Playlist | Taiwan

„Metal hat mich gerettet“

Wie kaum ein anderer kennt sich der Metal-Star und Politiker Freddy Lim in der taiwanischen Musikszene aus. Ein Gespräch über die Besonderheiten taiwanischer Musik

Der Metal-Star Freddy Lim steht während eines seiner Konzerte auf der Bühne. Er hat ein Mikrofon in der Hand und singt. Es ist dunkel, der Sänger ist dunkel gekleidet, er hat lange glatte dunkle Haare. Arme seiner Fans in der ersten Reihe strecken sich ihm entgegen.

Freddy Lim bei einem Auftritt mit seiner Extreme-Metal-Band „Chthonic“

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Das Interview führte Gundula Haage

Herr Lim, Sie sind der Sänger und Songschreiber der Metal-Band Chthonic – und Sie sind Mitglied des taiwanischen Parlaments. Wie passt das zusammen?

Ich würde sagen, ich bin ein Musiker, der politisch engagiert ist. Meine Leidenschaft für Metal habe ich als Teenager entdeckt. Damals hatte ich ein kompliziertes Verhältnis zu meiner Familie – und Metal hat mich gerettet. Wenn gar nichts mehr ging, habe ich mich in mein Zimmer eingeschlossen, die Musik aufgedreht und geschrien.

Während der Schulzeit habe ich in Bands gespielt und 1995 dann Chthonic gegründet. Auch heute noch ist die Musik mein Ventil für Gefühle. Mein Leben als Politiker begann erst viel später. In den 2000er-Jahren habe ich angefangen, mich für Menschenrechte einzusetzen, und kandidierte 2010 für den Vorsitz von Amnesty International Taiwan.

„Musik ist mein Ventil für Gefühle. Mein Leben als Politiker begann erst viel später“

Die Sonnenblumen-Proteste im Frühjahr 2014 habe ich von Anfang an unterstützt. Um für einen politischen Wandel zu sorgen, wollte ich einige der jungen Aktivistinnen und Aktivisten überzeugen, für das Parlament zu kandidieren – aber die meisten von ihnen haben damals noch studiert, sie konnten nicht einfach ihr ganzes Leben umkrempeln.

Ich war zu dem Zeitpunkt schon Ende dreißig und dachte: Ich gehe voran, kandidiere für das Parlament und baue eine Brücke für die jungen Aktivistinnen und Aktivisten. Ich hatte allerdings keine Ahnung, wie man eine politische Kampagne führt.

Also haben wir das gemeinsam gelernt. 2015 haben wir die New-Power-Partei gegründet und 2016 bin ich dann als Abgeordneter in das Parlament eingezogen.

Der Politiker Freddy Lim spricht im Parlament. Er steht am Rednerpult. Er gestikuliert mit seinen Händen. Er trägt einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und eine schwarze Krawatte. Der Fußboden ist rot, die Möbel schwarz.

Freddy Lim spricht als Abgeordneter im taiwanischen Parlament

Welche Rolle spielt die Musik in Ihrem politischen Leben?

Es ist sehr frustrierend, wenn wichtige politische Entscheidungen scheitern oder viel länger dauern als erwartet. Zu Beginn meiner politischen Karriere hat mir das sehr zu schaffen gemacht. In solchen Situationen schreibe ich Songs – das hilft.

„Ohne Musik würde ich wahrscheinlich explodieren“

Durch meine Musik bin ich ausgeglichener. Ich weiß gar nicht, wie meine Kolleginnen und Kollegen in der Politik es ohne ein solches Ventil aushalten. Ohne Musik würde ich wahrscheinlich explodieren! (lacht)

Sie haben für uns eine Playlist mit zehn Songs zusammengestellt, die Ihren Sound Taiwans zusammenfassen. Was ist besonders an taiwanischer Musik?

In Ostasien werden die meisten Länder immer noch von konservativen autoritären Regimen regiert. Das hat große Auswirkungen auf die Kultur, etwa in Form von Zensur oder von politischen Konsequenzen, wenn man kritische Texte schreibt. In Taiwan ist die Musikszene völlig frei und sehr vielfältig.

„Die taiwanische Musik ist vor allem divers. Wer sich auskennt, kann Einflüsse aus ganz unterschiedlichen Teilen der Welt erkennen“

Darum kommen viele Musikerinnen und Musiker aus Hongkong, Tibet oder anderen politisch unter Druck stehenden Ländern hierher, um ihre Musik zu produzieren. Die taiwanische Musik selbst ist vor allem divers. Wer sich auskennt, kann Einflüsse aus ganz unterschiedlichen Teilen der Welt erkennen.

In meiner Playlist habe ich versucht, diese Vielfalt an Stilen und Themen einzufangen.


Die KULTURAUSTAUSCH-Playlist von Freddy Lim

Der Sound von Taiwan

Chi Lu-Hsia: Wish You Come Back Soon

Wahrscheinlich kennt fast jeder in Taiwan dieses Lied von Chi Lu-Hsia. Es ist ein traditionelles Liebeslied aus den 1940er-Jahren. Der Text handelt von einer Frau, die ihren Mann vermisst, während dieser im Pazifikkrieg als Soldat kämpfen muss. Zur damaligen Zeit war Taiwan noch unter japanischer Herrschaft. Das Lied war auch nach der Machtübernahme der Kuomintang sehr populär, obwohl die Regierung es lange Zeit verboten hat.

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Seven Wolves: Never Look Back

Die Seven Wolves sind keine richtige Band, sondern ein loser Zusammenschluss von sieben bekannten Sängerinnen und Sängern aus den 1980er-Jahren. „Schau nicht zurück“ ist seitdem ein vielgespielter Hit in jeder taiwanischen Karaoke-Bar. Mich hat dieses Lied als Teenager dazu inspiriert, Gitarre spielen zu lernen. Damals fing ich an, westliche Rockmusik wie Guns n’ Roses oder Bon Jovi zu hören – und entdeckte dabei auch taiwanische Musik, die von westlicher Musik beeinflusst wurde, so wie dieses Lied.

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Yueh-Hsin Chu (aka Pig Head Skin): I Am a Maniac

Traditionelle taiwanische Lieder handeln fast immer von der Liebe. Als ich dieses Lied in den frühen 1990er-Jahren entdeckte, war das eine Offenbarung für mich: Es ist explizit politisch. Auf satirische Weise singt der berühmte taiwanische Sänger Yueh- Hsin Chu darüber, dass die Individuen in unterdrückten Gesellschaften – wie es Taiwan unter der Regierung Chiang Kai-sheks ja auch war – langsam verrückt werden.

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Chthonic: Legacy of the Seediq

Der Metal-Star Freddy Lim steht während eines seiner Konzerte auf der Bühne. Er hat ein Mikrofon in der Hand und singt. Es ist dunkel, der Sänger ist dunkel gekleidet, er hat lange glatte dunkle Haare. Arme seiner Fans in der ersten Reihe strecken sich ihm entgegen.

Freddy Lim bei einem Auftritt mit seiner Extreme-Metal-Band „Chthonic“

Dieses Lied meiner Band Chthonic ist mir persönlich sehr wichtig. Ich habe es 2010 geschrieben, als mir klar wurde, wie stark meine Generation und auch ich selbst von der KMT-Ideologie betroffen waren. Wir wurden von Kindesbeinen an darauf gedrillt, auf unsere eigene, lokale Kultur herabzuschauen. Taiwanische indigene Sprachen wurden abgewertet und durften in den Schulen nicht gesprochen werden. Als ich in den 1990er-Jahren angefangen habe, selbst Musik zu machen, habe ich mich an westlichen Metal-Bands orientiert. Taiwanische Melodien erschienen mir unpassend. Als ich plötzlich realisiert habe, wie tief die Abwertung meiner eigenen Kultur auch in mir sitzt, wollte ich das ändern. In diesem Song habe ich versucht, der Einzigartigkeit der taiwanischen Melodien Raum zu geben. Wer hinhört, erkennt die pentatonische Tonleiter und die typische zweisaitige asiatische Geige.

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Chthonic: Millennia’s Faith Undone

Ich wurde im Jahr 2016 ins Parlament gewählt. Kurz danach habe ich diesen Song geschrieben, weil ich mich damals ziemlich hoffnungslos fühlte. Ich war frustriert, weil wir so kurz davor waren, endlich die gleichgeschlechtliche Ehe zu legalisieren. Der Gesetzentwurf wurde im Parlament diskutiert, aber die gegnerische Anti-LGBTQ-Fraktion war leider immer noch zu stark. Meine widersprüchlichen Gefühle haben mich zu diesem Lied inspiriert.

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Collage: Green Tara’s Thousands of Sorrowful Blossoms

Die Band Collage wurde 2022 zum besten Newcomer Taiwans gewählt. In ihrem Lied geht es um einen Inhaftierten des Weißen Terrors. Seit ich in der Politik bin, setze ich mich dafür ein, dass alle Archive der KMT-Diktatur geöffnet werden, damit die Menschen endlich die Wahrheit darüber erfahren, was ihren Familien widerfahren ist. Mich macht es sehr hoffnungsvoll zu sehen, dass auch diese dunklen Kapitel der Geschichte ihren Weg in die Kunst finden.

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Fire EX: Island’s Sunrise

Alle, die bei den Sonnenblumen-Protesten im Jahr 2014 dabei waren, um für die taiwanische Demokratie zu kämpfen, kennen dieses Lied: Die Punkband Fire EX hat den Titelsong der Proteste geschrieben. Ich erinnere mich an einen besonderen Moment: Als die Regierung 2015 endlich zustimmte, die Verhandlungen über das Freihandelsabkommen mit China zu stoppen, kamen alle Aktivistinnen und Aktivisten zusammen. Tausende Menschen versammelten sich auf dem Platz vor dem Parlament und alle sangen zusammen dieses Lied. Damals hatte ich das Gefühl, dass wir als Gesellschaft eine einzigartige Kraft haben. Diese Kraft ist es, die uns irgendwann auch noch von den letzten Resten einer autoritären Denkweise befreien wird.

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WuBai feat. One-Fang: Express Love Letter

Als Politiker besuche ich viele Veranstaltungen in kleinen Orten und Nachbarschaften. Oft werde ich dann gebeten, ein Lied zu singen. Normalerweise greife ich dann auf dieses sehr bekannte Lied von WuBai zurück – es ist ein taiwanisches Liebeslied, das viele Menschen gerne beim Karaoke singen. Ich habe es extra zu diesem Zweck gelernt. Meine eigenen Lieder kann ich in solchen Kontexten nicht singen. Metal ist den meisten Leuten zu laut. Und zu kleineren politischen Veranstaltungen kommen oft besonders viele ältere Menschen. Die möchte ich natürlich nicht erschrecken.

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Amazing Show: Workers

Ein Großteil der taiwanischen Lieder handelt immer noch von romantischer Liebe. Das ist natürlich schön, aber ich bin sehr froh, dass mehr und mehr Musikerinnen und Musiker auch politische Texte schreiben. Ein sehr gutes Beispiel ist dieses Lied von Amazing Show, das auf die Situation von Wanderarbeitern aufmerksam macht. Auch in Taiwan arbeiten viele Menschen aus Nachbarländern unter teilweise sehr prekären Bedingungen. Ihre Rechte sind selten Thema, darum ist das Lied etwas Besonderes.

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Chthonic: Pattonkan

Unser aktuellster Song von Chthonic wurde erst im Februar 2023 veröffentlicht. Der Titel, „Pattonkan“, bezieht sich auf den höchsten Berg Taiwans, der von den Indigenen als heiliger Berg betrachtet wird. Ich habe den Text im vergangenen Jahr aus einem Gefühl der Stagnation heraus geschrieben. Ich bin jetzt 47 Jahre alt, also ein Mann mittleren Alters. Ich hatte den Eindruck, nicht genug erreicht zu haben, wenn ich an das Ziel einer wirklich freien und gleichen Gesellschaft denke. Doch dann las ich einige Briefe, die ein Opfer des Weißer-Terror-Regimes vor seiner Hinrichtung an seine Frau schrieb. Auch so viele Jahre später konnte ich die Liebe zwischen den beiden spüren. Und hatte die Erkenntnis: Wir alle sind Bestandteile desselben Berges. Wir kämpfen für unsere Lieben, für unser Land und eine bessere Zukunft. Ist es da nicht hochmütig zu erwarten, dass meine Generation diejenige ist, die das Ziel einer wahrhaftig freien Gesellschaft erreicht? Darum besinne ich mich jetzt eher auf den Weg als auf das Ziel. Davon handelt dieser Song.

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