Meine malvenfarbene Waschschüssel

Tim Parks, Ausgabe IV/2014, Kauf ich. Ein Heft über Konsum



Wie ein Neuanfang die Einstellung zum Besitz verändern kann

Ich sitze auf dem Klo und mein Blick fällt auf eine malvenfarbene Plastikschüssel von etwa dreißig Zentimetern Durchmesser, die auf dem Boden steht. Diese Schüssel gehört mir. Ich habe sie gekauft, als ich nach der Trennung von meiner Frau zu Hause ausgezogen bin und mir eine neue Wohnung genommen habe.

Ich erkannte damals sofort, dass ich zum Waschen der Dinge, die nicht in der Maschine gewaschen werden konnten und für den Transport nasser Wäsche zwischen Waschmaschine und Wohnzimmer, dem einzigen Raum, in dem Platz für einen Wäscheständer ist, ein Gefäß brauchen würde. Natürlich hätte ich die Wäsche auch einfach auf dem Arm ins Wohnzimmer tragen und die empfindlichen Kleidungsstücke, wie zum Beispiel meine Leinenhose, die ich sehr mag, direkt im Waschbecken waschen können. Aber ich fand, eine Waschschüssel sei, auch wenn sie nicht unbedingt überlebensnotwendig war, ein nützliches Utensil für ein etwas bequemeres Leben.

Ich kaufte die Schüssel bei einem chinesischen Discounter, teils, weil der Laden in der Nähe ist, und teils, weil er billig ist. Vielleicht besorgte ich sie auch, weil ich ahnte, dass es im Hinblick auf die längerfristigen Folgen der Trennung von meiner Frau nur klug wäre, mich an den Gedanken zu gewöhnen, gewisse Dinge künftig in chinesischen Discountläden einzukaufen.

Mir hätte eine andere Farbe besser gefallen. Malve passt nicht zu den hellblauen Kacheln im Badezimmer und auch nicht zu meiner nüchternen Wohnzimmereinrichtung. Malve ist generell nicht meine Farbe. Ich empfinde es als grell und aufdringlich. Aber heute, während ich hier sitze und diese malvenfarbene Schüssel betrachte, auf der die durch die Spitzengardine hereinfallenden Sonnenstrahlen zitternde Lichtkristalle erzeugen, sodass ihre glänzende Oberfläche erstaunlich prachtvoll und vielseitig wirkt, bin ich hochzufrieden mit meinem Kauf. Mir scheint, ich habe das recht gut gemacht. Die Schüssel erfüllt ihren Zweck. Ich habe einen Grund, mir zu gratulieren. Wären doch nur alle meine Erlebnisse mit Besitz und Konsum so simpel und positiv.

Wie sehr ich an meinem Haus hing, wurde mir natürlich erst bewusst, nachdem ich es verlassen hatte. Das Haus, in dem wir mit unserer Familie lebten, gehörte und gehört noch immer meiner Frau und mir gemeinsam. Unsere Identität, sowohl individuell wie auch als Paar, war zum großen Teil an dieses Haus gekoppelt, das auf dem Land an einem Hügel liegt, mit dem Haus der Nachbarn eine Wand gemeinsam hat und mit einem kleinen, aber hübschen Garten gesegnet ist. Die Zimmer waren großzügig und angenehm, an Sommernachmittagen konnte man draußen auf der Terrasse im Schatten sitzen und Obst essen oder ein Glas Wein trinken.

Nicht nur das, sondern auch die Beschaffenheit des Hauses, seine Ausstattung und der Preis, den es nach Ansicht der Leute erzielen würde, wenn es je zum Verkauf stünde, besiegelte meine Identität als jemand, der es zu etwas gebracht hatte: ein Mann, der ein Haus erworben hatte, indem er Bücher schrieb und sie erkaufte. Das ist nicht schlecht. Und in dem Haus standen Möbel, die nicht von IKEA stammten, sondern von angesehenen italienischen Qualitätsmöbelfabrikanten. Möbel, die sich gut anfassten und schön anzusehen waren. Es gab auch einen hübschen Kamin, in pinkfarbenem Stein, mit dessen Einbau wir einen Kaminbauer beauftragt hatten.

Alles in allem war es eine feine Sache, dieses komfortable Haus mit zwei Autos in der geräumigen Souterrain- Garage sowie die damit verbundene Identität als erfolgreiches Paar mit drei Kindern mit meiner Frau zu teilen – bis die Kinder groß und aus dem Haus waren und wir uns nicht mehr wohl miteinander fühlten. Da wurde uns die Kluft zwischen der Identität, die dieses Haus nahelegte, die es uns in gewisser Hinsicht sogar aufdrängte und den tatsächlichen Umständen unserer getrennten Lebenswege schmerzhaft bewusst.

Man kauft Sachen zum Teil, weil man sie braucht, vielleicht nicht notwendig, aber doch, weil man am gesellschaftlichen Leben so teilnehmen möchte, wie man es sich wünscht oder wie es von einem erwartet wird. Natürlich gratuliert man sich während des Prozesses dieser Besitzanhäufung dazu, gegen die krassen Botschaften der Werbung in Fernsehen und Internet weitgehend immun zu sein. Man sammelt, allein oder gemeinsam, mit der Zeit in dem Raum, den man gemietet oder gekauft hat, eine Menge Geräte, Einrichtungsgegenstände und sonstige Objekte an. Alle zusammen spiegeln die Person wider oder das Paar, die man zu sein glaubt oder die man werden möchte. Nur um eines Tages zu erkennen, dass all diese Gegenstände, die Apparate und das ganze Zubehör, zu einer Art Gefängnis geworden sind. Sie schränken einen ein. Aber es fällt schwer, sie zurückzulassen. Es fällt schwer, etwas zu verändern. Wegen all der Sachen, die man gekauft hat. Und wenn man sie schließlich doch zurücklässt, dann stellt man mit einem gewissen Erstaunen fest, dass das Auto, das man besessen hat, die Waschmaschine, die man benutzt hat, die Schlafzimmermöbel, die man gekauft hat, und die Fenstergriffe und Küchengeräte tatsächlich alle entweder in der Fernsehwerbung oder in Zeitschriften oder im Internet angepriesen werden oder wurden, obwohl man immer noch nicht glauben will, dass man sie deswegen angeschafft hat. Und vielleicht war es auch nicht so. Schließlich wird im Fernsehen für viele schöne Sachen geworben.

Tatsache ist, man kann nie wissen, ob man sich einen VW oder Citroen gekauft hat, weil dafür geworben wurde oder weil man als souveränes Individuum mit einem unmanipulierbaren Geist ganz persönlich die betreffende Kombination aus Preis, Leistung und Design allen anderen vorgezogen hat.

Fängt man dann in seiner kleinen Wohnung in einer anderen Stadt mit einem anderen Freundeskreis noch mal von vorne an, wird einem plötzlich klar, wie wenig man tatsächlich braucht. Ein paar Kochutensilien. Ein Bett, eine Matratze, Bettwäsche. Einen einfachen Kleiderschrank. Eine Zeit lang kauft man absichtlich nichts Neues, um sich dieses Gefühl der Buße, diese Erfahrung, die eigene Identität von Eigentum und Zugehörigkeit, Besitztümern und Konsumgütern befreit zu haben, zu erhalten. Man genießt es, dass die Wohnung gemietet ist, der Garten mit anderen geteilt wird, die Parkplätze für alle sind, der Müll gemeinsam gesammelt wird. Bis einem klar wird, dass auch das eine Falle sein kann. Man baut seine Identität jetzt darauf auf, als überlegenes Individuum das übliche Konsumverhalten überwunden zu haben. Im Namen eines umgekehrten Snobismus versagt man sich ganz gewöhnliche und vollkommen legitime Annehmlichkeiten. Man riskiert sogar, bei öffentlichen Veranstaltungen in Klamotten zu erscheinen, die abgetragen und zerschlissen wirken, so als wolle man damit jene kritisieren, die gepflegt und gut gekleidet daherkommen, mit Haarschnitten und Frisuren, die den gängigen modischen Gepflogenheiten entsprechen.

Schließlich setzt ganz allmählich die Erkenntnis ein, dass es am besten ist, wenn man das konsumiert und anhäuft, was einem Freude macht, ohne dabei sein Herz zu sehr an seine Einkäufe zu hängen. Oder wenn man bezüglich der persönlichen Erscheinung und des Kleidungsstils die zumutbaren Konzessionen macht, die von der Gesellschaft erwartet werden, ohne gleich sklavisch der Mode zu folgen. Oder wenn man sich seine Welt nach seinem aktuellen Geschmack und seinen aktuellen finanziellen Möglichkeiten gestaltet, ohne davon auszugehen, dass man morgen noch den gleichen Geschmack haben und über die gleichen finanziellen Mittel verfügen wird.
In diesen Momenten des Übergangs, wenn wir erkennen, dass eine Welt einer anderen Platz machen muss, verstehen wir sowohl die Gegenstände als auch uns selbst am besten, und wir erkennen zugleich, wie wichtig es ist, das Verhältnis zwischen beidem gut im Auge zu behalten. Schon jetzt, beim Verlassen des Badezimmers, wird mir klar, dass ich eine gewisse Zuneigung zu meiner malvenfarbenen Waschschüssel entwickelt habe. Sie hat mit dem zu tun, was ich heute bin. Aber höchstwahrscheinlich nicht mit dem, was ich morgen sein werde.

Aus dem Englischen von Ulrike Becker

 

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