Zwischen Anstand und Glamour

Aksu Akçaoğlu, Ausgabe IV/2014, Kauf ich. Ein Heft über Konsum



Die konservative Mittelschicht in der Türkei versöhnt sich mit der westlichen Shoppingkultur

Konsum, ein scheinbar banaler Aspekt des täglichen Lebens, steht schon seit Langem ganz oben auf der politischen Agenda der Türkei. Die konservative Politik, die traditionelle Werte propagiert, kann sich dem Einfluss der westlichen Welt und den "modernen Lebensstilen" nicht mehr entziehen.

Auch wenn die Nachahmer westlicher Lebensstile aus Sicht der Konservativen oftmals zum Scheitern verurteilt waren, kam es in der Zeit zwischen der Ausrufung der Republik 1923 und dem Ende der Einparteienperiode in den 1950ern zu einem radikalen Wechsel: Nun erschien ein konservativer Lebensstil als Symbol der Rückständigkeit und als Kennzeichen des unzivilisierten Bürgers. Das Ringen zwischen Konservativen und westlich Orientierten rückte den Körper als Darstellungsmittel in das Zentrum kultureller Bedeutung. Man begann, bestimmte Waren zu kaufen, um den Körper zu "schmücken". Die banalen Vorlieben für Einkaufsorte sowie Stile und Farben bestimmter Waren sprechen daher in der Türkei die bildhafte Sprache des politischen Standpunktes und der gesellschaftlichen Stellung. Die westlich Orientierten kaufen farbenfrohe Kleidung in modernen Geschäften, während sich die Konservativen auf Basaren schlicht und ganz in Schwarz einkleiden.

Eine der jüngsten Entwicklungen in kultureller Hinsicht ist die Vereinbarung von konservativen Lebensstilen und modernen Konsumgewohnheiten in der Türkei. Das konservative Lager der Mittelklasse, das mehr Bildung und mehr Geld als ihre Eltern hat, kombiniert seine traditionelle religiöse Sicht mit einem sich neu herausbildenden konservativen Geschmack: Die "neuen" Konservativen gehen einer qualifizierten Arbeit nach, leben in Luxushäusern, bieten ihren Kindern die besten Bildungschancen, kaufen teure Markenkleidung und verkehren in ausgewählten Restaurants und Cafés. Diese Kombination führt zu einer Schwächung der kritischen, bisher moralisch korrekten Haltung und zur Erweiterung der Grenzen dessen, was unter Konservativen bisher als "anständig" galt. Der Körper dient zwar weiterhin als Darstellungsmittel der politischen Zugehörigkeit. Für moderne Konservative ist aber religiöser Anstand nicht das einzige Kriterium bei der Wahl ihrer Kleidung; auch die Farbe, Marke und Stil - das heißt die auf "gutem Geschmack" beruhende Selbstdarstellung - sind wichtig. Diese Tendenz spiegelt sich auch im Aufkommen und in der raschen Ausbreitung konservativer Lifestylemagazine für Frauen. Derart rasant vervielfältigen sich konservative Lifestyleunternehmer - vor allem in Form von Marken, Läden, Restaurants, Modemagazinen und Zeitungen - sowie ihre Konsumenten, dass die konservative Lebensweise im Begriff ist, zum führenden Vorbild vieler Menschen zu werden. Die konservative Lebensweise zeichnet sich beispielsweise durch den Besuch von Restaurants mit Alkoholverbot und getrennten Schwimmbädern, die Teilnahme an religiösen Gesprächsrunden und das Einrichten des Hauses im osmanischen Stil aus. Dieser Wandel wird allgemein als Eingliederung der Konservativen in den Kapitalismus bezeichnet. Die Wurzeln dieses aufstrebenden konservativen Konsumenten und das enge Einhergehen mit dem Kapitalismus als Wirtschaftssystem liegen in den politischen Entwicklungen der Türkei. Zum einen positionierte sich die demokratische Partei, als erste konservative Massenpartei der Türkei, Mitte der 1940er-Jahre zugleich als Verteidigerin einer freien Marktwirtschaft gegen die staatlich kontrollierte Wirtschaftspolitik der herrschenden Republikanischen Volkspartei. Zum anderen hat die Liberalisierung von Handel und Kapitalströmen und damit die Integration der türkischen Wirtschaft in die freie Weltwirtschaft ausgerechnet während der Regierungszeit der konservativen Mutterlandspartei in den 1980er-Jahren stattgefunden. Unter der seit 2002 regierenden konservativen AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) schließlich erfolgte eine weitere Anpassung an die freie Marktwirtschaft.

Es gibt kein besseres Beispiel für diese enge Verquickung als die Zahl der Shoppingmalls, die in der Türkei aus dem Boden schießen, seitdem die AKP regiert: Ihre Zahl hat in den letzten zehn Jahren um 500 Prozent zugenommen und liegt landesweit bei 300 Malls. Während türkische Städte von Shoppingmalls überflutet werden, wandelt sich auch das gesellschaftliche Leben. Die Shoppingmall, die verschiedene soziale, wirtschaftliche und kulturelle Einrichtungen und Angebote wie Theater, Kino, Ausstellungen und Restaurants unter einem Dach vereint, wird zu einem untrennbaren und unverzichtbaren Bestandteil des städtischen Lebens. Sie lässt weiterhin die Grenzen zwischen Luxuriösem und Alltäglichem, zwischen Gewöhnlichem und Außergewöhnlichem, Popkultur und Hochkultur verschwinden und weicht die Barriere zwischen Konservatismus und modernem Konsumverhalten weiter auf. Dies gilt insbesondere für die immer größer werdende konservative Mittelklasse, die eifrig darauf bedacht ist, ihren Status vorzuzeigen.

Shoppingmalls gelten auch als quasi-öffentlicher Raum, da die Besucher und ihr Verhalten mithilfe von Überwachungsmaßnahmen geregelt werden. Wie auf Flughäfen muss man beim Betreten Röntgen und Sicherheitskontrollen passieren. Diese Überwachungsmaßnahmen sollen eine reine Shopping-Atmosphäre schaffen, frei von allen externen Reizen.

Des Weiteren hat sich die Mall für viele Frauen zu einem besonderen Raum etabliert, in dem sich vor allem die "Flaneuse" bewegt - eine jüngere Generation Frauen mit einem besonders hohen Bildungsstand und überdurchschnittlich viel Geld. Die konservative Flaneuse kauft nicht nur für sich selbst, sondern im Namen der Familie ein, indem sie auf bestimmte Waren einen besonderen Wert legt, um den Status ihrer Familie zu betonen.

Da Fragen der Selbstdarstellung eine Vereinbarkeit zwischen gesellschaftlichem Stand und politischer Haltung verlangen, stellen sie gleichzeitig eine neue Gefahrenzone für die konservative Mittelschicht dar. Das Wesen der Konservativen konzentriert sich seit jeher auf die traditionellen Tugenden und rühmt traditionelle Lebensarten. Die konservative Mittelklasse steht jedoch gelegentlich vor schwierigen Fragen wie etwa der, ob ihr praktisches Leben - von der Inneneinrichtung bis zur Hochzeitszeremonie - mit ihrem Weltbild noch im Einklang steht. Die Suche nach einer Antwort endet meistens in einer inneren Zerrissenheit. Wie ihre Vorgänger betrachten heutige Konservative moderne Konsumgewohnheiten als eine Bedrohung ihrer eigentlichen kulturellen Identität. Anders als frühere Konservative machen sie jedoch von diesen modernen Konsumgewohnheiten durchaus Gebrauch. Insbesondere die konservative Mittelschicht erlebt in vielerlei Hinsicht eine Krise aufgrund dieser widersprüchlichen Meinungen, die sie dennoch nicht davon abhalten, eine Shoppingmall zu betreten, um dort einzukaufen.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte

 

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