All die Weisheit der Welt

Tanja Dückers, Ausgabe IV/2014, Kauf ich. Ein Heft über Konsum



Der große Querdenker Peter Burke hat eine Kulturgeschichte des Wissens geschrieben

Bildung und Wissen werden als Schlüsselqualifikationen für den beruflichen Aufstieg gesehen. Nicht nur in der westlichen Welt. Stets ist von einer Vervielfachung unseres Wissens, einem Wissensboom die Rede. Doch bisher hat sich kaum ein Wissenschaftler die Mühe gemacht, eine Geschichte des Wissens, der Entwicklung von Wissen – nicht lediglich von technischen Errungenschaften – zu schreiben. Diese Lücke kann nun mit Peter Burkes’ großartigem Werk „Die Explosion des Wissens – Von der Encyclopédie bis Wikipedia“ geschlossen werden. Burke, Jahrgang 1937, heute emeritiert, hat in Oxford und Cambridge gelehrt und gehört zu den renommiertesten britischen Wissenschaftlern. Sein neues Buch kann für sich gelesen werden oder als Fortsetzung von „Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft“ (2001). „Die Explosion des Wissens“ widmet sich den Veränderungen, die sich in der Welt der Gelehrsamkeit von der „Encyclopédie“ (1751-1766)  bis  hin zu digitalen Wissenspeichern wie Wikipedia (2001) vollzogen haben.

Das Buch besticht nicht nur durch das enorme Wissen, das hier ausgebreitet wird und sich wie eine Universalgeschichte der vergangenen dreihundert Jahre liest, sondern auch durch den Mut Burkes zur eigenen Meinung. Hier hat nicht nur ein Archivar und Wissenschaftler, sondern ein führender Intellektueller nachgedacht. Er beschäftigt sich mit Paradoxien wie der Tatsache, dass heute – zumindest in der westlichen Hemisphäre – eine unermessliche Fülle an Wissen zur Verfügung steht, sich jedoch gleichzeitig viele Menschen ständig unterinformiert und orientierungslos fühlen.

Hochinteressant sind nicht nur seine Ausführungen über Akkumulierung und Verbreitung von Wissen, sondern auch über Verlust, Verdrängung oder Löschung von Bekanntem: Es ist Burke hoch anzurechnen, dass er bei der Analyse des Wissenserwerbs auch die „Gefahr des Triumphalismus, einer Überhöhung der heroischen Leistungen von Forschungsreisenden, Botanikern, Achäologen, Astronomen, Dechiffrierern, Experimentierern, Popularisierern“ sieht. Nach Burke ist ein „Gegengift“ zu dieser Art „Groß­erzählung“ notwendig, damit „Platz entsteht für die Niederlagen wie für die Siege“. Also wendet er sich der Agnotologie, der Untersuchung des Unwissens, zu.

So geht Burke auf die intellektuelle Reprovinzialisierung Deutschlands und Österreichs nach dem Exodus der Immigranten in den 1930er-Jahren ein und verweist darauf, dass dieser bislang eher unter dem Aspekt des Nutzens für die Empfängerländer untersucht wurde. Burke beschäftigt sich auch mit der gezielten Unterdrückung von Wissen. Die Gründe hierfür können höchst unterschiedlicher Natur sein und von ökonomischen Erwägungen bis hin zu Angst vor Spionage reichen. So hat die Tabakindustrie seit den 1950erJahren „alles nur Erdenkliche unternommen, um die Verbindung zwischen Rauchen und Lungenkrebs in Zweifel zu ziehen“. Die Sowjetunion hat noch zu Zeiten Gorbatschows „topographische Geheimhaltung“ betrieben und ganze Städte – zum Beispiel Zentren der Nuklearforschung –, auf Landkarten als Wälder und Seen dargestellt.

Das Verbergen von Informationen hat in den letzten Jahrzehnten rasant zugenommen – parallel zur Explosion und jede Privatsphäre missachtenden Exposition des Wissens. Spy- und Anti-Spyware stehen sich gegenüber, Hacker fühlen sich von Firewalls herausgefordert. Der Begriff „Whistleblower“ konnte nur aufkommen, weil große Mengen an Informationen sehr vielen Menschen vorenthalten wurden. Vorurteilsfrei beschäftigt sich Burke auch mit dem Wissensverlust und der partiellen Repopularisierung von Wissen aus der Astrologie und Parapsychologie.

Das Buch kommt als weltumspannende „Geschichte des Wissens“ daher, konzentriert sich aber auf die westliche Welt, sogar nur auf „die großen Fünf: Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Russland und die USA“. Lateinamerika, Asien und Indien, Spanien, Italien und die Niederlande mitzudenken wäre ein zu gewaltiges Vorhaben gewesen. Doch sollten Titel und Verlag den Leser diese Einschränkung vorher wissen lassen, wenn man schon über die Verbergung von Information schreibt.

Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen. Von Bruno Latour. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2014.

 

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