Eine Halbinsel in Ruinen

von Oksana Schur

Unter der Erde (Ausgabe I/2022)

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Ukrainisches Denkmal unter russischer Verwaltung: der Khanpalast in Bachtschyssaraj. Foto: giovannini / imagebroker / IMAGO


Seit mittlerweile mehr als sieben Jahren hält Russland die Halbinsel Krim besetzt. Immer wieder kommt es zu Rechtsbrüchen und Verletzungen der Freiheitsrechte. Die Minderheiten auf der Krim werden in ihrem Recht auf freie Religionsausübung, Bildung und kulturelle Eigenständigkeit eingeschränkt. Ukrainische Internetseiten werden gesperrt und russische Massenmedien überlagern die Frequenzen ukrainischer Sender und in historischen Parks, in Villen- und Palastarealen wird illegal gebaut.

All das ist Teil einer systematischen Politik, mit der Russland das historische und kulturelle Narrativ, also die Geschichte und Kultur der Krim umschreiben will. Alim Alijew, der stellvertretende Generalsekretär des Ukrainischen Instituts in Kiew, nennt dieses Vorgehen „die dritte russische Kolonialisierung der Krim innerhalb von 300 Jahren“. Mit der ersten Kolonialisierung meint er die durch das zaristische Russland, mit der zweiten jene Zeit, in der Stalin 1944 die Krimtataren deportieren ließ, und „die dritte hat mit der Besetzung der Krim durch Russland begonnen“. Dabei würden historische Ereignisse neu interpretiert: „Man will eine künstliche Identität schaffen – die eines ›Krimvolks‹, angelehnt an den Begriff des ›großen Sowjetvolkes‹.“  Diese neue Bezeichnung solle die krimtatarische und ukrainische Identität verdrängen, so Alijew. 

Um dieses Ziel zu erreichen, schafft Russland auf der Krim Fakten. Einem UNESCO-Bericht vom 10. September 2021 zufolge hat sich die Russische Föderation eine Vielzahl ukrainischer Kulturgüter angeeignet. Dazu zählen allein 4.095 historische Denkmäler auf dem Territorium der Autonomen Republik Krim.  Einige der illegal angeeigneten Kulturgüter werden inzwischen in russischen Museen ausgestellt.

Was dieses Vorgehen mit der Umdeutung der Geschichte der Krim zu tun hat, zeigt das Beispiel des Taurischen Chersonesos in der Nähe von Sewastopol. Die denkmalgeschützten Überreste dieses Stadtstaates stammen aus der Antike und der byzantinischen Zeit. 2013 wurden Chersonesos und seine Umgebung in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Inzwischen hat Russland den Denkmalort jedoch offiziell für sich beansprucht und die wertvollsten Exponate abtransportiert. Die UNESCO verweigerte diesem Schritt zwar die Anerkennung. Das hielt Moskau jedoch nicht davon ab, die Stätte Schritt für Schritt für sich zu vereinnahmen. 

„Dort wo Moskau sich einmischt, verlieren auffällig viele wissenschaftliche Mitarbeiter ihre Arbeit oder sind gezwungen, neue Stellen anzutreten.“

Während das Taurische Chersonesos vor der russischen Übernahme noch als jahrtausendealtes Denkmal mehrerer Kulturen galt, wird es mittlerweile als „Wiege der russischen Orthodoxie“ verklärt und als der Ort, an dem der Kiewer Fürst Wladimir die Taufe von Byzanz erhielt und so laut Legende das Christentum in Russland einführte. Die Begründung für dieses neue Narrativ:  Im 19. Jahrhundert wurde auf dem Gebiet des Stadtstaats tatsächlich eine orthodoxe Kirche errichtet. Ein ähnliches Schicksal wie das von Chersonesos ereilt auch den Khanpalast in der Stadt Bachtschyssaraj. Stand dort bei früheren Touristenführungen noch die Geschichte der Krimtataren im Fokus, so wird mittlerweile vor al em auf den Tränenbrunnen verwiesen, den der russische Nationaldichter Alexander Puschkin einst in seinem Gedicht „Die Fontäne von Bachtschissaraj“ beschrieb. Gleichzeitig wird ein Großteil des Palastes, der den krimtatarischen Herrschern zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert als Residenz diente, langsam zerstört, weil er – so wie viele andere Denkmäler – von der russischen Verwaltung gar nicht beziehungsweise nicht denkmalgerecht restauriert wird: Die authentischen Dachziegel wurden durch moderne Materialien ersetzt, historische Schmuckelemente des Gebäudes sind beschädigt worden und auch die Wasserleitungen aus Holz sollen ausgetauscht werden. 

Verwerfungen wie diese haben auf der Krim auch personelle Konsequenzen. Dort wo Moskau sich einmischt, verlieren auffällig viele wissenschaftliche Mitarbeiter ihre Arbeit oder sind gezwungen, neue Stellen anzutreten. Wie Evelina Krawtschenko vom Archäologischen Institut der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine in Kiew berichtet, wandern sie entweder in andere Bereiche ab oder werden an das Archäologische Institut der Krim versetzt, das der Russischen Akademie der Wissenschaften untersteht. Diese Einrichtung stellt jedoch nicht den Schutz des kulturellen Erbes der Krim in den Mittelpunkt, sondern konzentriert sich auf neue Ausgrabungen.

Zurzeit wird deshalb an zahlreichen Orten auf der Krim eifrig gegraben. Vorschriften zum Schutz von Flächendenkmälern werden bei diesen Ausgrabungen oft missachtet und der Einsatz schwerer Geräte schädigt die Bodenschichten. Auch bei einem vom Kreml vorangetriebenen Bau einer Autobahn wurden zuletzt zahlreiche historische Siedlungen und islamische Grabstätten entdeckt und teilweise zerstört. Auf die Erkenntnisse ukrainischer Archäologen und Experten will man bei den neuen Ausgrabungen jedoch nicht verzichten. Deshalb wird diesen laut Evelina Krawtschenko von russischer Seite angeboten, die Ergebnisse ihrer früheren Arbeiten zu „verkaufen“. Der Lohn: eine Mitautorenschaft an einer russischen Forschungsarbeit oder das Angebot, alte Forschungsergebnisse in Russland neu aufzulegen. So soll der Eindruck erweckt werden, dass ukrainische Forscher das Vorgehen der russischen Verwaltung gutheißen.

„Und auch die ukrainischen Behörden läuten jedes Mal, wenn Moskau weitere Kulturgüter von der Krim für sich beansprucht, die Alarmglocken.“

Tatsächlich versuchen die meisten dieser Forscherinnen und Forscher jedoch weiterhin zu verhindern, dass der gegenwärtige Zustand auf der Krim von der Weltgemeinschaft anerkannt wird. Und auch die ukrainischen Behörden läuten jedes Mal, wenn Moskau weitere Kulturgüter von der Krim für sich beansprucht, die Alarmglocken. So protestierte 2016 etwa das Ukrainische Kulturministerium lautstark, als insgesamt 38 Arbeiten des auf der Krim geborenen Malers Iwan Aiwasowski für eine Jubiläumsausstellung in die Tretjakow-Galerie nach Moskau gebracht wurden.

Offen ist derweil das Schicksal des Skythen-Goldes. Dabei handelt es sich um mehrere Hundert Exponate, deren Rückgabe die Ukraine fordert, da diese Objekte dem ukrainischen Staat gehören, aber auch vier mittlerweile unter russischer Verwaltung stehende Museen auf der Krim reklamieren die Objekte für sich. Aus deren Sammlung waren die Exponate für eine Ausstellung im Amsterdamer Allard Pierson Museum 2014 bereitgestellt worden. Laut der Entscheidung eines Amsterdamer Gerichts vom 26. Oktober 2021 müssen die Exponate an die Ukraine zurückgegeben werden. Die Museen auf der Krim haben aber noch bis Ende Januar Zeit, das Urteil anzufechten. Dann könnte ein Rechtsstreit allerdings auch schon Makulatur sein:  Denn aus dem erneuten russischen Säbelrasseln an der ukrainischen Grenze könnte Anfang 2022 längst ein offener Konflikt geworden sein.

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe



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