Von Dumas bis Puschkin

von Katharina Oguntoye

Schwarz-Weiß-Denken (Ausgabe II/2022)

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Emmanuel Rio, ein „afrikanischer Europäer“. Malerei: Albert Schindler; Repro: Getty Images / Hulton Archive / Heritage Art


Beginnend mit dem heiligen Mauritius – jenem ägyptischen Kommandeur der römischen Armee, der ab dem vierten Jahrhundert zum Schutzheiligen diverser europäischer Herrscher auserkoren wurde – über Kaiser Septimius Severus, der im heutigen Lybien geboren wurde, bis hin zu den Schwestern Paulette und Jane Nardal, die in Frankreich im Jahr 1931 die einflussreiche Zeitschrift „La Revue du Monde Noir“ gründeten: Olivette Oteles „Afrikanische Europäer“ führt Leserinnen und Leser einmal quer durch ganz Europa. Das ist neu, denn bisher wurden die historischen Recherchen zu Schwarzen Menschen selten aus internationaler Perspektive betrieben, sondern eher in einem nationalen Rahmen. So versuchten viele Autorinnen und Autoren in der Regel erst einmal Hinweise auf die Präsenz von Afrikanerinnen und Afrikanern in der jeweiligen nationalen Geschichte zu finden und ihnen nachzugehen.

Vor diesem Hintergrund mag auch der Titel von Oteles Buch zunächst einmal erstaunen. „Afrikanische Europäer“: In dieser Begrifflichkeit steckt vor allem die Suche nach einer Ausdrucks- und Beschreibungsmöglichkeit für das wandelnde Selbstverständnis einer Bevölkerungsgruppe, die bisher mehr oder minder unsichtbar war, jedoch in allen europäischen Ländern existiert. Gleichzeitig, so beschreibt es Otele bereits in der Einleitung des Buches, ist der Begriff „Afro-Europäer“ natürlich eine Provokation für diejenigen, die leugnen, dass es Menschen mit mehreren Identitäten oder gar Staatsbürgerschaften geben kann.

Doch die Autorin will mit dieser Provokation gleich zu Beginn zum Nachdenken anregen. Der Begriff „Afrikanische Europäer“ sei eine „herausfordernde Einladung, neu zu denken, wie wir europäische und afrikanische Geschichten nutzen und lesen und wie wir Begriffe wie „Staatsbürgerschaft“, [...] „Zusammenhalt“ und „Brüderlichkeit“ definieren, die die Grundlage der heutigen gesellschaftlichen Werte in Europa bilden“, so Otele. Immer wieder analysiert sie deshalb auch die Grausamkeit rassistischer Sichtweisen – wenn auch vielleicht hin und wieder auf allzu akademische Art und Weise – und greift die Biografien von bekannten und auch unbekannten Menschen mit afrikanischen Wurzeln auf und flicht dabei erzählerische Elemente ein. Diese stilistische Mischung bewegt und vermittelt gleichzeitig einen neuen Blick auf politische, ökonomische und kulturelle Zusammenhänge in europäischen Gesellschaften.

„Der Begriff „Afrikanische Europäer“ soll zum Nachdenken anregen“

Darüber hinaus zeigt Otele auch auf, wie sich das Bild von Afrika im europäischen Diskurs im Laufe der Jahrhunderte verändert hat – und dass es in der Vergangenheit nicht immer negativ besetzt war. So beschreibt die Autorin, wie zunächst kirchliche Manuskripte im Mittelalter die Dichotomie von Schwarz und Weiß verbreiteten und die endgültige Verzerrung des Afrikabildes dann mit der Kolonialisierung und der Erfindung des Rassenbegriffs entstand. So seien auch ausgerechnet die Vordenker der Aufklärung maßgeblich an der Konstruktion des Bildes vom unterentwickelten, geschichts- und kulturlosen Kontinent Afrika beteiligt gewesen. Vor diesem Hintergrund verweist Otele auch darauf, wie Europa immer wieder von afrikanischen Europäerinnen und Europäern profitierte und deren Talente für sich nutzte. Wo es heute besonders oft Schwarze Sportlerinnen und Musiker sind, die von Europa für sich beansprucht werden, waren es früher etwa Künstler wie Alexandre Dumas, der Autor von „Die drei Musketiere“, und Alexander Puschkin, der Begründer der modernen russischen Literatur. Bis heute ist nur den wenigsten bekannt, dass Dumas' Großvater seine Kinder mit einer Schwarzen Sklavin auf Haiti zeugte und dass Puschkin einen afrikanischen Urgroßvater hatte.

Indem Otele verschiedene Biografien nebeneinanderstellt und gleichzeitig immer wieder ausführlich auf die Rassismus- und Diskriminierungsforschung zurückgreift, versucht sie einen Spagat zu schaffen: Auf der einen Seite will sie die Geschichten von Menschen mit afrikanischer Herkunft erzählen und deren Widerstandskraft aufzeigen. Auf der anderen Seite ist sie an der wissenschaftlichen Aufarbeitung der negativen europäischen Sichtweise auf Schwarze Menschen und den afrikanischen Kontinent interessiert. Dabei würde wohl schon einer der beiden Aspekte genug Stoff für eine lange Abhandlung bieten. Und so wird das ständige Changieren zwischen diesen zwei Vorhaben ab und zu auch eine Herausforderung für die Leserinnen und Leser.

„Afrikanische Europäer“ formuliert jedoch auch gar nicht den Anspruch, eine vollständige Darstellung aller bekannten Biografien von Schwarzen in Europa zu sein. Vielmehr merkt die Autorin wiederholt an, dass viele interessante Persönlichkeiten aus Platzmangel in ihrer Darstellung fehlen. Ein durchaus nützlicher Hinweis für Wissenschaftlerinnen und Autoren, die sich, womöglich durch die Lektüre des Buches inspiriert, auch dem Thema widmen wollen.

Eine gute Ergänzung zu der akademischen Debatte rund um Rassismus, Geschichte und Eurozentrismus, die Otele aufgreift, ist auch das letzte Kapitel des Buches, das den Titel „Identität und Befreiung. Afroeuropäer*innen heute“ trägt. Darin geht die Autorin auf die neuesten Entwicklungen des afroeuropäischen Aktivismus ein und liefert einen Abriss wichtiger feministischer und non-binärer Projekte und Debatten in ganz Europa: von Frankreich und Großbritannien über Finnland und die Niederlande bis hin zu Spanien und Griechenland. Auch die Themen Migration und Fluchterfahrung nimmt Otele dabei auf und verweist insbesondere auf die Anstrengungen vieler junger Afroeuropäerinnen und Afroeuropäer, die sich in die Antirassismus-Arbeit einbringen und für Anerkennung und Gleichstellung streiten.



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