Cost-of-Living-Crisis | Großbritannien

Wenn Essen unbezahlbar wird

In Großbritannien können sich immer mehr Menschen notwendige Ausgaben nicht mehr leisten. NGOs wie die Peckham Soup Kitchen helfen. Doch auch sie stoßen zunehmend an ihre Grenzen

In der Gemeinschaftsküche im Mercato Metropolitano bereitet die Peckham Soup Kitchen jeden Mittwoch und Freitag ein warmes Gericht vor

Das Erste, was Junior „Jud“ Mohammed macht, wenn er mittwochs aufwacht, ist, auf seinem Handy nachzuschauen, was Kentucky Fried Chicken im Angebot hat. Die Menge an frittiertem Hähnchen, die das Fast-Food-Restaurant abzugeben hat, variiert von Woche zu Woche. Reichen muss es für eine immer größer werdende Gruppe von Menschen. Mohammed ist einer der Gründer der Peckham Soup Kitchen, einer gemeinnützigen Organisation, die bedürftige Menschen in Peckham, einem Viertel im Südosten Londons, seit 2022 mit Essen unterstützt und Events für Jugendliche anbietet.

Es ist ein regnerischer Morgen, und wie jede Woche holt Mohammed das übrig gebliebene Fleisch von KFC ab, das ansonsten weggeworfen würde. Dann fährt er weiter zum Mercato Metropolitano, einer „Food Hall“ in der Nähe von Ele- phant & Castle, etwa zwanzig Minuten von Peckham entfernt. Dort treffen sich heute sechs Freiwillige in der Stän- den versteckten Gemeinschaftsküche, um Essen vorzubereiten und zu verpacken, das sie später nach Peckham bringen. Sie treffen sich jeden Mittwoch und Freitag ohne Ausnahme – sogar an Weihnachten. Nur in einer Woche hätten sie es nicht geschafft, erklärt Dean Foster, „wegen Palaver mit der Lieferung“. Foster ist der andere Gründer der Peckham Soup Kitchen.

Was bringt zwei Männer in ihren Vierzigern und mit Fami- lie dazu, fast ohne Ressourcen eine Organisation wie die Peckham Soup Kitchen zu gründen? „Fos und ich kommen aus der Gemeinde. Und deshalb engagieren wir uns für sie. Das ist es, was uns am Herzen liegt“, erklärt Mohammed in einem starken Südlondoner Akzent. Er und Foster kennen sich seit ihrer Kindheit und sind gemeinsam in Peckham zur Schule gegangen. Beide haben als Sozialarbeiter gearbeitet. 2022 sahen sie, dass es vielen Menschen immer schlechter ging, dass sie sich immer weniger leisten konnten, und entschieden sich zu helfen. 

„Auch Leute mit guten Jobs haben Probleme, weil die Miete und der Strom zu teuer sind“

In Großbritannien ist die Zahl der in Armut lebenden Menschen in den letzten Jahren stark gestiegen. Laut einer Erhebung der Joseph Rowntree Foundation aus dem Jahr 2025 können sich dort 14,5 Millionen Menschen lebensnotwendige Dinge wie Lebensmittel, Kleidung, Unterkunft, Heizung und soziale Teilhabe nicht mehr leisten. Das sind 21 Prozent der britischen Bevölkerung. Schuld daran ist vor allem die sogenannte „cost-of-living crisis“ („Lebenshaltungskostenkri- se“), ausgelöst durch die Inflation, die Coronakrise und den Brexit. Es ist das größte Problem, das Peckham gerade hat, da sind sich Mohammed und Foster einig. Und: Fast alle, die sie kennen, sind in irgendeiner Form davon betroffen.

„Die Krise ist wirklich verrückt. Es sind nicht nur arme Leute, die zu kämpfen haben. Auch Menschen mit guten Jobs haben Probleme, weil die Miete zu hoch und der Strom und das Benzin zu teuer sind“, erklärt Mohammed. „Wie soll man da noch essen? Auch ich weiß manchmal nicht, wie ich etwas bezahlen soll.“

Dieser Notstand muss zunehmend durch „Food Banks“ (Lebensmittelbanken) gefüllt werden, wohltätige NGOs wie die Peckham Soup Kitchen. 2008 waren etwa 26.000 Menschen im Vereinigten Königreich von Food Banks abhängig. Mittlerweile sind es 3,1 Millionen.

Auch die Peckham Soup Kitchen versorgt seit ihrer Gründung zunehmend mehr Menschen. „Seit ich angefangen habe, hat sich die Zahl der Menschen, die wir versorgen, fast verdoppelt“, sagt Chloe Wade. Sie ist seit 2023 eine der Freiwilligen, die Mohammed und Foster jede Woche helfen.

Es ist noch früh am Morgen, und im Mercato Metropolitano sind fast keine Kunden. Die Händler der anderen Stände scheinen sich zu langweilen, während es in der Community Kitchen bereits stressig wird. Um 15 Uhr müssen alle Essenspakete fertig sein. In Peckham warten die Menschen auf die Lieferung. Mohammed koordiniert und gibt den anderen Freiwilligen Anweisungen; Foster ist damit beschäftigt, eine zweite Lebensmittellieferung zu organisieren; Wade und zwei weitere Freiwillige kümmern sich um die warme Mahlzeit: Heute gibt es ein Kartoffelcurry mit Chicken-Wings von KFC. Das Essen verpacken sie in durchsichtige Brotdosen: 100 Milliliter Curry pro Brotdose und ein Chicken Wing. „Wir versuchen immer sicherzustellen, dass wir genug Essen für alle haben. Und natürlich, dass die Mahlzeiten möglichst ausgewogen sind.“

Genau wie alle Menschen, mit denen Mohammed und Foster arbeiten und ebenso wie sie selbst, macht Wade diese Arbeit ehrenamtlich. Und das, obwohl sie eine Bezahlung gut gebrauchen könnte. Wade ist schon länger arbeitslos, davor arbeitete sie als Köchin. Jetzt nutzt sie ihre Fähigkeiten vor allem dafür, jede Woche zweimal für die Peckham Soup Kitchen zu kochen.

Hilfe von der Regierung bekommen Foster und Mohammed für ihre Arbeit keine. Sie sind vollständig auf Spenden angewiesen. Irgendwie haben sie es damit bis hierher geschafft. Anfangs hatten sie nichts außer einem Auto. Dank einer Spende des britischen Rappers Giggs konnten sie sich schließlich einen weißen Van kaufen. „Wir sind mit Giggs zur Schule gegangen“, erklärt Foster so, als sei das alles selbstverständlich. Bis Januar 2025 nutzte die Peckham Soup Kitchen kostenlos einen Raum in einem nahegelegenen Shopping Center. Seit sie keine Unterkunft mehr haben, erledigen sie alle anfallenden Arbeiten mir ihrem Van. „Dass wir gerade kein Zuhause haben, ist definitiv unser größtes Problem“, erklärt Wade. „Wir versuchen gerade, einen neuen Ort zu finden“, sagt Mohammed. Aber die Suche sei schwierig und sie bekämen wenig Unterstützung. „Der Stadtrat schickt die Menschen zu den Lebensmittelbanken und zu uns. Aber wir haben keinen Platz.“

Wenn die zweite Essenslieferung gegen 14 Uhr eintrifft, beeilen sich alle, sie gerecht in Tüten zu verpacken. Gegen 15 Uhr fahren alle Freiwilligen nach Peckham. Auf dem Caroline Gardens Estate ist es still, bis sie im weißen Van vorfahren. Es handelt sich um Sozialwohnungen für ältere Menschen mit niedrigem Einkommen. Die Häuser sehen alle identisch aus. Sie sind aus braunem Backstein, haben blaue Türen, wirken ordentlich und gepflegt. In der Mitte ist eine große Grünfläche.

Hier bringt die Peckham Soup Kitchen jeden Mittwoch den Bewohnern das Essen an die Haustür. „Wenn wir nicht kommen, kriegen wir Ärger“, erklärt Fos. Sein Vater ist einer der Bewohner. Er weiß, dass viele der Menschen das Haus nur selten verlassen. Daher haben sie angefangen, Essen zu liefern. Wenn es die Peckham Soup Kitchen nicht gäbe, würden einige Menschen dort manchmal tagelang mit niemandem sprechen. Mohammed schiebt zwei Einkaufswagen von

Lidl auf den Parkplatz in der Siedlung, mit denen die Lebensmittel dann vor die Haustüren gebracht werden. Er und die anderen Freiwilligen beginnen routiniert, die blauen Tüten einzuladen. In dem Moment kommt ein älterer Mann um die Ecke: „Hey! Wie geht’s dir?“, ruft Wade Brian zu und umarmt ihn herzlich. Er lebt auf dem Estate – und hilft inzwischen selbst mit. Seine Aufgabe: zur „Blackbird Bakery“ gehen und Kuchen für die Bewohner abholen, der sonst weggeschmissen würde. „Das mache ich jetzt seit zwei Jahren“, erzählt er.

Vor kurzem kündigte die Regierung weitere Sozialkürzungen an

Die Zusammenarbeit ist so entstanden wie vieles in der Peckham Soup Kitchen: durch Zufall. Eines Abends ging Brian kurz vor Ladenschluss zur Bäckerei und fragte, ob sie Essen übrighätten. Und tatsächlich: Sie hatten Kuchen und Brot abzugeben. Warum er das gemacht hat? „Die Winter hier sind grausam“, erklärt er. Viele Menschen stünden vor der Entscheidung zu heizen oder zu essen. Die Fenster seien nur einfach verglast. „Menschen sterben hier andauernd“, sagt Brian. Wie kann das sein, in einem der reichsten Länder, in einer der reichsten Städte der Welt?

Trotzdem wird über die Rolle, die die Regierung bei alledem hier spielt oder spielen könnte, wenig nachgedacht. Mohammed lacht, als er gefragt wird, ob er sich mehr Unterstützung wünschen würde. Vielleicht, weil die Antwort ohnehin klar ist: Auch seit Labour letzten Juli wieder regiert, hat sich in der Sozialpolitik wenig verändert. Letztes Jahr verkündete Finanzministerin Rachel Reeves die Streichung der Winter- heizungsbeihilfe für viele ältere Menschen in England und Wales, die es seit 1997 gibt. Nur die Ärmsten erhalten sie noch, obwohl die Heizkosten in den letzten Jahren stark gestiegen sind. Vor Kurzem kündigte die Regierung weitere Sozialkürzungen an. Die Nachfrage nach Einrichtungen wie der Peck- ham Soup Kitchen könnte dadurch weiter steigen.

Als alle Tüten in die Einkaufswagen geladen sind, geht die kleine Gruppe los. Sie klopfen an jede blaue Tür in der Siedlung. An einer hält Foster plötzlich inne. Klopft zusätzlich an das Fenster. Keine Antwort. Er klopft noch einmal an die Tür.

„Auntie ist schon mal drei Monate nach Nigeria zu ihrer Familie gereist und hatte uns vorher nicht Bescheid gesagt. Wir waren total besorgt“, erklärt Foster. Dann öffnet sich die blaue Tür doch noch. Eine ältere Frau mit Gehstock und buntem Kleid steht im Türrahmen. „Wie geht's, Auntie?“ Foster atmet erleichtert auf, drückt ihr die Brotdose und die blaue Tüte mit Lebensmitteln in die Hand. Sie lächelt breit zurück, sagt aber nichts. „Wenn du das nächste Mal so lange weg bist, sagst du uns Bescheid, Auntie, okay?“ Sie nickt lächelnd. Dann schließt sie die Tür. „Ich dachte schon, ihr wäre etwas passiert.“ Foster nennt jeden hier „auntie“ oder „uncle“ und es scheint teilweise wirklich so, als handle es sich um eine große Familie. Nach zwei Jahren kennen sie alle Bewohner hier gut.

Nach etwa einer Stunde sind sie fertig. „Bis Freitag“, sagt Mohammed. Dann werden sie wiederkommen. „Ich weiß wirklich nicht, wie wir das schaffen“, sagt Foster. „Es ist verrückt.“ Aber genau das gebe ihm auch Hoffnung: „Wir leiden alle. Aber jeder kommt und arbeitet ehrenamtlich. Ich sehe das und denke: Mann, die Welt ist nicht so schlecht, wie wir denken.“ Aufgeben ist für ihn keine Option.

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