Aus dem Untergrund

von Kai Schnier

Eine Geschichte geht um die Welt (Ausgabe III/2020)

Fotografie Çağdaş Erdoğan -

Für sein Fotobuch »Control« hat der Fotograf Çağdaş Erdoğan drei Jahre lang die Istanbuler Untergrundszene dokumentiert. Zurzeit ist er Stipendiat bei bi’bak, einem Berliner Projektraum mit Fokus auf Migration und globaler Mobilität. Foto: Çağ


Zeichnet, macht Fotos, schreibt« – diese Worte richtete Çağdaş Erdoğan im Oktober 2017 aus dem Gefängnis an seine Kollegen in der Türkei. Der Fotograf schrieb auch: »Meine Freunde, eines Tages werden wir frei sein.« Für ihn selbst sollte diese Prophezeiung fünf Monate später in Erfüllung gehen. Nach einem halben Jahr in Haft wurde er im Februar 2018 unter Auflagen entlassen. 

Offiziell war Çağdaş Erdogan im September 2017 wegen eines Fotos verhaftet worden, das er in einem Park in Istanbul geschossen hatte. Laut der Behörden war darauf ein Gebäude zu sehen, das vom türkischen Nachrichtendienst benutzt wurde. Der Fotograf kam wegen Terrorismusverdacht hinter Gitter. Fragt man ihn heute nach den Vorwürfen, dann schüttelt er den Kopf: »Die Anschuldigungen waren erfunden«, sagt er. »Man hat mich eingesperrt, weil ich der Welt die ungemütliche Seite meiner Heimat gezeigt habe.« 

Und tatsächlich bieten Erdoğans Fotos Einblicke, die man von Staats wegen wohl lieber unter Verschluss halten würde. Jahrelang dokumentierte der mittlerweile 28-Jährige den Istanbuler Untergrund. Bilder von Privatpartys aus der LGBTQI*-Szene stehen dabei neben Protestfotos der kurdischen Minderheit sowie Porträts von Kleinkriminellen und Bandenmitgliedern. Alles, was Erdoğans Namensvetter an der Staatsspitze seit Jahren an den gesellschaftlichen Rand zu drängen versucht, befördert der junge Fotograf mit seinen blitzlastigen Schwarz-Weiß-Fotos ans Tageslicht. 

Hört er Wörter wie »Revoluzzer« oder »Widerstandskämpfer«, mit denen er für seine gewagten Bilder von internationalen Medien betitelt wird, dann runzelt Çağdaş Erdoğan jedoch die Stirn. »Die westliche Presse baut gerne Gesichter des Widerstands auf, mit denen sie sich wohlfühlt«, sagt der Fotograf. »In Deutschland sind das Intellektuelle wie Can Dündar und Ahmet Altan.« Zu ihnen möchte Erdoğan sich nicht zählen. Insbesondere weil über andere Oppositionelle viel zu selten berichtet würde: »In der Türkei sitzen gegenwärtig 150 kurdische Journalistinnen und Journalisten im Gefängnis. Deren Namen haben Sie noch nie gehört, oder?«



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