Bangui, du Schreckliche

Adrienne Yabouza, Ausgabe III+IV/2018, Das ärmste Land, das reichste Land



Anschläge, Raubüberfälle, Wasserknappheit – der Alltag in der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik ist hart. Dennoch leben die Menschen hier sicherer als im Rest des Landes

Ich erinnere mich noch an das Bangui der Vorkriegszeit. An die Stadt, in der ich als Friseurin arbeitete und immer gerade so viel verdiente, wie meine Chefin zahlen wollte – zu wenig also. An die Stadt, in der ich tagtäglich darum kämpfte, genug zu essen für meine Kinder aufzutreiben, genug Geld zu machen, um sie in die Schule zu schicken. Ich erinnere mich an die Tage, die ich, eine Witwe, damit verbrachte, die Avancen der »kota zo«, der mächtigen Männer der Stadt, abzuwehren. Ich erinnere mich, dass ich mich gefangen fühlte in Bangui, so wie viele andere. Und das waren die guten Zeiten.
Die schlechten Zeiten begannen 2013. Damals, als in Bangui das Chaos losbrach. Als Präsident François Bozizé durch die mehrheitlich muslimische Rebellenallianz Séléka, die »Koalition«, gestürzt wurde und eine Streitmacht auf die Hauptstadt vorrückte. Als der Putsch zu einem Konflikt zwischen Religionen mutierte. Als sich die christliche »Anti-Balaka«-Miliz formierte. Als man in Bangui Menschen mit Macheten schlachtete, zum Vergnügen Menschenfleisch aß, Massenhinrichtungen abhielt, vergewaltigte und folterte. Als es schien, die Götter beider Seiten hätten kein Mitleid mit dem Land und den Menschen, als hätte selbst der Schöpfergott Nzapa, den man noch vor dem Eintreffen der ersten Missionare verehrte, Bangui vergessen.

»Das hübsche Bangui«, so nannte man meine Heimat, die Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, früher einmal. Das war kurz nach der Unabhängigkeit des Landes von den französischen Kolonialherren, als die Hoffnung auf eine bessere Zukunft noch ansteckend war. Hätten die Menschen gewusst, wie viel Leid Bangui noch sehen würde, sie hätten sich einen anderen Titel ausgedacht.
Auch heute sieht ein Reisender, der mit offenen Augen durch Bangui geht, nichts Schönes. Der Krieg ist offiziell beendet, aber die Angst ist geblieben. Kaum eine Woche vergeht ohne Ausschreitungen. PK5 heißt das Viertel, in dem die meisten Menschen der Gewalt zum Opfer fallen. Das Kürzel steht für »Point Kilométrique 5«, weil die Nachbarschaft fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegt. In der ausländischen Presse wird Bangui oft als Insel des Friedens inmitten eines Landes im permanenten Ausnahmezustand verklärt. Doch die Milizen, die Banditen und Wegelagerer töten und brandschatzen auch hier – ungeachtet der 12.000 Mann starken UN-Friedenstruppe im Land. Bangui ist instabil. Nur: Der Rest des Landes ist noch instabiler.

Wer es wagt, die Stadt zu verlassen, ist entweder verrückt, verzweifelt oder beides. Jenseits des PK20-Viertels, das die Außengrenze Banguis markiert, verkehrt man auf eigenes Risiko. In die hundert Kilometer entfernte Stadt Mbaïki zu reisen war vor zehn Jahren ein angenehmer Ausflug. Heute ist es eine Tortur. Unfälle und Überfälle sind an der Tagesordnung. Lebend im nördlich gelegenen Damara anzukommen ist nahezu unmöglich. Und auf der Route von der kamerunischen Hafenstadt Duala nach Bangui, auf der die meisten Waren transportiert werden, verkehren nur noch große Konvois – aus Angst, dass die teuren Güter nie an ihrem Ziel ankommen.

Wenn sie könnten, würden viele Menschen flüchten aus Bangui. Doch die meisten haben nicht einmal genug Geld, um satt zu werden. Durch die ständigen Konflikte ist alles teurer geworden. Der Preis für Maniok, das nationale Grundnahrungsmittel, hat sich in den letzten Jahren verfünffacht. Viele Kinder in Bangui gehen hungrig ins Bett. Das Geld regiert den Alltag. Oder besser gesagt: der Mangel an Geld. Wer etwas braucht, etwa eine Behandlung im Krankenhaus oder eine Schulausbildung für die Kinder, der muss jemanden schmieren. Und das Geld zum Schmieren haben oft nur diejenigen, deren Verwandte in Europa oder den USA leben und monatlich kleine Beträge in die Heimat schicken. So dreht sich das Rad der Korruption.

Nicht alle haben so viel Glück wie ich, eine Friseurin, deren Kurzgeschichten, geschrieben zwischen meinen Schichten im Salon, eines Tages von einem Verleger entdeckt wurden. Eine Witwe, der man wie aus dem Nichts einen Buchdeal anbot und einen Vorschuss in die Hand drückte, der überall anders auf der Welt ein Taschengeld gewesen wäre, aber in Bangui einem Vermögen gleichkam.
Die Veröffentlichung meines ersten Romans ermöglichte es mir, in meiner bescheidenen Hütte Strom installieren zu lassen. Weil meine Kinder mich anflehten, schaffte ich sogar einige gebrauchte Elektrogeräte an, einen Fernseher und einen Kühlschrank. Als die Gewalt in Bangui ihren Höhepunkt erreichte, hatte ich die Mittel, einen Ausweg zu finden, zu fliehen, erst nach Brazzaville in der Republik Kongo, dann nach Frankreich. Nicht alle haben so viel Glück wie ich. Auch ein Teil meiner Familie lebt noch in Bangui.

Nachts wird dort für gewöhnlich mit schweren Waffen geschossen, sagen sie, und morgens kursieren in der Nachbarschaft die wildesten Gerüchte: Eine neue Rebellengruppe habe sich formiert, sagen die einen, eine Patrouille der UN-Friedenstruppen sei angegriffen worden, behaupten die anderen. Vielleicht war es aber auch nur ein ganz normaler Raubüberfall?

»Normal« ist ein weit gefasster Begriff in Bangui. Normal ist es auch, wenn die Strom- und die Wasserversorgung nicht mehr funktioniert. »La coupure«, der Netzausfall, ist in aller Munde. Jeder Mensch, der in Bangui lebt, ist auf ihn vorbereitet. In den Häusern der wohlhabenderen Bürger stehen Generatoren und genug Treibstoff, um über die Runden zu kommen. Die Armen horten Petroleum und Wasserkanister. Eben alles, was sie auftreiben können.

Nur das Träumen kostet nichts in Bangui. Visionen von einer besseren Zukunft sind das einzige Gut, das sich alle leisten können. Also träumen wir, die Menschen von Bangui – sei es in der Heimat oder im Exil. Von einem Tag, an dem das Land befriedet ist. Von einem Tag, an dem die Bewohner der Savanne, des Flusses und des Waldes ihr Land miteinander teilen, ohne sich zu bekriegen. Von einem Tag, an dem unser Land einen Präsidenten hat, der nicht zu korrumpieren ist. Von einem Tag, an dem die Sonne wieder freundlicher auf unsere Stadt herunterscheint.

Doch es sind nur Träume. Die unbestechlichen Politiker sind Fantasiegestalten. In der Hauptstadt sucht man sie vergebens. Es sind immer dieselben Bürokraten, die sich von einem Amt ins nächste retten. In Bangui scherzen die Menschen gerne über die Politik, ihren Humor haben sie nicht verloren. Ein Nachbar sagt dann: »Schau, sie haben doch vieles geleistet, eine Menge aufgebaut in den vergangenen Jahren, unsere Minister.« Und wenn sich dann alle fragend anschauen, fügt er hinzu: »Für sich selbst!«

Natürlich kann man Bangui auch mit anderen Augen sehen, mit einem optimistischeren Blick. Einige wohlhabende Familien veranstalten noch immer kostspielige Hochzeiten, in dem ein oder anderen Club wird noch nächtelang durchgetanzt – und indem sie auf gebrauchte Smartphones starren und Nachrichten aus aller Welt lesen, tun viele so, als seien sie nicht Teil dieser Stadt, als würde sie Bangui nichts mehr angehen. Doch die dunkle Realität bricht immer wieder in den Alltag ein. Sie lässt sich nicht wegtanzen und nicht wegklicken und nicht weglieben. Während ich diese Zeilen schreibe, wurde gerade die Fatima-Kirche im dritten Bezirk angegriffen: Man zählt schon 27 Tote und zahlreiche Verletzte.

Den Großteil meiner Zeit in Bangui habe ich im Lakouanga-Bezirk verbracht. Dort, wo heute auch meine Verwandten wohnen – privilegiert, aber nicht sicher. Die Angst, die in Bangui alles im Griff hat, schert sich nicht um Status und Geld. Sie macht alle gleich, denn der Tod kann jederzeit zuschlagen – auf dem Markt, in der Kirche, in der Moschee. Die Menschen leben von einem Tag zum anderen, von einer Mahlzeit zur nächsten. Morgens gehen sie zur Arbeit, als wäre Bangui eine ganz normale Stadt. Aber die Furchtsamen kommen schnell zurück und verschließen die Türen hinter sich.

Die meisten Leute in Bangui wissen, dass es nicht hilft, sein Schicksal zu beklagen. Also fassen sie sich ein Herz, zumindest für ein paar Stunden am Tag, und versuchen zu leben, zu lachen, zu tanzen. Trotz der neuerlichen Anschläge feiern heute Abend einige Nachbarn ein Fest, erzählt mir eine Freundin am Telefon. Soll ich darüber lachen oder weinen? Ich weine. Aber Tränen können nicht das Blut wegwaschen, das in den Straßen meiner Heimatstadt vergossen wird. 



Aus dem Französischen von Caroline Härdter

 

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