„Wer nicht weint, ist ein Held“

ein Gespräch mit

Innenleben. Ein Heft über Gefühle (Ausgabe III/2013)


Wer zum ersten Mal nach Ruanda kommt, dem fällt auf, dass auf den Gesichtern seiner Gesprächspartner oft keine Gefühlsregungen auszumachen sind. Woran liegt das?

Für Ruander ist es selbstverständlich, in der Öffentlichkeit keine Gefühle zu zeigen. Bereits als Kinder werden wir dazu erzogen, unsere Emotionen zurückzuhalten. Wenn ein Kind nachts weinend zu den Eltern kommt, weil es Angst hat, sagen die Eltern: „Du bist doch ein großes Mädchen, sei stark und weine nicht!“ Bei Erwachsenen wird es erst recht nicht akzeptiert, wenn sie ihre Gefühle offen zur Schau stellen. Dies gilt als Zeichen von Schwäche.

Ist das ein speziell ruandisches Phänomen?

Wie man mit seinen Gefühlen umgeht, hängt immer von der Kultur und der Erziehung ab. Ich habe auch im Kongo gelebt. Dort teilen die Menschen viel offener mit, was sie empfinden. Bei Theatervorstellungen konnte ich Menschen beobachten, die vor Freude schreien, wenn ihnen das Dargebotene gefällt. Und auch bei Beerdigungen werden die Toten mit lauter Stimme beklagt. Wenn in Ruanda eine dir nahestehende Person stirbt, sagen dir deine Bekannten immer wieder: „Sei stark und reiß dich zusammen!“ Schaffst du es tatsächlich, nicht zu weinen, dann wirst du als eine Art Held angesehen.

Wie teilen Ruander mit, was in ihnen vorgeht?

Oft lässt man seinen Gefühlen erst freien Lauf, wenn man allein ist. Es kommt auch vor, dass man sich anderen Menschen anvertraut. Aber diese Menschen müssen einem sehr nahestehen. In der ruandischen Tradition gab es einen anderen Weg: Wenn dir jemand zeigen wollte, wie viel ihm an dir lag, dann hat er dir bei allen möglichen Dingen geholfen. Und wenn im Dorf der Ehepartner einer allseits geschätzten Person starb, dann sind die Menschen in Massen zu dessen Begräbnis gekommen. Das ist heute aber nicht mehr der Fall.

Was hat sich verändert? Und inwiefern spielt dabei der Genozid im Jahr 1994 eine Rolle? Damals wurden 800.000 Menschen ermordet, teilweise von ihren Nachbarn.

Durch den Genozid ist unsere soziale Struktur vollständig aus den Fugen geraten. Stellen Sie sich einen Menschen vor, der während des Genozids mehrere seiner Angehörigen hat sterben sehen. Im Herzen eines solchen Menschen treffen die verschiedensten Empfindungen aufeinander. Viele Ruander sind traumatisiert. Einige können nur noch eingeschränkt Gefühle empfinden. Der Genozid hat die Herzen der Ruander hart werden lassen. Ich beobachte, dass die Beziehungen zwischen den Ruandern kalt sind, es gibt viel Angst, Furcht und Wut.

Wie stehen Sie selbst zur ruandischen Tradition, die eigenen Gefühle so weit wie möglich unter Verschluss zu halten?

Ich denke, es ist wichtig, dass die Menschen in Ruanda lernen, ihre Gefühle auszudrücken. Vor allem diejenigen, die während des Genozids schreckliche Dinge erlebt haben, sollten weinen können. Gefühle, denen man freien Lauf gelassen hat, sind danach weniger stark und bedrückend. Im Moment ist die alljährliche Trauerzeit zum Gedenken an die Opfer des Genozids der einzige Zeitraum, in dem man manchen Menschen ihren Schmerz und ihre Trauer ansieht. Wer starke Gefühle konstant unterdrückt, gleicht einem Dampfkochtopf. Der Druck wird stärker und stärker und auf einmal kommen Gefühle hoch, die sich nicht mehr kontrollieren lassen. Immer wieder hört man von Männern, die während eines unkontrollierbaren Gefühlsausbruchs ihre Frauen umbringen.

Welche Strategien haben Sie, um Ihren Landsleuten ein anderes Verhältnis zu ihren Gefühlen nahezubringen?

Ich organisiere Workshops, in denen Menschen lernen, über ihre persönlichen Erfahrungen während des Genozids zu sprechen. Als zuverlässigste Erfolgsgarantie hat es sich herausgestellt, immer eine gleiche Anzahl von Männern und Frauen einzuladen. Frauen schaffen es in den Workshops schneller, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Wenn die Männer sehen, dass die Frauen sich überwinden und den Einblick in ihre innerste Gefühlswelt zulassen, fällt es ihnen oft leichter, sich auch darauf einzulassen. Wenn sie dann vor der Gruppe über die Ereignisse sprechen,  die für sie persönlich einschneidend und schwierig zu verarbeiten sind, wird ihnen deutlich, dass die anderen Anwesenden sie nicht verurteilen, sondern darin unterstützen, dass sie ihre Gefühle offen zeigen.

Das Interview führte Johanna Wild



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