dinge zu erledigen! Abgabetermine einzuhalten! Und selbst wenn es nur darum geht, dass ich Zeit für mich haben möchte, Zeit zum Ausruhen, damit ich morgen noch produktiver sein kann.

Erst nach Jahren habe ich verstanden, dass die Zeit in Khartum oft nur dazu dient, soziale Kontakte aufzubauen und zu festigen; zusammen Zeit zu verbringen, Solidarität und Gemeinschaft zu erzeugen. In New York City dient die Zeit wiederum dazu, Dinge zu produzieren – und in erster Linie Dinge, die dem eigenen Weiterkommen zuträglich sind. Doch bevor ich den Sudan allzu sehr romantisch verkläre: Auch dort fällt Zeit selbstverständlich nicht vom Himmel. Und die meiste mit Gastfreundschaft verbundene Arbeit bleibt an den Frauen hängen: das Kochen, Putzen, Bewirten. Das sind die notwendigen Voraussetzungen für diese Art, Gemeinschaft zu schaffen.

Eine starke Dissonanz besteht zwischen sudanesischer und amerikanischer Zeit aber trotzdem. Sie ist ein Hinweis darauf, dass jene Zeitkonzeption, an die ich mich in den USA gewöhnt habe und die ich mittlerweile als „richtig“ und „normal“  ansehe, in einer bestimmten Kultur und einem bestimmten Wirtschaftssystem verwurzelt sind. Die „weiße Zeit“ ist die westliche kapitalistische Zeit, die vor allem für die Herstellung materieller oder intellektueller Konsumgüter genutzt wird. Sie ist linear, effizient, pünktlich, produktiv – neoliberal.


„So wurden die meisten Feldarbeiterinnen und Feldarbeiter in Zeiten der Sklaverei dazu gezwungen, bis zum absoluten Maximum – und manchmal sogar bis zum Tod – zu arbeiten.“


Die messbaren Sekunden, Minuten und Stunden, die die „weiße Zeit“ strukturieren, setzen eine Linearität voraus, die für viele Schwarze Menschen, People of Color, ehemals kolonisierte oder auch queere Menschen, also jede Gruppe, deren Existenz von einer Geschichte der Gewalt geprägt ist, eine Illusion darstellt. Deshalb ist die „Schwarze Zeit“ sowohl ein Witz als auch todernst. Sie wird von mehreren Schichten Traumata überlagert: von dem historischen Trauma der Sklaverei und des Kolonialismus, von dem strukturellen gesellschaftlichen Rassismus und von dem wirtschaftlichen Trauma und der niemals endenden ökonomischen und intellektuellen Enteignung, die daraus erwachsen ist. Und damit nicht genug, denn diese sich überschneidenden und ineinandergreifenden Erschütterungen führen nicht selten zu weiteren familiären oder intimen Traumata.

Eine derart geprägte Zeit ist verzerrt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehen ineinander über. Deshalb gibt es in Toni Morrisons Roman „Menschenkind“ auch einen Geist: Das tote Baby der Schwarzen Protagonistin Sethe kehrt als das Trauma der Sklaverei zurück und sucht die Mutter in der Gegenwart heim. So enkommt Sethe zwar der Sklaverei, kann aber trotzdem nicht in die Zukunft voranschreiten.

Zeit ist aber nicht nur durch Traumata geprägt. Sie dient sozusagen auch der Traumatisierung. Denn je repressiver ein wirtschaftliches oder politisches System ist, desto zwanghafter kontrolliert es die Zeit, um zu überwachen und zu bestrafen. So wurden die meisten Feldarbeiterinnen und Feldarbeiter in Zeiten der Sklaverei dazu gezwungen, bis zum absoluten Maximum – und manchmal sogar bis zum Tod – zu arbeiten. Bis zu 18 Stunden während der Erntezeit. Dabei durften sie so gut wie keine Pausen machen oder gerade so viele, dass sie weiterhin produktiv blieben.

Wie die Historikerin Caitlin C. Rosenthal gezeigt hat, waren zeitintensive Arbeitspraktiken während der Sklaverei eine direkte Inspirationsquelle für moderne Managementkonzepte. Das „Aufgabensystem“ etwa, das damals als Instrument der Arbeitsorganisation entwickelt wurde, verlangte, dass jede Sklavin und jeder Sklave ein Mindestkontingent an „Aufgaben“ innerhalb einer bestimmten Zeit erledigten. Dieses System wurde später von den zwei Mitbegründern der „Wissenschaftlichen Betriebsführung“ adaptiert: von Henry Laurence Gantt, nach dem das Gantt-Diagramm zur grafischen Darstellung von Zeitabläufen benannt ist, und von Frederick Winslow Taylor, dem geistigen Vater des Taylorismus.


„So gerät die Zeit unter die Kontrolle eines unerbittlichen Marktes. Kein Moment mehr zum Ausruhen, Protestieren oder Kreativsein.“


Ich will damit nicht die Sklaverei mit dem Spätkapitalismus gleichsetzen. Arbeitnehmer werden bezahlt, wenn auch schlecht, und sie haben Rechte, selbst wenn diese in Zeiten des Neoliberalismus immer wieder infrage gestellt werden. Trotzdem ist es hilfreich, über die Verbindung zwischen diesen beiden Systemen nachzudenken, und über ihren Umgang mit der Zeit. Aktuell berichten etwa Amazon-Mitarbeiter, dass sie während ihrer Schicht in Flaschen urinieren müssen, weil der Weg zur Toilette zu lange dauern würde und sie ihre Sollarbeitszeit dann nicht erfüllen könnten. So macht sich der Kapitalismus Arbeitnehmer durch die Kontrolle von Zeit untertan. In der „Gig Economy“, bei der kleine Aufträge kurzfristig an prekär Beschäftigte oder Freiberufler vergeben werden, erhalten Arbeitnehmer eine dermaßen geringe Bezahlung, dass sie immer mehr arbeiten müssen. Sie gehen zwei, drei oder gar vier Jobs gleichzeitig nach, um über die Runden zu kommen. So gerät die Zeit unter die Kontrolle eines unerbittlichen Marktes. Kein Moment mehr zum Ausruhen, Protestieren oder Kreativsein. Kein kurzer Augenblick, um ein System infrage zu stellen, das auf der Ausbeutung der Vielen zum Nutzen der Wenigen beruht.

Es gibt jedoch erste Anzeichen dafür, dass die Menschen die Nase voll davon haben. Während der Pandemie erlebten einige von uns eine „langsame Zeit“, andere eine „Zeitkrise“, und die meisten von uns bekamen zumindest einen Eindruck von beidem – wenn auch in unterschiedlichen Dosen. Dabei haben wir erkannt, dass unser Verhältnis zur Zeit ein anderes sein kann. Zwischen Januar 2021 und Februar 2022 haben fast 57 Millionen US-Amerikaner ihren Job an den Nagel gehängt, das sind 25 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum vor der Pandemie; und auch anderswo zeichnete sich zuletzt ein ähnlicher Trend ab. Die „Great Resignation“ – die große Kündigungswelle – hat auch damit zu tun, dass die Menschen Arbeitgeber leid sind, die sie ausnutzen und schlecht bezahlen.


„Das Grundeinkommen ist radikal, weil es die Menschen nicht nur von wirtschaftlicher Unsicherheit, sondern auch von Zeitmangel befreien kann.“


Aber es reicht nicht, einen Job für einen geringfügig besseren zu kündigen. Junge Menschen – die Millennials und die Generation Z – haben erkannt, dass das Streben nach sozialem Aufstieg Zeitverschwendung ist. Die Inflation schießt in die Höhe, an erschwingliche Wohnungen ist nicht zu denken, das Klima geht zur Hölle. Wer diesen Generationen „Faulheit“ unterstellt, verkennt den Wertewandel. Junge Menschen haben erkannt, dass es vielleicht keine profitableren, aber durchaus sinnvollere Möglichkeiten gibt, seine Zeit zu nutzen. Aus diesem Grund sind aufkommende Initiativen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen bei jungen Menschen beliebter als bei der älteren Generation. Das Grundeinkommen ist radikal, weil es die Menschen nicht nur von wirtschaftlicher Unsicherheit, sondern auch von Zeitmangel befreien kann. Es gibt nicht nur den Reichen Zeit, sondern auch den Armen, den Müttern und Vätern, den Künstlerinnen und Künstlern, denjenigen, die nicht für den Profit eines Unternehmens, sondern für das Gemeinwohl arbeiten. Das Grundeinkommen kann genau die Räume für Erholung, Protest und Kreativität schaffen, die wir brauchen, um uns den aktuellen Herausforderungen zu stellen – vom Klimawandel über die „White Supremacy“ bis hin zur „Gig Economy“.

Warum fordern wir also nicht endlich ein bedingungsloses Grundeinkommen ein und streiten für eine langsame Zeit, die die Logik des Marktes infrage stellt? Genau dabei könnte die Schwarze Zeit uns helfen. Eben weil sie nicht synchron ist, stört sie die „Effizienz“ des neoliberalen Kapitalismus. Sie erinnert uns daran, dass es Vorstellungen von Zeitlichkeit gibt, die außerhalb der Norm weißer Zeit existieren. Schwarze Zeit registriert die Traumata, die die Geschichte von Randgruppen prägen und schafft durch Entschleunigung Raum für Solidarität und Gemeinschaft.

Denn erst wenn wir die bestehenden Konzepte der Zeit aufbrechen, können wir neue Möglichkeiten schaffen. Vielleicht gelingt es uns dann sogar, uns ganz von unserem ausbeuterischen Wirtschaftssystem zu befreien. Wie die Autorin Ursula K. Le Guin sagt: „Wir leben im Kapitalismus. Seine Macht scheint unausweichlich. So war es auch mit dem Gottesgnadentum der Könige. Menschen können sich jeder menschlichen Macht widersetzen und sie verändern.“ Aber das braucht Zeit.     

Aus dem Englischen von Claudia Kotte

Anmerkung: Die Autorin schreibt das Adjektiv »Schwarz« hier groß, weil sie es als sozialpolitische Kategorie benutzt.



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