„Wir leben nicht vom Brot allein“

Ausgabe IV/2014, Kauf ich. Ein Heft über Konsum



Die dänische Schriftstellerin Janne Teller und der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier sprechen über Literatur und Politik

Herr Steinmeier, Literatur hat sich immer schon mit Politik beschäftigt, aber dass sich Politik mit Literatur auseinandersetzt, ist nicht so naheliegend. Was hat Politik mit Literatur zu tun?
Frank-Walter Steinmeier: Zunächst: Ich lese nicht, weil ich Politiker bin, sondern ich habe immer gelesen und es nicht aufgegeben, seit ich Politiker geworden bin. Literatur zeichnet das aus, was uns auch im täglichen Leben begegnet: die Tatsache, dass wir uns häufig in einer Realität mit verschiedenen Wahrheiten bewegen. Das kann man vielleicht kaum deutlicher darstellen als am Beispiel der völlig unterschiedlichen Wahrnehmungen des Konflikts in der Ostukraine, der ukrainischen und der russischen Sichtweise. Und wenn man häufiger liest, findet man in der Literatur unterschiedliche Interpretationen derselben Realität. Dieser Aspekt fasziniert mich bis heute.

Außenpolitik heißt ja nicht nur Diplomatie. Das Auswärtige Amt betreibt auch die Goetheinstitute in aller Welt, Literatur und Übersetzung werden gefördert, die europäische Schriftstellerkonferenz haben Sie mitinitiiert. Wäre das alles nicht eigentlich eher Aufgabe der Bildungsministerin?
Steinmeier: Das lasst sich aus unserer Geschichte begründen. In der Zeit, als Willy Brandt Außenminister war, hat er eine weitere Säule der Außenpolitik geschaffen, die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik. Die damalige Begründung dafür, Außen- und Kulturpolitik zu verbinden, gilt bis heute. Diplomatie ist nicht selten „Handwerkszeug“. Sie umfasst verhandeln, Vorschlage machen, sich Taktiken zurechtlegen. Wann ist der richtige Zeitpunkt eines Eingreifens in Konflikte? Manchmal kann das auch bedeuten, Zurückhaltung zu zeigen. Aber all dem geht das Verstehen von Konflikten voraus: das Begreifen dessen, was hinter den Konflikten liegt, was die Parteien bewegt, miteinander zu streiten. Das findet sich häufig nicht in den Drahtberichten von Diplomaten. Man muss weiter zurückgreifen. Ich nehme auf alle meine Reisen ins Ausland eine Kulturdelegation mit, der auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller angehören. Denn was ich mir bei einer Reise in Länder wie China, die uns mitunter doch immer noch relativ fremd erscheinen können, über kulturelle Hintergrunde in kurzer Zeit nicht anlesen kann, das können mir diejenigen, die sich hiermit auskennen, während der langen Flüge erläutern.

Warum braucht es ausgerechnet Literatur, um zu grenzüberschreitendem Gedankenaustausch und Verstehen beizutragen? Kann das nicht auch der Journalismus leisten?
Janne Teller: Die Literatur kann die größeren Fragen stellen und ein Problem von allen Seiten beleuchten. In der Literatur geht es darum, etwas Tieferes zu suchen, um Fragen, auf die man keine einfachen Antworten geben kann. In meinem neuesten Buch „Komm“ zum Beispiel frage ich danach, inwiefern der Mensch über ein inneres ethisches Barometer verfügt. Ein solches Barometer könnte dann eben auch im Widerspruch zu aktuellen moralischen Konventionen liegen. Was passiert, wenn man diesem inneren Barometer nicht zuhört? Oder wenn man darauf hört und dann aus diesem inneren Drang gegen die Konventionen seiner Zeit angehen muss? Diese Frage ist gerade für die Politik von anhaltender Aktualität. Denn natürlich muss man im Politikbetrieb immer realistisch sein. Aber wenn man daneben keine größere Vision hat, dann läuft alles schief.
Steinmeier: Die Distanz zwischen Journalismus und Literatur wächst von Jahr zu Jahr. Das ist nicht den Journalisten vorzuwerfen, sondern liegt an den gewandelten Bedingungen in den Medien. Nur die wenigsten Journalisten haben heute die Möglichkeit, Konfliktsituationen differenziert zu analysieren und sie ihren Redakteuren auch so darzulegen. Diese wollen meist hören, wer ist Opfer, wer ist Täter, wer ist gut, wer ist böse. Das verkauft sich leider besser, bringt die besseren Schlagzeilen. Am Ende fuhrt das auch dazu, dass ich als Außenpolitiker in der Presse nur noch wenig Neues über Konflikte erfahre. Die Literatur hat mit einer anderen Zeitdimension natürlich ganz andere Möglichkeiten, zur Aufklärung über Konfliktsituationen und deren Hintergründen beizutragen.

Frau Teller, gibt es Denkmuster, Anregungen, die die Literatur der Politik geben kann?
Teller: In „Komm“ geht es auch um einen Verleger, der eine Rede über Ethik in der Kunst schreibt. Die innere Reflexion des Verlegers darüber, was er schreiben soll, ermöglicht eine ganz andere Differenzierung und Abwägung, als es ein journalistisches Essay über das gleiche Thema leisten konnte. Dabei geht es letztlich auch darum, was es überhaupt bedeutet, Mensch zu sein. Diese grundsätzlichen Fragen mit all ihren Zweifeln sollten Politiker, bei allem Realismus, immer auch im Hinterkopf haben. Schließlich schreibt der Verleger im Buch: „Wir brauchen die Kunst, um uns eine Perspektive zu geben.“ Das gilt auch für die Literatur in Bezug auf die Politik.

„Wir brauchen die Kunst, um uns eine Perspektive zu geben.“ Was heißt das, bezogen auf aktuelle Politik?
Teller: Kunst ist für mich eine sehr direkte, besonders wahre Form der Kommunikation, von der Seele der Produzenten zur Seele der Rezipienten, bei der man nichts verkauft, keine Macht anstrebt, sondern einfach ausdruckt, wie man selbst gerade den Zustand der Welt sieht. Das macht man zunächst einmal für sich selbst, aber jemand anders, das Publikum, kann das annehmen. Als ich 1993 bis 1994 für die UN-Mission zur Unterstützung des Friedensprozesses in Mosambik gearbeitet habe, war dort Bürgerkrieg. Ich war furchtbar erschüttert über die täglichen Bilder und Berichte des allgegenwärtigen Leidens. Das hat mich so mitgenommen, dass ich außerstande war, ein Buch zu lesen. Aber dann hat mir jemand einen Gedichtband zugesteckt, mit englischer Poesie. Zunächst wollte ich gar nicht darin lesen. Irgendwie kam mir dann die Eingebung, ich musste anfangen, Gedichte auswendig zu lernen. Das erste war „The Walk“ von Thomas Hardy von 1914. Das hatte überhaupt gar nichts mit Bürgerkrieg oder Mosambik zu tun, da ging es um den Tod seiner Frau. Und doch war es, als ich es einmal auswendig konnte, wie Salz und Wasser für meine Seele, als hatte Thomas Hardy etwas von sich selbst, ein bisschen Energie, auf mich übertragen und mich dadurch stärker gemacht. Wenn ich morgens die aktuellen Gräuelmeldungen erfuhr, sagte ich mir selbst ein Gedicht vor und das Unerträgliche wurde damit ein wenig erträglicher. Da ist mir klar geworden, dass Kunst ein Mittel ist, um etwas universell Menschliches miteinander zu kommunizieren.

Herr Steinmeier, geben Ihnen solche Überlegungen in der Literatur Anregungen oder Gedanken, die Sie in entsprechende Handlungsweisen für die Politik umsetzen können?
Steinmeier: Manchmal scheint in meiner politischen Arbeit die Literatur sehr weit weg zu sein. Lassen Sie mich ein Beispiel geben. Vor einigen Wochen habe ich mehrere Flüchtlingslager im Libanon besucht. Im Augenblick befinden sich dort 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge, bei einer Gesamtbevölkerung von 4,5 Millionen. Für diese Menschen, die sich mit dem Nötigsten am Leibe aus dem syrischen Bürgerkrieg in libanesische Flüchtlingslager retten konnten, sind Wasser und Brot, Lebensmittel im Allgemeinen die entscheidenden Dinge zum Überleben. Der Dramatiker Albert Ostermeier, mit dem ich im Libanon unterwegs war, hat sofort gesagt, hier müssen wir etwas unternehmen. In diesen Flüchtlingslagern entsteht eine enorme Aggressivität, weil die Menschen dort nichts zu tun haben, außer auf ihre tägliche Essensration zu warten. Hier muss so etwas wie Sinn geschaffen werden, Zuversicht darauf, dass es ein Leben jenseits des Aufenthalts im Lager gibt, die Phantasie geweckt werden. Insofern leben wir auch in den ganz extremen, ärmlichsten Lebenssituationen nicht vom Brot allein.

Wenn wir an die aktuellen Konflikte zurzeit denken: Wie viel Verantwortung müssen wir Deutschen leisten, wo sind die Grenzen
Steinmeier: Die Frage nach unserer Verantwortung, dazu gehört auch die Frage nach ihren Grenzen, nehme ich sehr ernst. Wir sollten in einer möglichst breit und ehrlich geführten Debatte eine Antwort darauf finden. Ich habe, als ich ins Auswärtige Amt gekommen bin, einen Selbstüberprüfungsprozess für deutsche Außenpolitik begonnen, den sogenannten Review-Prozess „Außenpolitik weiter denken“. Hierzu hat die Körber-Stiftung eine Umfrage gestartet zu der Frage, wie die Deutschen über Außenpolitik denken. Dabei kam heraus: 37 Prozent der Deutschen halten es unter Umstanden für richtig, dass wir mehr Verantwortung übernehmen. Sechzig Prozent sind strikt dagegen. Das zeigt den Widerspruch, in dem wir uns als Politiker befinden. Außerhalb Deutschlands schauen alle auf uns und erwarten, dass wir uns starker engagieren, hierzulande aber sagt die Mehrheit: „Haltet uns bloß da raus!“ Dieser Widerspruch ist nicht leicht aufzulösen, aber wir müssen uns mit ihm beschäftigen und dürfen uns nicht zurückziehen und so tun, als hatten wir mit allem, was um uns herum passiert auf der Welt, nichts zu tun. 

Frau Teller, kennen Sie diese Widersprüche auch aus Ihrer Literatur?
Teller: Man glaubt immer, es gibt eine beste Losung, man muss sie nur finden. Aber unglücklicherweise ist es etwas komplizierter, auch beim Verfassen von Literatur. Man sucht natürlich den besten Weg, aber erst im Nachhinein weiß man, ob man das Richtige getan hat. Ich glaube, in der Politik weiß man das noch viel weniger. Beim Irak zum Beispiel hat man das Gefühl, dass es dort seit 2003 immer schlimmer wird und die verantwortlichen Politiker alles falsch gemacht haben, aber einige von ihnen zumindest haben es vielleicht aus einem hehren Antrieb getan. Da hat man es als Schriftsteller viel leichter, da kann man sich Prinzipien suchen für das Ideale, eine Art Perfektion – die Welt hingegen ist nicht ideal. Die Welt braucht Deutschland. Es ist ein großes Land, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch weil es Gewicht und eine Stimme in Europa hat. In meinem Buch „Komm“ sagt die Protagonistin: „Das eine Leid rechtfertigt nicht das andere. In der Handlung des Einzelnen liegt der Keim zur Handlung vieler. Was andere einem antun, kann man überleben. Nicht, was man selbst anderen antut.“ Übertragen auf die Politik heißt das: In manchen Situationen muss man direkt handeln, aber bei anderer Gelegenheit kann man auch durch den eigenen Weg die Fußspuren vorzeichnen, von denen man sich wünscht, dass der Rest der Welt ihnen folgt. Man kann ein Rollenvorbild sein, anstatt direkt eingreifen zu müssen.

Herr Steinmeier, wie wird man den Erwartungen an Deutschland gerecht, wie kann man vermeiden, etwa bei der aktuellen Frage der Waffenlieferungen an die Kurden im Irak, Fehler zu machen?
Steinmeier: Die Gefahren liegen auf der Hand. Wir müssen versuchen, Risiken so klein wie möglich zu halten. Unsere Unterstützung der kurdischen Streitkräfte ist kein Paradigmenwechsel der deutschen Außenpolitik. Ich war vor einigen Wochen in Bagdad und in Erbil und habe mit Flüchtlingsfamilien gesprochen. Hier können wir nicht bloß zuschauen und klug kommentieren. Wir stehen im Irak vor der Rückkehr der Barbarei in die Welt. Es ist nicht nur so, dass ISIS die überfallenen Dörfer abbrennen lasst. Die männlichen Dorfbewohner werden zum Teil geköpft und die Kopfe werden aufgespießt als Drohgebärde gegenüber denjenigen, die nicht gefügig sind. Frauen und Mädchen werden gefangengenommen und auf neu eingerichteten Sklavenmärkten verkauft. Wenn die kurdischen Kampfer die Einzigen sind, die noch die Markierungslinie der Zivilisation gegen diese Terrorgruppe verteidigen, dann muss man auch bereit sein, die eigenen inneren Widerstände und Traditionen der jüngeren Vergangenheit infrage zu stellen. In außergewöhnlichen Situationen müssen wir auch außergewöhnlich handeln. Dieses Handeln ist natürlich nicht ohne Risiko. Ich kann nicht ausschließen, dass die Waffen, die wir in den Irak schicken, missbraucht werden, dass einzelne Waffen vom ISIS erbeutet werden. Nur müssen wir uns selbst fragen, ob das Grund genug ist, uns völlig rauszuhalten. Ich meine, nicht. Ob wir recht haben oder ob es ein Fehler ist, werden wir nicht morgen und nicht zur nächsten Bundestagswahl wissen. Das wird die Geschichte entscheiden.

Moderation: Astrid Frohloff

Das Gespräch zwischen Janne Teller und Frank-Walter Steinmeier fand im Rahmen einer Veranstaltung des Literaturfestivals lit:Potsdam statt.

 

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