"Wir sind alle Rudeltiere"

Cornelia Funke, Ausgabe II/2018, Helden



Ganz ohne Helden geht es nicht. Die Autorin Cornelia Funke erklärt im Gespräch unser Bedürfnis nach Vorbildern und worin sich die Idole von Kindern und Erwachsenen unterscheiden

Frau Funke, Sie leben in Kalifornien. Donald Trump sagte einmal, dass er gar keine Helden oder Vorbilder hat ...
Trump sagt natürlich viel, wenn der Tag lang ist! Allerdings habe auch ich lange Zeit gesagt, dass ich keine Helden habe, weil der Heldenbegriff eine unheimlich negative Konnotation hat. Dass man blind bewundert, blind folgt. Ich lebe in einem Land, in dem man absolut an Helden glaubt, auf eine Art, die viele Europäer nicht gut nachvollziehen können. Sehr viele Helden, gerade in der amerikanischen Comiclandschaft, sind sehr konservativ und haben ein traditionelles Weltbild. Dabei geht es meistens um das Lösen von Problemen durch physische Gewalt. Das muss man natürlich hinterfragen. Es ist auch naiv: Nur weil jemand superstark ist, kann er die Welt retten! In Europa ist dieser Glaube nicht in gleicher Weise verbreitet, vielleicht auch, weil zwei Weltkriege ihn für immer zerstört haben.

Sie haben in Ihren Büchern zahlreiche Heldenfiguren ganzer Kindergenerationen geschaffen. Haben Kinder ein größeres Bedürfnis nach Helden als Erwachsene?
Ich glaube, dass wir alle Helden brauchen. Wir als Erwachsene machen immer wieder den Fehler, zwischen Kindern und Erwachsenen zu trennen. Dabei vergessen wir, dass wir selbst mal Kinder waren. Wir gehören derselben Spezies an. Erwachsene haben mindestens eine ebenso große Sehnsucht nach Helden, weil sie mitten im Leben stehen und dort Orientierung suchen, Vorbilder. Kinder sind da oft noch sehr viel spielerischer.

Spielerischer inwiefern?

 Kinder probieren im Leben verschiedene Rollen aus. Sie sind noch nicht so festgelegt, wer sie eigentlich sind. Sie können einen fliegenden Superhund als Helden haben. Oder einen Grashüpfer. Sie können ihren Vater als Vorbild sehen oder ihre Großmutter. Kinder sind sich sehr bewusst, dass sie Teil eines Ganzen sind. Sie fühlen sich noch nicht so getrennt von Pflanzen, Tieren, von der Welt im Allgemeinen. Das ist ein sehr starkes Gefühl, das manchmal auch Angst machen kann. Erwachsene dagegen machen oft den großen Fehler, dass sie sich sicher sein wollen, wer sie im Unterschied zu anderen sind. Sie nähren die Illusion: Ich weiß genau, wer ich bin! Das und das tue ich, der und der bin ich. Darum sind Erwachsene oft auch in ihrem Heldenbild eingeschränkter als Kinder. Sie wählen sich Helden nach einer konkreten Funktion aus, als Vorbild, um einen bestimmten Aspekt ihres Lebens zu lösen. Das heißt, je enger wir uns selbst definieren, desto begrenzter der Held.  

Erinnern Sie sich noch an Ihre eigenen Kindheitshelden?
Ich glaube, das waren Winnetou und Old Shatterhand. Ich habe damals wie besessen Karl May gelesen, später Astrid Lindgren. Irgendwann wurden es aufständische Indianer oder andere reale Freiheitskämpfer wie Rosa Luxemburg, die ich als Helden empfand. Leute, die sich gegen Unterdrückung wehrten, die sich für die Freiheit oder die Interessen anderer einsetzten. Im Grunde waren das immer die Rebellen. Ich bin nie auf der Seite von Helden gewesen, die die bestehende Ordnung erhalten wollten. Solche Helden gibt’s ja auch.

Was ist Ihnen bei der Erschaffung der Heldenfiguren in Ihren Büchern wichtig?
Für mich ist es ganz wichtig, dass meine Figuren nie allein sind. Ich glaube nicht an den Einzelkämpfer, der allein in die Welt hinauszieht und sie rettet. Ich glaube an Freundschaft. Und das ist auch in allen meinen Büchern zu finden. Eine Figur, die alles allein löst, ist unglaubwürdig. Das ist in meinem Leben immer so gewesen: dass es am verzauberndsten ist, wenn man gemeinsam mit anderen etwas verändert. Allein stelle ich mir das sehr langweilig vor, und die Gefahr entsteht, dass man selbstherrlich und selbstgerecht wird. Das kann Menschen, denen immer wieder gesagt wird, sie seien Helden, sehr leicht passieren: dass sie sich irgendwann als etwas Besseres fühlen.

Was sind für Sie heroische Eigenschaften?
Furchtlosigkeit. Oder besser: der Mut, die eigene Furcht zu besiegen. Und Selbstlosigkeit. Die Bereitschaft, etwas für das Gemeinwohl zu opfern. Einschnitte und Opfer im eigenen Leben zu akzeptieren, damit es allen oder der Welt ein bisschen besser geht. Helden sind für mich Leute, die ihre eigenen Interessen für die Gemeinschaft hintanstellen. Für die Gemeinschaft auf diesem Planeten.

Also jemand, der vor allem Gutes tun will?

Ich glaube, das Problem ist, dass ein Held grundsätzlich  zu Gutem befähigt sein kann. Das kann aber auch umschlagen. Die Macht, die mit dem Einfluss kommt, wird manchmal missbraucht. Damit kommen wir zu einem anderen Punkt: Ein Held braucht Charisma.

Kann Charisma auch gefährlich werden?
Das kann sogar eine sehr gefährliche Eigenschaft sein. Weil wir oft nicht verstehen, warum charismatische Menschen so anziehend wirken, können sie uns zu Dingen verführen, die sich als alles andere als gut herausstellen. Gefährlich wird es auch, wenn es für jemanden nur noch einen Helden gibt. Wenn dieser eine nicht mehr dazu da ist, sich selbst spielerisch zu entdecken und herauszufinden, wo man hinwill, sondern wenn der Held sich in jemanden verwandelt, der einem das Denken abnimmt. Das kann in der Teenagerzeit kritisch werden, wenn man sich verzweifelt nach Idolen umguckt und hinaus in die Erwachsenenwelt muss. Das wurde ja gerade von den Faschisten genutzt. Jugendlicher Enthusiasmus lässt sich aufs Wunderbarste missbrauchen. Andererseits haben wir ganz aktuell hier in den USA ein fantastisches Beispiel dafür, wie Jugendliche mit ihrem Kampf für eine Verschärfung der Waffengesetze selbst zu Helden werden. Das ist für mich heldenhaftes Benehmen. Diese Jugendlichen haben nicht nach anderen Helden gesucht, sie haben erkannt, dass man bestimmte Dinge nicht anderen überlassen darf, sondern selbst aktiv werden muss.

Haltung zeigen und die Dinge selbst in die Hand nehmen, geht es darum?
Ja, sich zu sagen: Vielleicht bin ich selbst der Held meines Lebens. Vielleicht kann ich selbst die Welt so verändern, wie ich sie gerne hätte oder wie sie sein sollte. Die Teenager in den USA sagen genau das: Wir haben lange genug darauf gewartet, dass ihr Erwachsene etwas tut, dass ihr etwas ändert. Wir sind enttäuscht von eurer Generation! Was macht ihr aus der Welt? Ich erinnere mich, als ich selbst jung war, hatte ich ein ähnliches Gefühl.

Woher kommt eigentlich dieses Bedürfnis nach außergewöhnlichen Gestalten, die aus der Masse herausstechen?
Wir sind letztlich alle Rudeltiere. Ich fürchte, das ist die Sehnsucht nach dem Rudelanführer. Das Bedürfnis nach jemandem, der weiß, wo es langgeht. Diese Sehnsucht nach Orientierung in uns ist sehr stark. Nach Schutz durch jemanden, der stärker ist, der einen Plan hat. Wir als Deutsche wissen leider nur allzu genau, wo das hinführen kann. Aber es kann durchaus Situationen im Leben geben, in denen es sehr nützlich sein kann, ein Vorbild oder einen Helden zu haben. Eine meiner Heldinnen war zum Beispiel immer Astrid Lindgren, und ich glaube, das hat keinen Schaden hinterlassen. Im Gegenteil, sie hat mir sehr viel Inspiration geliefert.

Wollen Sie mit Ihren eigenen Büchern auch inspirieren, eine bestimmte Botschaft vermitteln?
Die eigene Weltsicht kann niemand in seinen Texten verbergen. Aber eine konkrete Botschaft finde ich problematisch, eine Geschichte muss immer sehr viel mehr als das sein. Ich habe zu viel Respekt vor meinen Lesern, um sie zu belehren. Aber man kann natürlich Fragen stellen. Fragen, die beschreiben, was Angst und was Mut macht ...

Ist es Ihnen wichtig, möglichst vielfältige Protagonisten in Ihren Büchern zu schaffen?
Auf jeden Fall. Doch wenn ich im Nahhinein zurückblicke, habe ich das in meinen früheren Büchern in keinster Weise ausreichend getan! Wenn ich mir heute »Die Wilden Hühner« anschaue, wird mir erst klar: Das sind fünf weiße Mädchen! Damals, als ich das schrieb, war das auf dem deutschen Land durchaus realistisch. Heute ist das zum Glück einfach nicht mehr so. Als ich »Die wilden Hühner« in Amerika auf Englisch herausgebracht habe, habe ich ein Vorwort geschrieben, in dem ich den amerikanischen Kindern erkläre, warum die alle weiß sind.

Das kann bei einem Koboldmädchen, einem Silberdrachen und einem Menschenjungen wie in Drachenreiter nicht passieren, da ist Diversity von Grund auf angelegt ...
Genau! Damit können sich Kinder auf der ganzen Welt identifizieren. Da muss sich kein afroamerikanisches Mädchen fragen, warum sie in den »Wilden Hühnern« nicht auftaucht. Fantastisches Erzählen kann unglaublich dabei helfen, dass sich Kinder darin üben, sich in andere Menschen oder Tiere hineinzuversetzen. Toleranter zu sein, was das Andere betrifft. Ich glaube, dass ein Kind, das Fantasy liest, auch kein Problem damit hat, jemandem zu begegnen, der eine andere Hautfarbe hat oder der in einer anderen Welt aufgewachsen ist. Es gibt Statistiken, dass Leute, die Fantasy lesen, politisch wesentlich aktiver sind. Was meiner Meinung nach völlig verständlich ist, weil man die Welt ja erst einmal infrage stellen muss, um sie zu ändern.

Kann man reale politische Probleme in Fantasyromanen thematisieren?
Ich finde, sogar besser als in realistischen Büchern. Nehmen wir J. K. Rowlings wunderbaren »Harry Potter«, in dem sie Folter, das Böse, Rassismus und Faschismus thematisiert. Und weil sie alldem ein fantastisches Kleid gibt, merken es die meisten Leser erst dann, wenn sie bereits am Haken sind. Wenn man die Dinge ungewöhnlich aussehen lässt, was man in der Fantasy ja tut, kann man den Leser oft dazu bringen, über Dinge nachzudenken, mit denen er sich eigentlich nicht befassen will. Vor denen er Angst hat. Nehmen wir »Der Herr der Ringe«, einen klassischen Fantasyroman. Tolkien hat ihn basierend auf seiner Schützengrabenerfahrung im Ersten Weltkrieg für seinen Sohn geschrieben, der zu der Zeit im Zweiten Weltkrieg kämpfte. Auf die Frage: Worum geht es im »Herr der Ringe«?, hat er geantwortet: Es geht um nichts als den Tod. So funktioniert alle ernst zu nehmende Fantasy.

Außer den »Wilden Hühnern« haben Sie immer fantastisch geschrieben, aktuell arbeiten Sie parallel an weiteren Folgen von »Reckless«, »Tintenherz« und »Drachenreiter«. Was reizt Sie an Fantasy?
 Ich glaube, dass man der Wirklichkeit mit Fantasy sehr viel näher kommt. Den großen Fragen des Lebens: Wo kommen wir her? Was kommt nach dem Tod? Warum sind wir da? Was ist böse? Was ist gut? All das kann man mit Fantasy wesentlich besser in Bilder fassen und thematisieren. Diese Welt ist fantastisch! Wenn man realistisch schreibt, ist man in einem bestimmten historischen Moment gefangen, in einem nationalen Kontext. Meine Fantasybücher werden in vierzig oder fünfzig Ländern gelesen. Ich glaube, das liegt daran, dass Fantasy überall verstanden werden kann.

Sie selbst sind für viele Menschen ein Vorbild, eine inspirierende Person. Wie gehen Sie damit um?
Das ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, als ich vom Time Magazine auf die Liste der hundert einflussreichsten Menschen der Welt gesetzt wurde. Plötzlich saß ich bei einem Riesendinner in New York und dachte: Das ist doch alles vollkommen absurd! Ich bin natürlich nicht eine der hundert einflussreichsten Personen auf diesem Planeten. Aber in diesem Moment habe ich beschlossen: Tu doch einfach mal so, als ob das der Fall wäre. Die Journalisten sagen, du hast zwanzig Millionen Leser, du hast großen Einfluss. Wie kannst du dem gerecht werden? Seitdem engagiere ich mich noch stärker, politisch und sozial. Erst recht seit Trumps Wahl. Darum war diese seltsame Sache mit der Liste eigentlich eine gute Lektion für mich. Ich habe mir gesagt: Drücke dich nicht davor, dass du vielleicht wirklich Einfluss auf Kinder hast. Akzeptiere das und nur dann wirst du damit auch verantwortlich umgehen. Das versuche ich zu tun, indem ich auf meiner Webseite und eigentlich überall mein soziales Engagement sehr deutlich mache und hoffe, dass Kinder mir das nachmachen. Zum Beispiel
schreiben wir Ende dieses Jahres über meine Webseite einen Preis für Kinder aus, die sich im Umweltschutz engagieren. Derzeit ist der Plan, dass ich wenigstens zwei Kinder dann nach Malibu einlade.

Held sein heißt also, Verantwortung zu übernehmen?
Ich glaube, das ist der einzig interessante Aspekt daran. Wenn man schon den Helden spielt, dann ist das wirklich Spannende daran, die Verantwortung zu tragen, die damit einhergeht. Dass man wirklich etwas bewegen kann. Man muss einfach irgendwann anfangen und etwas ändern. Das ist es, was wirklich im Leben zählt. Dass man, wenn man sich irgendwann verabschiedet, sagen kann, man hat die Welt vielleicht ein kleines bisschen besser gemacht.

Das Interview führte Gundula Haage

 

Ähnliche Artikel

Der Onkel und die Physikerin

Ausgabe II/2018, Helden, Cem Sey

Recep Tayyip Erdoğan und Angela Merkel – zwei Staatsführer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine sieht sich gern als Held, die andere scheut den Superlativ. mehr


Zu Besuch bei Feinden

Ausgabe II/2018, Helden, Lizzie Doron

Was ich über Heldentum gelernt habe, als ich palästinensischen Kämpfern zuhörte mehr


„Wie in einem Traum“

Ausgabe III/2010, e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert, Gabriel S. Moses

Früher gab es Briefromane, heute gibt es Blogromane. Ein Gespräch mit dem Erzähler und Illustrator Gabriel S. Moses mehr


Schlichtes Freund-Feind-Denken

Ausgabe II/2007, Unterwegs. Wie wir reisen, Robert von Rimscha

Pünktlich zum G8-Gipfel erscheint ein Handbuch des neuen weltweiten Protests gegen die Marktglobalisierung mehr


Bilaterale Kulturbeziehungen

Ausgabe III/2007, Toleranz und ihre Grenzen, Gudrun Czekalla

Die Bilanz der sowjetischen Kulturpolitik kann sich auf den ersten Blick sehen lassen: Zwei Drittel des Buchbestands in den öffentlichen Bibliotheken war 1949 s... mehr


Frankreich und Frankofonie

Ausgabe II/2009, Treffen sich zwei. Westen und Islam, Gudrun Czekalla

Das Handbuch informiert in 133 Artikeln einführend und zusammenfassend über Sprache, Literatur, Kultur und Gesellschaft in Frankreich und den frankofonen Kultur... mehr