Maisfladen für Aristoteles

Volker Kaminski, Ausgabe IV/2014, Kauf ich. Ein Heft über Konsum



Endlich mal ein mexikanischer Roman ohne Drogenkrieg: Juan Pablo Villalobos erzählt in seinem neuen Buch "Quesadillas" vom Leben einer einfachen Familie

Wir erfahren normalerweise wenig über das Leben einfacher Menschen in Mexiko. Vielleicht denken wir an Tequila, schwarze Bohnen, riesige Kakteen und stellen uns weidende Rinder und Cowboys mit Sombreros vor. Villalobos bietet uns in seinem neuen Roman eine ebenso komische wie drastische Darstellung des täglichen Überlebenskampfs, indem er das Leben einer armen Familie in einem mexikanischen Dorf beschreibt.

Orest, der 14-jährige Ich-Erzähler, lebt mit seinen Eltern und sechs Geschwistern in beengten Verhältnissen in einem maroden Haus auf einem sandigen Hügel. Ein fester Bestandteil des Familienlebens ist der tägliche Streit um die gefüllten Maisfladen („Quesadillas“) am Esstisch, deren Menge und Größe variieren. Sie hängen vom jeweiligen Stand der Inflation im Land ab und von der politischen Lage. Die ist oft instabil und von spontanen Aufständen geprägt, was die Eltern zu Panikeinkäufen zwingt.

Der Mutter gelingt es kaum, die stets hungrige Familie mit frisch gebackenen Quesadillas zu sättigen, während der Vater, ein Lehrer – und „Meister der Beschimpfung“, wie ihn der Erzähler nennt –, sich der eigenen Verantwortung für das Elend zu entziehen versucht, indem er sich in den Abendnachrichten Politiker vorknöpft und sie aufs Unflätigste beschimpft.

Villalobos lässt uns gleich auf den ersten Seiten seines Romans das lautstarke Hin und Her der mexikanischen Großfamilie am Rande des Existenzminimums spüren. Er schreibt treffende Dialoge und benutzt gerne akademische Begriffe wie die „sozioökonomische Selbstnivellierung“, um den tristen Alltag zu beschreiben, was der an sich ernsten Geschichte eine satirische Grundierung gibt.

Anfangs irritieren beim Lesen die abwegig klingenden Namen der Geschwister: Orest, Aristoteles, Archilochos, Kallimachos, Elektra. Doch im Lauf der Geschichte erfahren wir, dass der häufig fluchende Vater offenbar auf Bildung großen Wert legt. Deshalb gab er seinen Kindern Namen aus dem klassischen Griechenland.

Dem jungen Erzähler blickt immer mal wieder der ältere Orest aus der Jetztzeit über die Schulter. Dadurch entsteht eine große zeitliche Distanz, die sämtliche Katastrophen und Schicksalsschläge, die die Familie treffen, im Nachhinein abmildert und entschärft.

Die prekären Verhältnisse und das Stigma der Armut prägen Orest von klein auf, doch er durchschaut die ausweglose Situation der Familie schärfer als seine Eltern, die den dauernden Mangel vor sich und den Kindern verleugnen und behaupten, sie seien „Mittelschicht“. Orest weiß nicht nur, dass dies eine geschönte Bezeichnung ist, er spricht die bittere Wahrheit aus. Das Elternhaus nennt er „eine Art Schuhkarton mit Asbestdeckel“; er bringt die Situation schonungslos auf den Punkt: „Es war, als gefiele es unserem Haus,  halbnackt oder bestenfalls spärlich bekleidet in der Gegend herumzustehen.“

Orest besitzt viel Witz und eine blühende Phantasie, mit der er oft genug seinen älteren Bruder Aristoteles und andere Widersacher verblüfft. Ihm wird alles und jedes zum Gegenstand seiner reflektierenden Betrachtung – auch die Lockenfrisur des Polizeichefs: „Ich starrte auf sein Haar, wo gerade ein besonders streitsüchtiges Lockendickicht die übrigen Haare bedrängte, die sich artig vor dem gnadenlosen Ansturm der welligen Büschel zurückzogen.“ Dennoch ist er kein braver Streber, vielmehr steht er seiner Umwelt an Gerissenheit und Boshaftigkeit in nichts nach. In Orests Welt gilt es nun einmal vor allem, die eigene Haut zu retten und die anderen zu übertrumpfen. Er scheut nicht davor zurück, seinen 16-jährigen Bruder Aristoteles, der ihm zwar geistig unterlegen ist, ihn aber pausenlos unterdrückt und als „Schwachkopf“ bezeichnet, bei der Polizei anzuzeigen und ihm damit zur Jugendhaft zu verhelfen.

Dem Elend kann diese Familie bis zum Schluss nicht entkommen, auch wenn der Roman gegen Ende in eine Form von Utopie übergeht. Doch verliert sich der Ich-Erzähler deshalb nie in Larmoyanz oder moralischer Anklage. Villalobos erzählt geschickt von den brutalen Auswirkungen mexikanischer Politik in den letzten dreißig Jahren, die in seinen Augen eine einzige Abfolge von Korruption, Misswirtschaft und staatlichen Repressionen darstellt. So fällt auch die Familie auf ihrem Hügel behördlichen Maßnahmen zum Opfer, verliert ihr Haus ohne jede Entschädigung und muss in den Garten des Großvaters ziehen. Dennoch wird die von Verzweiflung und Not geprägte soziale Wirklichkeit immer wieder durch den Humor und die jugendlichen Phantasien ­Orests gebrochen, der alle Gefahren und negativen Erlebnisse – auch er landet zwischendurch in Polizeigewahrsam – unbeschadet übersteht.

Der bewusst gestelzte sprachliche Duktus, mit dem sich Orest als kritischer Beobachter immer wieder von seiner Umgebung distanziert, trägt nicht wenig zur Komik des Romans bei – vor allem da die manierierten Ausdrücke im starken Kontrast zur ansonsten lakonischen Sprech- und Denkweise des Vierzehnjährigen stehen.

Wer den Bestsellerroman „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf mochte, wird diesen Roman ebenfalls lieben. Absolut unterhaltsam, voller Sprachwitz und von einfühlsamer Komik, die die Menschen in ihrer Not und Ohnmacht niemals bloßstellt.

Quesadillas. Von Juan Pablo Villalobos. Aus dem Spanischen von Carsten Regling. Berenberg Verlag, Berlin, 2014.

 

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