Die Welt der Politik, die Welt der Kunst, die Welt der Religion

Friedrich Wilhelm Graf, Ausgabe IV/2014, Kauf ich. Ein Heft über Konsum



Der Philosoph Bruno Latour will in seinem neuen Buch "Existenzweisen" Natur, Kultur und Technik versöhnen

In Luthers Übersetzung des Schöpfungsauftrags heißt es: „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan, und herrschet über die Fische im Meer und die Vögel des Himmels, über das Vieh und alle Tiere, die auf der Erde sich regen.“ Diese Worte muss man sich vergegenwärtigen, um Bruno Latours neuestes, 2012 in Frankreich erschienenes und nun gut übersetztes Buch „Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen“ verstehen zu können. Wie auch in vorherigen Werken geht es Latour darum, die Grenzen menschlicher Reflexionskraft und Tätigkeiten aufzuzeigen, besonders bei der Aneignung der Natur. Denn diese bringt auch Zerstörung mit sich.

In der französischen Presse wurde „Existenzweisen“ als zweites Hauptwerk Latours gefeiert, Le Monde rief ihn zum Hegel unserer Gegenwart aus. Latour fasst noch einmal zusammen, was er schon in seinem ersten großen anthropologischen Text „Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie“ und in diversen Essays zu „einer politischen Ökologie“ entwickelt hatte: Eine saubere Trennung zwischen Natur und Kultur ist nicht möglich. Es bedarf der Bindeglieder, die zwischen den Sphären, die Einfluss auf Natur und Kultur nehmen, vermitteln.

Der Vergleich mit Hegel bietet sich insoweit an, als Latour dem Eigenrecht religiöser Rede Aufmerksamkeit schenkt. Nicht zuletzt, weil Latour neben der Anthropologie und Philosophie auch studierter Bibelwissenschaftler ist. Dennoch hinkt dieser Vergleich. Hegels Philosophie will als vernunftgeleitete Wissenschaft Widersprüche dialektisch zusammenführen und deren vernünftiges Moment kenntlich machen. Davon hat sich Latour früh verabschiedet. Anders als Hegel besteht Latour in seiner „experimentalen Metaphysik“ auf den unüberwindbaren Grenzen der Vernunft. Auch wenn für ihn, durchaus hegelianisch, Austausch, Kommunikation und Verständigungssuche die bürgerliche Gesellschaft bestimmen, deutet er Gesellschaft auch als Kampf um Anerkennung und Durchsetzung gegensätzlicher Interessen und bleibt doch versöhnlich gestimmt.

Um die Grenzen der Vernunft zu illustrieren, bedient Latour sich oft mythischer Vorstellungen. In „Existenzweisen“ ist es vor allem die einem griechischen Mythos entstammende Gaia – die Erde selbst oder die Natur –, die dem endlichen Vernunftwesen Mensch als machtvoller Akteur entgegentritt.

Unser Umgang mit der Natur schlägt dabei vielfältig auf uns zurück. An anderer Stelle beschreibt Latour dies anhand eines Deosprays: Beim Sprühen werden Treibhausgase frei, die in ihrer Summe auf die Vergrößerung des Ozonlochs wirken können. Das zwingt uns, nachdenklicher zu werden. Wir können nicht verneinen, dass wir als Menschen die Natur beeinflussen. Und dass dieses Natürliche uns wiederum in unserem täglichen kulturellen Handeln beeinflusst. Medien und Politiker werden uns sagen, dass das Ozonloch kleiner werden muss, dass wir einen natürlichen Schutz gegen UV-Strahlung aufs Spiel setzen. Wir stellen unser Handeln infrage, ändern vielleicht unsere Haltung und verzichten in Zukunft auf das Spray. Selten allerdings gibt Latour in „Existenzweisen“ ähnlich griffige Beispiele.

Ihn zu lesen ist nicht leicht. Die vielen Assoziationen fügen sich nur schwer zu einem argumentativ nachvollziehbaren Gedankengang. Gern sagt er aber, was weithin bekannt ist: Wir leben in einer globalisierten Welt, die mit dramatischen Problemen konfrontiert ist, für deren Lösung Akteure mit unterschiedlichen „Existenzweisen“ Zuständigkeit reklamieren oder zugewiesen bekommen. Von Politikern etwa erwarten wir, dass sie in Machtkämpfen und bei der Durchsetzung partikularer Interessen für eine relative Stabilität sorgen. Politiker leben deshalb in einer anderen Handlungssphäre und Existenzweise als Menschen, die sich in der relativ autonomen Handlungssphäre der Kunst oder den Vorstellungs- und Lebenswelten der Religion bewegen.

In seinen Beschreibungen der oft einander ausschließenden Handlungssphären und ihrer Existenzweisen folgt Latour weithin jenen Analysen, die einst Max Weber – den Latour aber nicht eigens nennt – beschrieben hatte: Unsere Kultur ist geprägt durch die Gesetzlichkeiten eigenständiger Kultursphären, die sich angesichts der Spannungen zwischen ihnen nicht mehr in einem höheren, harmonischen Ganzen auflösen lassen. In der kapitalistischen Ökonomie, geprägt durch Tauschlogik und Konkurrenz auf den Märkten, herrscht ein anderer Geist als beispielsweise in der Sphäre des Erotischen.

Man kann diese Dauerspannung verschiedenartiger Wertsphären in unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Theorien beschreiben. Latour versucht das in seinem Langzeitprojekt der Akteur-Netzwerk-Theorie, die die gegenseitigen Abhängigkeiten und Vermischungen zwischen den Kultursphären betrachtet. Hier erkennt er – das ist das entscheidend Neue gegenüber Weber – neben den Menschen auch der Natur und der Technik starke Handlungsmacht zu. Das, was wir Gesellschaft nennen, und das, was wir Natur nennen, und auch das, was wir als Technik zur Beherrschung von Natur entwickelt haben – all das schreibt sich wie in einem Netzwerk von Akteuren wechselseitig bestimmte Eigenschaften und Handlungspotenziale zu.

Die relative Eigenständigkeit der unterschiedlichen „Existenzweisen“ mit ihren eigenen Wertvorstellungen schließt nicht aus, dass sie als Netzwerke miteinander in Austausch treten und sich vermischen. Ziel der Akteur-Netzwerk-Theorie ist es, den Spuren dieser Vermischungen nachzugehen und sie sichtbar zu machen.

Ist in einer globalisierten Welt alles immer auch miteinander verflochten, muss also über die Modi dieser Verflechtung nachgedacht werden. Denn die Zeit drängt, wie Latour gern in kulturmissionarischer Tonlage erklärt, und unsere Zivilisation ist vom baldigen Untergang bedroht, wenn es nicht gelingt, die destruktiven Potentiale bisherigen Handelns zu bändigen. Doch woher kommt die Rettung?

An der nahenden Klimakatastrophe will Latour einen möglichen Ausweg aus dem zerstörerischen Chaos zeigen. Das alles entscheidende Stichwort lautet Diplomatie. Kein einzelner Akteur kann die Komplexität aller Probleme erfassen und allein die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen allem und jedem auf einen Begriff bringen oder gar regeln. Dennoch können wir diplomatisch gegensteuern.

Obgleich Klimaforscher in einer ganz anderen „Existenzweise“ leben als Politiker, können sie ihre Erkenntnisse diesen doch mitteilen. Dabei stoßen sie allerdings auch auf Leute, die aus politischen Gründen die „Objektivität“ des wissenschaftlich Erkannten bestreiten und die Fehlbarkeit aller Forschung betonen. Der Wissenschaftler kann dann nur um „Vertrauen“ in das Wissenschaftssystem bitten. Und darum geht es Latour: „Institutionen zu installieren, oder besser, zu instaurieren“, die neue Verlässlichkeit generieren.

Er hält fest: „Zwischen Modernisieren und Ökologisieren müssen wir uns entscheiden.“ Damit im Anthropozän, dem aktuellen Zeitalter, in dem der Mensch den größten Einfluss auf die Erde hat, die richtige Entscheidung für Artenschutz und nachhaltige Entwicklung getroffen wird, beschwört er Gaia: ein großes Mischwesen aus Wissenschaft und Mythologie, den „wahrhaft globalen Globus, der uns bedroht, während wir gleichzeitig ihn bedrohen“. Gaia ist im Prinzip eine allumfassende Variante von Latours Hybriden, jenen Mischwesen aus Technik, Natur und Kultur, die ihren Platz in der Gesellschaft eingenommen haben und auf sie einwirken. Erst muss Gaia den Unterschied zwischen Natur und Kultur nichtig machen. Dann müssen Alternativen formuliert werden, etwa durch die Neubelebung von Werten, die der moderne Mensch vernunftgemäß und kritisch relativiert oder zerstört hatte.

Dies klingt, wie Latour einräumt, sehr konservativ, und er weiß, dass er mit der von ihm angebotenen „Alternative zum Modernismus“ auch in einer bioromantischen, antimodernistischen Tradition der Beschwörung des großen Ganzen steht. So will er mit den Mitteln der Ethnografie „die eigene Opazität der Moderne“, also deren Undurchdringlichkeit trotz aller Aufklärung, erkunden, damit wir im so gewonnenen Wissen darum, „was ‚wir‘, die Modernen, wirklich gewesen sind, (...) dieses ‚Wir‘ von Grund auf neu aushandeln – und demnach auch das, was wir mit den ‚anderen‘ werden könnten angesichts des neuen Horizonts von Gaia“. Genau darauf zielen die von ihm eingeklagten „diplomatischen Vertretungen“: Sie sind Institutionen, „um die neuen eigenen Grenzen und die der anderen auszuhandeln“. Latour besteht dabei auf einer Pluralität menschlicher Erfahrungen, der nur eine Vielfalt regionaler Ontologien, beschreibbaren, wesenhaften Verbindungen, gerecht werden könne. Auch hier scheint die Akteur-Netzwerk-Theorie durch: Die Verbindungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren müssen auf Spuren untersucht werden, die sie hinterlassen. Trotz der Globalisierung lassen sich diese Spuren in ihrer Wesenhaftigkeit (als Aufzeichnungen, Daten, Dokumente) vor Ort, eben lokal oder regional, nachzeichnen. So lassen sich auch Werte und ihre Anbindung an Institutionen nachvollziehen.

Wie so oft bei konservativen Kritikern der Moderne muss vor allem die Religion helfen. Wer einen Sinn fürs Religiöse habe, könne, so Latour, in der Geschichte der Kirche des Rätsels Lösung finden. Keine andere Institution in der Menschheitsgeschichte sei „immer wieder von der Frage heimgesucht worden, wie sie sich treu bleiben und sich gleichzeitig von Grund auf verändern“ könne. So biete die „Kirchengeschichte ein nahezu vollkommenes Modell der Komplexität der Beziehungen, welche der Wert zu der ihn aufnehmenden Institution unterhält“.

Latour will aus der Kirchengeschichte für die Rettung der Menschheit in der Begegnung mit Gaia lernen. Das ist große sozialwissenschaftliche Mythologie in faszinierenden Sprachbildern, jedoch ohne relevante Konkretion. Noch als weltberühmter Sozialwissenschaftler erzählt Latour Geschichten vom Menschen, der in all seinen Existenzweisen, gerade als „Moderner“, nur ein Sünder sei, aber, Gott sei Dank, ein zur Rettung berufener. Wer einen Sinn fürs Religiöse hat, mag dies glauben. Andere werden Latours Beschwörung einer Metaphysik, die durch fundamentalen „Umbau der Ökonomie“ die „Rückkehr der Erde“ bewirke, für eine naive Sozialutopie halten. Aber Mythen waren schon immer interpretationsoffen und vieldeutig, gerade auch die der Sozialwissenschaften.

Existenzweisen.
Eine Anthropologie der Modernen. Von Bruno Latour. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2014.

 

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