Geschlossene Gesellschaft

Khalid Albaih, Ausgabe III+IV/2018, Das ärmste Land, das reichste Land



In Katars Hauptstadt Doha leben viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern. Zusammen kommen sie nicht

1989 verlor mein Vater infolge der politischen Unruhen im Sudan seinen Arbeitsplatz – so wie viele Fachleute und Staatsbedienstete. Die meisten Sudanesen im Exil verschlug es in den Arabischen Golf, wo Arbeitskräfte dringend benötigt wurden. So landeten wir 1990 in der katarischen Hauptstadt Doha.
Im Sudan gab es zwar Menschen verschiedener Hautfarbe, Religionen und sozialer Schichten, aber die Einwohner waren vorwiegend Sudanesen. Die Vielfalt in Doha war neu für mich. Auf einmal begegnete ich jemenitischen Polizisten und afghanischen Taxifahrern mit  hennarot gefärbten Bärten. Ich ging in indische Supermärkte und palästinensische Restaurants, traf ägyptische Lehrer, philippinische Krankenschwestern und somalische Athleten. Doha war der ideale Ort zum Heranwachsen für einen Comiczeichner wie mich.

Das Doha der 1990er-Jahre war nicht sehr segregiert. Die meisten Leute besuchten die gleichen Schulen und Restaurants, auch wenn eine gewisse räumliche Trennung entlang von Klassengrenzen existierte. Meine Familie war Teil der Mittelschicht, die größtenteils aus Arabern und Asiaten bestand. Wir lebten in Flachbauten umgeben von katarischen Nachbarn, die in traditionellen Häusern wohnten. Jede Nachbarschaft hatte ihren eigenen Park, wo die Kinder Fußball spielten, und eine Moschee, wo die meisten Leute sich fünfmal am Tag zum Gebet trafen. Die untere Einkommensschicht bestand aus wenigen Arbeitern aus Südasien, die in Gemeinschaftsunterkünften im Zentrum der Viertel lebten. Die oberste Schicht setzte sich aus den hochrangigen katarischen Familien zusammen, die in Anwesen in und um Doha wohnten. Auf engem Raum lebte eine bunte Mischung an Menschen, gleichzeitig herrschte finanzielle Stabilität für die meisten. Dadurch entstand eine offene Gesellschaft, die von gegenseitiger Anerkennung geprägt war. Zur gleichen Zeit lebten fast alle Ausländer aus dem Westen in Gated Communitys, was sie vom Rest der Gesellschaft abschnitt. Sie folgten einem europäischen Lebensstil, obwohl sie sich in einem muslimisch-arabischen Land aufhielten. Nur die westlichen Kinder rebellierten manchmal und mischten sich unter die Einheimischen.

1996 kam der ehrgeizige Kronpinz Scheich Hamad bin Khalifa Al Thani als Emir an die Macht, nachdem er in einem unblutigen Putsch seinen Vater gestürzt hatte. Danach verwandelte sich Katar von dem kleinen Staat, dessen Namen keiner kannte, in »das winzige ölreiche Land«, wie die Medien es nannten. Der Putsch gepaart mit der wachsenden Bedeutung der katarischen Erdgasressourcen und dem Aufstieg von Al Jazeera veränderten die Region.

Heute, mehr als zwanzig Jahre später, hat die Steigerung des nationalen Einkommens und die Einführung neuer industrieller und finanzieller Branchen der Wirtschaft neuen Aufschwung gegeben. Dohas Bevölkerung ist um das fast Vierfache gewachsen. Die ökonomischen Veränderungen spiegeln sich auch im Stadtbild wider. Die erste Gegend, in der ich als Kind lebte, war Al Badaa, Dohas historisches Zentrum, wo die meisten katarischen Familien in ihren Einfamilienhäusern lebten. Mein Schlafzimmerfenster überblickte den Amiri-Palast, und wo die Kinder während des Ramadan anstanden, um Süßigkeiten zu bekommen. Dieser geschichtsträchtige Ort wurde plattgewalzt und durch einen Park ersetzt. Am Ort meiner Highschool ist heute ein Fußballstadion.

Diese städtebaulichen Entwicklungen zeigen, wie sehr das Land danach strebt, sich aus der Abhängigkeit von Öl und Gas zu befreien und seine eigenen Zukunftspläne zu verfolgen. Das heutige Doha ist eine andere Stadt als die, in der ich aufgewachsen bin. Es ist voller neuer Viertel, neuer Straßen, künstlicher Inseln, Immobilien, die bereits vollständig vermietet sind, bevor sie überhaupt gebaut werden, großer Stadien und zahlloser Einkaufszentren. Genauso wie damals als Zehnjähriger verliere ich heute wieder die Orientierung in dieser Stadt. Die Katarer, die einst unsere Nachbarn waren, haben Land und Geld erhalten, um hoch ummauerte Häuser in den neuen Vororten zu bauen. Unterdessen wurden die wenigen übrig gebliebenen Spuren des früheren Doha durch den Abriss ihrer alten Häuser ausgelöscht. So wird im Stadtzentrum Platz geschaffen für neue Prestigeprojekte oder für Apartmenthäuser mit preiswert gebauten, aber teuer vermieteten, winzigen Wohneinheiten für die wachsende Bevölkerung. Neu ankommende Ausländer aus dem Westen, die wir jetzt »Expats« nennen, drängen auf »The Pearl«, eine großzügig angelegte künstliche Insel. Währenddessen sind Tausende von Bauarbeitern aus Südasien in den Außenbezirken der Industriegebiete in Arbeiterstädte eingepfercht. Die für die Arbeit in Katar handverlesenen Neuankömmlinge werden sofort in ihre jeweilige Kategorie sortiert. Jeder erfüllt einen bestimmten Zweck in Katar.

In Doha hat jedes Viertel seinen eigenen Sportplatz, seine eigenen Einkaufszentren und formt eine eigene, klar abgegrenzte Welt für sich. Eigentlich muss man seine Nachbarschaft gar nicht mehr verlassen. Diese Segregierung schafft blinde Flecken. Sie sorgt dafür, dass vor allem die Arbeitsmigranten unterer Einkommensgruppen unsichtbar werden und im Stadtbild nicht mehr vorkommen. Doha ist eine Stadt der verborgenen Spaltungen.

In den internationalen Medien werden die Arbeiter meist nur als ausgebeutete Masse dargestellt. Darum entstanden in den letzten Jahren viele künstlerische Projekte, die diese Stereotype ganz bewusst zu durchbrechen versuchen. Sie sprechen mit den Arbeitern, statt nur über sie. Zu diesen Projekten gehört auch mein Blog-Projekt ­»Doha­FashionFridays«. Ich wollte damit »den Arbeitern« ein Gesicht geben. Die meisten haben nur einen arbeitsfreien Tag pro Woche, den Freitag. Diese Freizeit verbringen viele in einem Park an der Mauerbrüstung von Doha. Es sind vor allem Männer, die sich extra für ihren freien Tag schön machen und mit ihrer Kleidung imponieren möchten. Meine Idee war, diejenigen anzusprechen, deren Kleidungsstil neugierig macht: sie nach ihrem Namen zu fragen, danach woher sie kommen, wie lange sie schon hier leben, was sie tun, was sie vorher getan haben, ob sie Mode mögen und wenn ja, wer ihre Modeikone ist. All diese Geschichten stelle ich im Blog zusammen, man kann sie mit Fotos von ihnen nachlesen.

Ich vermisse das junge, einfache, freundliche Doha meiner Kindheit. Wir alle müssen wohl irgendwann erwachsen werden und dabei versuchen, unsere eigene Identität zu finden – die Pubertät ist oft eine Zeit der Entfremdung. Das Gleiche gilt wohl auch für Städte: Doha, sinnbildlich für ganz Katar, ist immer noch dabei, erwachsen zu werden.

Aus dem Englischen von Tanja Busch

 

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