Ein Mormone auf Abwegen

Eric T. Hansen, Ausgabe IV/2014, Kauf ich. Ein Heft über Konsum



Wie ich von Hawaii nach Remscheid kam, das Mittelalter entdeckte, und Gott gegen Glühwein tauschte

Die Meine frühe Kindheit verbrachte ich in Bellingham im US-Bundesstaat Washington, direkt an der amerikanisch-kanadischen Grenze. Die Familie meiner Mutter wanderte von Schweden dorthin aus, wahrscheinlich, weil sie auch in den USA Fische aus dem Meer ziehen, Holz hacken und frieren wollte. Mein Vater hingegen war ein waschechter Amerikaner: Goldsucher in Alaska, Soldat im Zweiten Weltkrieg und strenger Mormone. In Bellingham schliff er Brillengläser, bis sein Geschäftspartner eines Tages mit dem kompletten Vermögen türmte. Das veränderte alles: Mein Vater steckte meine Mutter, meine fünf Geschwister und mich – ich war damals sechs Jahre alt – ins Flugzeug nach Oahu, Hawaii. So wuchs ich nicht im Kreise der streng mormonischen Verwandtschaft aus Bellingham, sondern unter „liberalen“ Mormonen auf. Zusammen mit Freunden erkundete ich die Insel. Einmal kletterten wir auf den Olomana-Berg und schickten von oben mit der Taschenlampe Morsezeichen ins Tal hinunter. Kurz darauf standen wir im Scheinwerferlicht der Rettungshubschrauber. Alle dachten, wir hätten uns verlaufen. Mit Hawaii verbinde ich vor allem meine ersten Bücher: die „Herr der Ringe“-Trilogie und Conan begeisterten mich für das Mittelalter und das Schreiben. Mit 15 versuchte ich, eigene Fantasy-Romane zu verkaufen, und in meiner Highschool, die nahe der Privatschule lag, auf die Barack Obama damals ging, begann ich für die Schülerzeitung zu schreiben.
Nach meinem Abschluss stand wieder ein Neuanfang an: Ich wurde Missionar – zum einen, weil ich Gottes Wort verbreiten wollte, zum anderen, weil es meine Chance war, nach Europa zu kommen, einem Kontinent mit mittelalterlicher Geschichte. Ich landete in Remscheid im Ruhrpott. Alles war so klein und exotisch, die Polizisten trugen Grün, statt Super-Malls gab es kleine Verkaufsläden und überall standen alte Schlösser und Rathäuser. Ein echtes Wunderland. Um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen, wurde ich Auslandskorrespondent für den Hollywood Reporter. Ich lernte den Journalismus kennen – und meine erste Frau, die erste und letzte Person, die ich zum Mormonentum bekehrte. Wir zogen nach München, wo ich deutsche mittelalterliche Literatur studierte und herausfand, dass ich nicht als Akademiker in der Bibliothek verstauben wollte. Also widmete ich mich dem Schreiben und verwirklichte mir einen Kindheitstraum: In einem VW-Bus reiste ich auf den Spuren des Mittelalters durch Deutschland und Österreich und schrieb das Buch „Die Nibelungenreise“. In der Zwischenzeit – ich war mittlerweile dreißig – wandte ich mich immer mehr von der Kirche ab. Ich schaute mich um und dachte: In Gaza fallen Bomben, wir stecken mitten im Kalten Krieg und die Frage, die mich beschäftigt, ist, ob ich als Mormone, dem koffeinhaltige Heißgetränke verboten sind, Coca-Cola trinken darf. Also verließ ich die Kirche. Ich ging auf den Münchner Weihnachtsmarkt und trank zum ersten Mal Glühwein. Meine Frau und ich ließen uns scheiden. Die Kirche war die dritte Person in unserer Ehe gewesen. In meinen nächsten Büchern schrieb ich über die Deutschen, ein Volk, das gerne über amerikanisches Fast Food lästert, aber selbst den Hawaii-Toast erfunden hat. Ich erkundete ihre rätselhafte Beziehung zum Staat, zum Genuss und zur eigenen Identität. Das wurde später auch das Thema meiner Kolumne „Wir Amis“ für DIE ZEIT. Ich mag es, den Deutschen auf den Zahn zu fühlen. Etwa, indem ich postulierte, sie hätten keine Kultur, nur Museen. Da springen einem die Leute natürlich an den Hals – gerade mir als Ami. Aber wenn jemand Katzen mag, dann will ich beweisen, dass Hunde besser sind. Ob ich recht habe oder nicht, ist zweitrangig. Heute wohne ich mit meiner Lebensgefährtin in Berlin. Wir schreiben gerade Krimis. Das ist etwas Neues für mich, aber es klappt erstaunlich gut. Ich habe auch immer noch meine Kindheitsideen für Fantasy-Romane im Hinterkopf, aber irgendetwas hält mich davon ab, sie zu schreiben.

Protokolliert von Kai Schnier

 

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