Die leeren Straßen von Aleppo

von Ronald Düker

Talking about a revolution (Ausgabe II/2020)


Je länger dieser Krieg dauert, und er dauert nun schon bald zehn Jahre, desto stereotyper werden die Bilder, die die Welt aus Syrien zu sehen bekommt. Ganze Häuserzeilen, die sich durch die Bomben in Skelette verwandelt haben, die Feuerbälle nächtlicher Explosionen, plötzlich obdachlos gewordene Menschen, die ihre Säuglinge durch die Trümmer tragen. Dazu das Strategiespiel der Staatenlenker: Hier schütteln sich Assad, Putin und Erdoğan die Hände, dort findet eine Sicherheitskonferenz statt, da zeichnet ein Experte auf einer Landkarte die ständig sich verschiebenden Frontverläufe zwischen einer verwirrend großen Anzahl verschiedener Kriegsparteien nach. Unterdessen wird getötet und gestorben.

In der Lücke, die der Teufel lässt, leben die Syrer. Wer erzählt von ihnen? Vielleicht niemand so wie Khaled Khalifa. Der 1964 in Aleppo geborene Schriftsteller ist in seiner Heimat so berühmt wie verfemt. Er hat Drehbücher für Kinofilme geschrieben und mittlerweile fünf Romane. Ausgezeichnet mit einem der renommiertesten Literaturpreise der arabischen Welt, kursieren seine Bücher aber in Syrien selbst nur als Raubkopien. Und dann noch diese, besonders für westliche Leser nicht zu unterschätzende Besonderheit: Khalifa lebt nicht im Exil, sondern nach wie vor in Damaskus, was ihn zum glaubhaften Chronisten der Katastrophe seines Landes macht.

Der Erzähler kommt zur Welt, als die Assads sich an die Macht putschen

Der Roman »Der Tod ist ein mühseliges Geschäft« war vor zwei Jahren sein erstes Buch, das ins Deutsche übersetzt und hier begeistert aufgenommen wurde. Die Reise dreier Geschwister, die mit dem Sarg ihres gerade verstorbenen Vaters zu dessen Heimatdorf unterwegs sind, wo die Beerdigung stattfinden soll, legt die von tausend Checkpoints zerrissene Oberfläche ihres Landes frei sowie eine Familiengeschichte, in die der Bürgerkrieg nur den jüngsten und brutalsten Pflock geschlagen hat. Und jetzt erscheint bald auf Deutsch Khalifas neuer Roman »Keine Messer in den Küchen dieser Stadt«. Wieder ist es eine Familiengeschichte, die sich, diesmal ausgehend vom Tod der Mutter, über drei Generationen entspannt. Sie endet kurz vor dem Bürgerkrieg und bewahrt den Leser, sogar in Kriegstagen, davor, die vorausgegangenen Jahrzehnte zu verklären. Just in jener Woche des Jahres 1963, in dem sich die Assads an die Macht putschen, kommt der namenlose Ich-Erzähler des Romans zur Welt. Er spricht vom Mitleid der Krankenschwestern, »als sie mein mageres Gesichtchen und die Bewegungen meiner kleinen Händchen sahen. Draußen waren die Straßen von Aleppo leer gefegt, nachdem sich die Nachricht vom Putsch verbreitet hatte: Offiziere der Baathpartei hatten sich des Generalstabsquartiers und des Radio- und Fernsehgebäudes bemächtigt und die Erklärung Nummer eins abgegeben.« Die Mutter des Erzählers ist eine kultivierte Großstädterin mit Sehnsucht nach Vivaldi, Paris und dem Tango. Der Vater dagegen ein melancholischer Alkoholiker vom Land, der die Familie früh verlässt, um mit einer amerikanischen Archäologin durchzubrennen. Die Schwester ist erst Assad-Adeptin, dann Islamistin. Der Onkel: schwul.

Schwer zu sagen, welches Motiv – die Scham auf der familiären oder die Paranoia auf der gesellschaftlichen Ebene – das eindringlichste dieses Romans ist. Dieses Land, in dem die Mutter ihre Kinder warnt, »die Geheimdienstler säßen auch auf den Blättern der Bäume«, verschnürt jedes Denken und Sprechen: »Allein die Feststellung, Petersilie sei teuer, konnte von einem Spitzel als Klage über die Politik der Partei gewertet werden. Und wenn man über den Tod sprach, konnte das bedeuten, man lebe nicht gerne unter der Herrschaft der Partei.« Vom Tod als Tabuthema zum Tod als Alltagsrealität: Dieser unbedingt lesenswerte Roman bezeugt, warum genau diese Gesellschaft genau diese Revolution so sehr gewollt hat, kaum ahnend, wie schlimm es schließlich kommen würde.

Keine Messer in den Küchen dieser Stadt. Von Khaled Khalifa, Rowohlt, Hamburg, 2020. Das Buch erscheint am 21. April 2020.



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