Gold kann man nicht trinken

von Máxima Acuña de Chaupe

Geht uns das Wasser aus? (Ausgabe III/2022)

  • Ein Wandgemälde zu Ehren von Máxima Acuña de Chaupe, der „Hüterin des Wassers“, an der Fassade eines Hauses in Celendín bei Cajamarca. Foto: Eva Tempelmann

  • Die Bevölkerung der Region Huaraz organisiert jedes Jahr eine Zeremonie für das Wasser „pago al agua“ an der Laguna Paron. Foto: Eva Tempelmann

  • Foto: Eva Tempelmann


Ich lebe in Sorochuco, einer entlegenen Region im Andenhochland im Norden von Peru. Unsere Gegend wirkt karg, aber der Boden ist fruchtbar. Wasser bekommen wir von der Laguna Azul, dem blauen See, der in der Nähe unseres Hauses liegt. Wir trinken es und nutzen es für die Landwirtschaft und die Tiere. „Mama Llacu“, sagen wir in unserer Muttersprache Quechua, Mutter Wasser. Von ihr kommt alles Leben.
Wasser ist knapp in den Anden. In der Trockenzeit fällt fast kein Regen, und wenn die Gletscher in den Bergen durch den Klimawandel weiter schmelzen, wird auch diese Wasserquelle irgendwann versiegt sein.

Ich bin in dieser Region geboren und aufgewachsen, hier lebe ich. Mit meinem Mann Jaime habe ich 1994 ein Stück Land gekauft und ein einfaches Haus aus Lehm darauf gebaut. Vier Kinder haben wir dort großgezogen, jetzt haben wir bereits Enkelkinder. Wir pflanzen Kartoffeln, Bohnen und Getreide an und haben Schafe und Hühner. Auf dem Markt verkaufe ich das Getreide und Stoffe, die ich nähe und per Hand mit Pflanzensaft färbe.

Seit Jahrhunderten suchen die Menschen in dieser Region nach Gold. Erst die Inka, dann die spanischen Kolonialisten. Vor dreißig Jahren entstand in der Nähe unseres Hauses eine der größten Goldminen der Welt, Yanacocha. Sie gehört mehrheitlich dem US-Bergbauunternehmen Newmont. Der Tagebau erstreckt sich über 250 Quadratkilometer, er hat die ehemals grünen Hügel in eine Mondlandschaft verwandelt.

„Manche Lagunen und Flüsse sind danach rot wie Blut, kein Fisch schwimmt mehr darin.“

Riesige Bagger graben auf der Suche nach Gold täglich immense Mengen Gestein um. Die Mine sollte erweitert werden mit dem Bergbauvorhaben Conga. Damit begannen unsere Probleme. 2011 kamen Mitarbeiter von Newmont zu uns und wollten die vier Hektar Land kaufen, auf denen wir leben. Sie sagten, die Lagune sei voller Gold. Wir lehnten ab. Wir wussten: Wenn wir unser Land verlassen, wird es zur Wüste.

Das Problem mit den Minen ist, sie benötigen Unmengen an Wasser, trocknen Brunnen aus und verseuchen die Böden. Bei der Verarbeitung werden giftige Stoffe wie Quecksilber und Cyanid verwendet. Immer wieder gelangt kontaminiertes Wasser in die Flüsse und ins Grundwasser. Manche Lagunen und Flüsse sind danach rot wie Blut, kein Fisch schwimmt mehr darin. Das giftige Wasser landet auf den Feldern, die wir bewässern, und damit in den Pflanzen, die wir essen. Niemand kümmert sich darum. Für die Regierung in der Hauptstadt Lima sind wir weit weg. Newmont akzeptierte unsere Entscheidung damals nicht und behauptete, wir wohnten illegal auf dem Stück Land. Sie dachten, ich würde mich nicht wehren – ich bin eine einfache Frau, ich kann weder lesen noch schreiben. Aber das Land gehört uns, wir haben eine Besitzurkunde. Bald tauchten Minenmitarbeiter auf, manchmal mit Polizisten in Uniform. Sie drohten uns, brachen in unser Haus ein, töteten das Vieh.

Einmal schlugen sie mich und meine Tochter so heftig, dass ich bewusstlos wurde. Ich hatte furchtbare Angst. Eine Menschenrechtsorganisation aus Cajamarca bot uns rechtliche Unterstützung an. So sind wir mit der Anwältin Mirtha Vásquez vor Gericht gegangen. Mirtha hat sich sehr für unser Anliegen eingesetzt und auch später auf politischer Ebene für mehr Gerechtigkeit im Land gekämpft, zuletzt als Premierministerin des Landes. Sie wusste, dass wir mit unserem Widerstand ein Exempel statuieren würden. Dass das Recht auf Wasser wichtiger ist als der Profit. Trotzdem gab das Oberste Gericht drei Jahre später Newmont recht. Wir bekamen eine Bewährungsstrafe und ein hohes Bußgeld.

„Das Gold, das so wertvoll sein soll, hat nur Leid gebracht. Wir brauchen es nicht zum Leben, aber wir brauchen das Wasser.“

Dieses Urteil war ungerecht. Wir erhielten sehr viel Unterstützung aus der Bevölkerung und Solidarität aus vielen anderen Ländern. Der Großteil der Menschen in Cajamarca war gegen das Conga-Projekt. Wir gingen auf die Straße und protestierten. „Agua si, oro no“, haben wir gerufen, Ja zum Wasser, Nein zum Gold. Gold kann man nicht trinken. Die damalige Regierung hat unsere Proteste mit Gewalt unterdrückt, es gab Verhaftungen und Verletzte, fünf Menschen wurden erschossen. Das war 2012.

Fünf Jahre später hat das Gericht uns schließlich recht gegeben. Das Conga-Projekt ist auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Wir müssen das Land nicht verlassen. Aber die Konflikte sind damit nicht verschwunden. Überall in den Anden, in ganz Peru gibt es Menschen, die für ihren Widerstand gegen den Megabergbau bedroht oder sogar getötet werden. Die Regierung stellt sich auf die Seite der Unternehmen. Bergbau sei der Motor für die Entwicklung des Landes, sagen die Politiker: „Ihr werdet vom Bergbau profitieren, ihr bekommt Arbeitsplätze und Wohlstand.“ Aber Cajamarca ist bis heute eine der ärmsten Provinzen Perus. Das Gold, das so wertvoll sein soll, hat nur Leid gebracht. Wir brauchen es nicht zum Leben, aber wir brauchen das Wasser.

Protokolliert von Eva Tempelmann



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