Editorial

Dilek Güngör, Ausgabe II/2018, Helden



Hat man uns nicht von klein auf gesagt, wir sollten selbst denken? Selbst entscheiden und nicht auf die anderen schauen? Keiner will ein Nachahmer sein, also tun wir so, als blickten wir nicht nach links und nicht nach rechts. Gaukeln uns und allen anderen vor, wir wüssten, was zu tun sei. Dabei halten wir uns an das, was unsere Freunde mögen, und an die, die so leben wie wir.  Noch viel mehr schätzen wir das, was jenen etwas gilt, die wir bewundern. Anderntags lehnen wir ab, wofür sie sich begeistern, manchmal einzig aus dem Grund, weil sie es hochhalten. Und verkaufen es als eigene Haltung.

Es braucht Mut, dem eigenen Verstand, dem eigenen Urteil, der inneren Stimme zu trauen. Meistens hören wir sie überhaupt nicht, so leise ist sie, so zaghaft. Sobald wir aber nicht mehr damit beschäftigt sind, fortwährend nach den anderen zu schielen, nehmen wir sie wahr. Geben wir ihr die Ruhe und die Zeit, die sie braucht, entfaltet sie ihre ganze Kraft und wird so klar, dass sie nicht zu überhören ist. Wir werden mit unserer Stimme nicht die Welt verändern. Aber vielleicht erkennen wir für einen Moment, an wem wir uns ausrichten und weshalb wir uns gerade diejenigen ausgesucht haben. Finden Haltung und Mut uns jenen zu widersetzen, die eine einfache Antwort auf alles haben.

Keine Sorge, wir bleiben nicht allein zurück, wenn wir innehalten. Wir erkennen nur genauer, wer noch an unserer Seite steht. Meist hören und sehen wir ja nur jene, die vorneweg gehen, die nennen wir Helden, aber auch Helden gehen ihren Weg selten ganz allein. »Ich glaube nicht an Einzelkämpfer«, sagt die Autorin Cornelia Funke. Auch der Filmemacher Omar Robert Hamilton schreibt dem Kollektiv größere Stärke zu als dem Individuum. Der Frage, weshalb wir uns der Anziehungskraft von Helden trotzdem nicht immer erwehren können, gehen wir in dieser Ausgabe nach.

Eine anregende Lektüre wünscht

Dilek Güngör

 

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