Der Dichter und sein Publikum

Tim Parks, Ausgabe III/2010, e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert



Wie sich die Rezeption europäischer Literatur verändert und warum Schriftsteller den Dialog zwischen den Kulturen nicht fördern

Was bewegt einen jungen Mann oder eine junge Frau dazu, einen Roman zu schreiben? Schlichter Ehrgeiz? Dämonen, die es auszutreiben gilt? Liebe zur Sprache und zum Geschichtenerzählen? Vielleicht der Wunsch, andere genauso zu verführen, wie man einst selbst von anderen Schriftstellern verführt und verzaubert wurde. Oder das Gefühl, dass Schreiben die Interaktion mit der Außenwelt ermöglicht, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Man kann die höchsten Autoritäten kritisieren und sogar Gott zur Verantwortung ziehen und sitzt doch immer sicher im eigenen Arbeitszimmer vor dem PC, das Programm mit den E-Mails läuft im Hintergrund. Darüber hinaus wird man auch noch von anderen bewundert, die eigene Identität wird bestätigt und bestärkt.


Ob dieser junge Mensch an Europa denkt? Eher unwahrscheinlich. Falls er ein politisches Ziel verfolgt, wird es um irgendein großes Unrecht gehen. Der Leser wird mit Mitgefühl auf die Besorgnis des Schriftstellers über die Opfer dieser Welt reagieren. Bei aller Korruption und Beschränktheit zählt die Europäische Union bisher noch nicht zu den großen Übeltätern, und der junge Schriftsteller wird somit nicht an sie denken. 


Falls es um ein eher persönliches Unrecht geht, wird er sich in seinem regionalen Umfeld oder allerhöchstens auf nationaler Ebene bewegen. Eine junge Frau wurde sexuell belästigt, und ihre Erniedrigung wird von der Polizei und den Gerichten ignoriert. Verständlicherweise führt ihr Weg zum Schreiben: Sie entwirft eine Karikatur des britischen Rechtssystems. Ihr Schreiben appelliert an ein übergeordnetes Tribunal und ermöglicht es der Schriftstellerin, ihren Schmerz zu Geld zu machen. Oder ein junger Mann wurde bei der Stellenvergabe an der Uni zugunsten der Tochter eines Professors übergangen. Verständlicherweise verurteilt er diesen familiären Nepotismus Italiens, jene Ungerechtigkeit, die seit jeher in diesem Land herrscht. Und wenn diese Bücher dann im Ausland erscheinen, werden sich die Leser freuen, dass Großbritannien eigentlich gar kein so zivilisiertes Land ist und dass Italien korrupt ist wie eh und je. Es tut immer gut, vom Scheitern anderer Länder zu hören. Wenn man Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek liest, denkt man stets mit einem leichten Schaudern, wie schrecklich Öster-reich doch sein muss. Bei der Lektüre des Mafia-Buchs „Gomorrha“ von Roberto Saviano erfreuen sich Franzosen und Deutsche daran, dass Neapel niemals so zivilisiert sein wird wie Marseille oder München. Aber ach, Europa ist letztendlich ein zu amorphes und vielschichtiges Konzept, als dass die Leser sich an einem Unrecht ergötzen würden, das in der Europäischen Gemeinschaft geschieht. Niemand würde einen Roman darüber schreiben, welch schreckliches Erlebnis er oder sie in Europa hatte.


Warum erklärt sich der zehnte oder zwölfte Verleger bereit (sei es auch, nachdem er dem Autor viele „Verbesserungen“ aufgenötigt hat), das Werk eines jungen Schriftstellers oder einer jungen Schriftstellerin zu veröffentlichen? Weil es kommerzielles Potenzial hat. Es werden andere Gründe genannt, aber das ist der einzige Grund, der wirklich zählt. Man wird heutzutage unter den Verlegern in Großbritannien nur mit Mühe einen Lektor finden, der an erster, zweiter oder auch nur an dritter Stelle die „literarische Leistung“ berücksichtigt – was auch immer das genau sein mag. Lektoren, die so arbeiteten, wurden vor langer Zeit aus ihren Positionen entfernt und arbeiten nun freiberuflich von zu Hause, wo sie nach den Anweisungen klügerer Menschen mit einer vernünftigen Ausbildung in Marketing und Buchhaltung Manuskripte lesen und lektorieren. 


Glücklicherweise gibt es viele Themen, die dieses kommerzielle Potenzial in sich tragen – von Kinderzauberern über internationale Verschwörungen, Liebesgeschichten natürlich, Mord, Gewalt und Chaos, die Misere ethnischer Minderheiten bis hin zu Pornographie und der Schmach der Ungerechtigkeit. All diese Themen sind sichere Wege zum Ruhm.


Noch vor Veröffentlichung des Romans wird man auf den Verkauf der Rechte ins Ausland drängen. Liegt es daran, dass es der Schriftsteller aus Portugal oder Irland kaum erwarten kann, in Belgien, Griechenland oder Slowenien gelesen zu werden? Sicher nicht. Sogar wenn der Roman eine faszinierende Darstellung der Kultur und Politik eines kleinen europäischen Landes ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass der Schriftsteller sich auf einen Austausch mit den Kulturkreisen anderer kleiner oder großer europäischer Länder freut. Es ist ihm außerdem relativ egal, ob sie seine eigene Kultur verstehen. Er hat über seine Kultur geschrieben, weil er über sie zu seiner Form der Selbstdarstellung gelangt ist. Nun geht es darum, dass jeder sein Buch liest. Der moderne Schriftsteller ist weder Engländer noch Franzose oder Deutscher – er ist ein unabhängiges Individuum. Zu seinem Leserkreis gehört jeder. Die Übersetzung, für die er sich am meisten interessiert, ist die in die englische Sprache, da sie Leser in Großbritannien, aber auch in den USA, Kanada und Australien erschließt und die Wahrnehmung des Werkes erhöht, was wiederum zu weiteren Übersetzungen führt. Er wendet sich weder an sein Heimatland noch an Europa, sondern an die Welt.


Die Tatsache, dass der Schriftsteller nicht für einen nationalen, sondern für einen globalen Leserkreis schreibt, ist von entscheidender Bedeutung. Diese Entwicklung hat die Rolle der Literatur bereits verändert und wird sie künftig weiter formen. Beispielsweise wird ein portugiesischer oder ein griechischer Schriftsteller eher darauf bedacht sein, nicht zu detailliert über die eigene Kultur und auf gar keinen Fall nur für Leser zu schreiben, die Kenner dieser speziellen Kultur sind, da dies seinen internationalen Leserkreis beschränken würde. Bei der Lektüre von Hugo Claus, einem der großen Schriftsteller der vierziger und fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts, erstaunt die Naivität, mit der der Schriftsteller annahm, seine internationale Leserschaft wisse genug über Belgien, um seine Bücher zu lesen. Zeitgenössische Romanciers gehen klüger vor. Man muss nichts über Norwegen wissen, um Per Petterson zu lesen, und man wird von ihm nichts über das Land lernen. Gleiches gilt für Gerbrand Bakkers Holland. Beide Männer sind ausgezeichnete internationale Schriftsteller. 


Diese neue Situation hat Auswirkungen auf die Übersetzungen in andere Sprachen, von denen Milan Kundera in seinem nahezu rauschhaften neunteiligen Essay „Testaments Betrayed“ schreibt. Übersetzer müssten aufhören, sich den Konventionen zu beugen, die durch „gutes Französisch, Deutsch oder Italienisch“ vorgegeben werden. Stattdessen sollte ihre „höchste Autorität … der persönliche Stil des jeweiligen Autors sein“. Ein die Regeln sprengender Stil in tschechischer Sprache muss ähnlich mit den stilistischen Gegebenheiten der französischen, deutschen, japanischen oder kantonesischen Sprache umgehen. Kundera ist derart fest entschlossen, dem internationalen Leser Kundera statt einer spanischen oder italienischen Metamorphose zu präsentieren, dass dieser intelligente und ausgesprochen talentierte Mann vergisst, dass ein bestimmter Schreibstil in Beziehung zu der Sprache und der Kultur existiert, in der ein Text geschrieben wurde, und nicht isoliert bestehen kann. Dieser Stil kann niemals als absolute Entsprechung des Originals nachgebildet werden. Kundera spricht von „seinen Übersetzern“ als einer aufgeklärten Gruppe, die seine höchste Autorität akzeptiert hat.


Die Identitäten der einzelnen Übersetzer werden unter Kunderas Identität subsumiert. Eine befremdliche Situation. Andere Übersetzer schreiben wissenschaftliche Abhandlungen darüber, wie notwendig es für Übersetzer ist, sich ihren Autoren zu „widersetzen“ und sich selbst in ihren Übersetzungen Ausdruck zu verleihen. Sie sind zu hungrig nach Anerkennung. All dies bedeutet für Europa, dass jegliche Vorstellung, Schriftsteller könnten einen „Dialog zwischen den Kulturen“ befördern, recht naiv ist. Möglicherweise existiert ein ausgeprägter Austausch zwischen verschiedenen Kulturen, und ein Buch kann eventuell etwas Authentisches mit sich bringen, das der Schriftsteller über seine unmittelbare Lebenswelt zum Ausdruck gebracht hat – oder auch nicht. Aber das ist letztendlich nebensächlich. 


Entscheidend für den ambitionierten Schriftsteller ist, dass sein Werk überall verfügbar ist. Um dieses Ziel zu erreichen, ist er gewillt, Inhalt und Stil seines Buches zu verändern. Kazuo Ishiguru, der britische Schriftsteller japanischer Herkunft, hat von der Notwendigkeit einer leicht zu übersetzenden englischen Sprache gesprochen, mit der man die ganze Welt erreichen kann. Von skandinavischen Schriftstellern habe ich erfahren, dass sie bei der Wahl der Namen ihrer Romanfiguren an ihre Leser im Ausland denken. Die Leserschaft im Inland und die Auswirkungen eines Buches auf nationaler Ebene sind nicht so bedeutend – jedoch weniger zugunsten Europas als zugunsten der gesamten Welt. Beziehungsweise zugunsten des Schriftstellers selbst.


Italienische, spanische und sogar deutsche Schriftsteller fordern lautstark, ins Englische übersetzt zu werden, um sich damit den Weg zum internationalen Ruhm zu öffnen. Aber natürlich werden die meisten Übersetzungen in die jeweils andere Sprache in Auftrag gegeben, und Texte vom Englischen in die jeweilige Sprache übertragen. Hier in Italien, wo ich lebe, sind über siebzig Prozent der veröffentlichten Bücher Übersetzungen, und die Mehrzahl dieser Publikationen stammt aus dem Englischen. In Mailand unterrichte ich im Rahmen eines Postgraduate-Studiengangs für Übersetzungswissenschaften. Alle Studierenden müssen zwei Sprachen belegen und eine davon ist Englisch. Auch wenn sie Französisch, Deutsch oder Spanisch bevorzugen, geht man davon aus, dass der Großteil der künftigen Aufträge Übersetzungen aus dem Englischen sein werden. 


Dies liegt nicht daran, dass Europa bewundernd nach England blickt, sondern dass Amerika nach wie vor als Vorreiter der kulturellen Entwicklung in der Welt gilt. Somit ist Europa nicht nur zu amorph, um der Ort zu sein, wo sich eine Erzählung entwickelt, sondern seine Bewohner nehmen es als überaltert wahr oder finden, dass es nicht die innovative Kraft Amerikas besitzt beziehungweise seine Interessen nicht ebenso kraftvoll durchsetzt. Es wäre müßig, sich darüber zu ärgern oder dagegen anzugehen. Möglicherweise ist es sogar ein Vorteil, weil es den Europäern ermöglicht, ihr Leben zu leben und ihre Ziele zu verfolgen, ohne unter dem Rampenlicht zu leiden, das auf alles fällt, was aus Amerika kommt. 


Von entscheidender Bedeutung ist in diesem Zusammenhang, dass der Schriftsteller sich möglicherweise nach dem Ruhm und Reichtum sehnt, den Übersetzungen und internationale Anerkennung vielleicht mit sich bringen. Andererseits ist es wohl das Schlimmste, was ihm als Mensch und Schriftsteller passieren kann, diese Ziele zu erreichen. Nichts wird seine Arbeit mehr verwässern, ablenken und verfälschen als ein bedeutender internationaler Erfolg und die das Ego aufblähenden Gedanken, wenn er zeitgleich in mehreren Ländern veröffentlicht wird. Es gibt nichts, was einen nationalen Kulturkreis stärker der wertvollen Beiträge seiner Autoren beraubt als die Verlockungen weltweiter Berühmtheit. Auch wenn Schriftsteller genau wie Afrikas talentierte Fußballspieler nicht unbedingt ins Ausland gehen, so sind sie in Gedanken doch anderenorts.


Noch bedeutungsvoller als der ersehnte Ruhm ist der Freiraum für die schriftstellerische Arbeit – jene Freiheit, genau das zu sagen, was man sagen möchte – jetzt, genau in diesem Augenblick, in Glasgow, in Bonn, in Dijon – und nicht mit Blick auf die Verkaufszahlen in New York. Genau das macht die Europäische Union so bedeutend. Denn dies ist die einzige Rolle, mit der sie sich nach Auffassung der Autoren befassen soll: für Freiheit zu sorgen. Innerhalb der EU genießen britische, irische, italienische und polnische Schriftsteller die völlige Freiheit der Meinungsäußerung. Sie verfügen über das beruhigende Wissen, dass es für den jeweiligen nationalen Kulturkreis sehr schwer sein wird, sie innerhalb der größeren Gemeinschaft zu verfolgen. Diese Freiheit ist das größte Geschenk, das jede Regierung ihren Künstlern machen kann, und gleichzeitig die stärkste Zurechtweisung all jener Länder, die sich anders verhalten.


Es ist sehr wichtig zu erkennen, dass ich hier nicht von wirtschaftlicher Freiheit spreche. Es ist nicht die Aufgabe der Europäischen Union, zu entscheiden, ob dieser oder jener Schriftsteller gefördert werden soll, während ein anderer sich selbst durchschlagen muss. Derartige Entscheidungen werden stets politischer oder – noch schlimmer – persönlicher Natur sein. Um heutzutage die eigene Meinung, die eigenen Gedichte, Geschichten oder sogar Romane zu veröffentlichen, muss man nur einen Blog starten, der nichts außer Energie und Hingabe kostet. 


Währenddessen entwickelt sich der traditionelle Buchmarkt immer mehr zu einer Angelegenheit großer Ketten, die mittelmäßige Titel im Programm haben, von denen man annimmt, dass sie sich gut vermarkten lassen. Dies führt dazu, dass echte Innovationen zunehmend auf regionaler Ebene stattfinden, immer fragmentarischer sind und ihre eigene Form der Distribution im Internet finden, die gleichzeitig regional und global ist. Unter Umständen führt dies zu einem weniger privilegierten Lebensstil des Schriftstellers. Es kann jedoch auch befreiend sein, da das höchste Anliegen des Autors darin besteht, jene Leser anzusprechen, die ihn wirklich verstehen.


Fragen wie „Kann Kultur Europa eine Seele einhauchen?“ oder „Kann Kultur eine strategische Rolle übernehmen, um dem Kontinent zu einem Gemeinschaftsgefühl zu verhelfen?“ empfinde ich als beunruhigend. Menschen haben ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wenn sie angegriffen werden oder wenn sie sich in einem größeren Rahmen für eine gemeinsame Sache starkmachen. Möge uns all das erspart bleiben. Mögen wir uns weiterhin in den Haaren liegen und uns gegenseitig misstrauisch beäugen, mögen wir niemals eine gemeinsame Religion in unserer Verfassung festschreiben. Mögen wir niemals eine gemeinsame „Verteidigungspolitik“ haben. Mögen wir niemals Europa als ein „Bollwerk“ oder einen „Machtblock“ sehen. 


Die Genialität der EU macht genau jener Spielraum innerhalb der Organisation aus, der es jedem Land erlaubt, das Delirium der jeweiligen nationalen Identität zu leben und es nicht durch eine gleichermaßen rauschhafte kontinentale Identität zu ersetzen, sondern jedem einzelnen Bürger gestattet, eine nationalstaatliche, europäische oder ganz individuelle Identität zu leben – ganz nach den jeweiligen Vorlieben. Mensch zu sein sollte als Zusammengehörigkeitsgefühl genügen. Was die „Seele“ betrifft, bin ich immer noch auf der Suche nach dem Wörterbuch, das mir erklären kann, was dieses Wort bedeutet. Falls so etwas existieren sollte, kann ich mir nicht vorstellen, dass es sich durch irgendeine kulturelle Strategie antreiben lässt.
 
 

Aus dem Englischen von Angelika Welt 
 
 Dieser Text erschien erstmalig im Kulturreport „Europa liest in Literatur in Europa“ (ifa, Stuttgart, 2010). 

 

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