Aus dem Slum nach Harvard
Der Autor Suraj Yengde als Kind mit seinem Eltern
Foto: privat
Als Kind dachte ich nie an den Westen. Ich gehöre zur Kaste der Dalit, die man früher „die Unberührbaren“ nannte. Wenn du in einem Slum groß wirst, ist dieser Ort deine einzige Lebenswelt – so wie der Teich für den Frosch.
In welche Kaste du hineingeboren wirst, hat großen Einfluss auf deine Chancen und deinen Berufsweg. Mein Vater zählte zur Unterschicht. Er war Wachmann, arbeitete rund um die Uhr und hatte kaum Zeit zum Schlafen. Unsere Familie musste mit wenig auskommen. Als Kind kannte ich nur zwei große Städte: Bombay (heute Mumbai) und Delhi. Westliche Musik hörte ich kaum. Die einzigen westlichen Filme, die ich kannte, waren Hindi-synchronisierte Fantasystreifen.
In meiner Jugend gab es in unserem Slum viel Gewalt. Auch ich gehörte zu einer Art Gang. Von einer Harvard-Universität hatte ich nie gehört, aber die Namen Cambridge oder Oxford sagten mir etwas, wegen der britischen Kolonialherrschaft. In meiner Kindheit gab es keine Anknüpfungspunkte an die west- liche Moderne. Als ich mit dem Studium anfing, hatte ich von der Musik, die meine Kommilitonen hörten, keinen Schimmer. Alle redeten über „Friends“, aber ich hatte die Fernsehserie nie gesehen. Erst viel später konnte ich das alles nachholen – der Technologie sei Dank.
Du fühlst dich oft einsam, und vieles ist emotional belastend
Dass ich aus meinem Teich herausdurfte, habe ich dem Bundesstaat Maharashtra zu verdanken, in dem ich aufwuchs. Er bietet Stipendien für junge Studierende an, die zur Kaste der Dalit gehören und an eine Uni im Ausland gehen wollen. Ohne diese Unterstützung gäbe es heute keinen Dr. Suraj Yengde. Ich würde in Indien mit irgendeinem Bürojob den Lebensunterhalt für meine Familie und mich verdienen. Noch heute habe ich das Gefühl, in einem Hamsterrad gelebt zu haben. Irgendwann bin ich da einfach herausgefallen, aber vor Augen habe ich es immer noch. Nach wie vor verspüre ich eine Art Demut, und mitunter auch noch Angst. Es ist nicht einfach, von der einen Welt in eine andere zu wechseln, die so unterschiedlich ist. Du musst die entsprechenden Codes erst lernen.
Ich habe in Harvard studiert, in Johannesburg in Südafrika an der University of the Witwatersrand promoviert und in Oxford einen zweiten Doktor gemacht. Trotz allem frage ich mich manchmal noch: Gehöre ich hier überhaupt her? Etwa wenn ich einen Raum voller Wissenschaftler betrete. Soll ich mich wirklich dazusetzen? Ich weiß noch, wie ich einmal ganz fasziniert beobachtete, mit welcher vollkommenen Selbstsicherheit sich eine französische Wissenschaftlerin, mit der ich eng befreundet bin, in einem solchen universitären Umfeld bewegte. Sie war einfach in ihrem Element – als wäre sie genau dafür gemacht.
In weiten Teilen der Welt ist der Westen auch heute noch das erstrebenswerte Ziel für viele Menschen. Auf meinen Reisen in fast fünfzig Länder habe ich festgestellt, dass er nach wie vor als Bezugsgröße dient. Die indische Mittelschicht übt zwar Kritik am Westen, will aber trotzdem dorthin, will ihre Kinder dort ausbilden lassen und ökonomisch gewinnbringende Verbindungen aufbauen.
Bei den Eliten sind die Dinge oft etwas anders gelagert. Viele der privilegiertesten Inder haben im Westen studiert und sind mit guten Abschlüssen in ihre Heimat zurückgekehrt. Dafür gibt es gute Gründe: Wenn du in Indien zur oberen Mittelschicht gehörst, erbst du viel und hast in deinem Land in der Regel deutlich mehr Möglichkeiten als im Westen. Du hast Personal, das für dich arbeitet und dich bekocht, und ein Familiensystem, auf das du zurückgreifen kannst. Im Westen dagegen ist das Leben stärker durch Individualismus geprägt, persönliche Autonomie hat einen höheren Stellenwert. Letztlich haben Mitglieder der indischen Elite jedoch Zugang zu beiden Welten. Sie haben oft Verwandte im Westen und können kurzerhand in den Flieger steigen, wenn ihnen danach ist. Geschmeidig schalten sie zwischen den Codes hin und her.
Für jemanden, der wie ich aus der armen Vorstadt stammt, gibt es in der Heimat nichts, auf das er zurückgreifen kann. Als ich das erwähnte Stipendium erhielt, war mein erster Gedanke: Von dem Geld baue ich uns ein Haus. Denn meine Mutter wohnte in einer winzigen Blechhütte mit Löchern im Dach – dadurch waren meine Prioritäten vorgegeben.
Indiens Fixierung auf das Kasten- system nimmt ab, aber sie ist immer noch da
Als ich zum ersten Mal nach Großbritannien kam, war ich fasziniert von den Menschen, die dort leben. Wegen der Einflüsse aus der Kolonialzeit sind wir mit der Vorstellung großgeworden, dass alles Britische auf einer höheren Stufe stehe. Noch heute verkaufen sich in Indien vor Ort hergestellte Schuhe besser, wenn sie als „Londoner Schuhe“ deklariert werden. Werden sie als „Schuhe aus lokaler Produktion“ angeboten, liegen sie wie Blei im Regal. Das ist nur eines von vielen Beispielen für das nationale Hochstaplersyndrom. Wenn du als Neuling in den Westen kommst, musst du dich gegen deine Umgebung abhärten. Du fühlst dich oft einsam, und vieles ist emotional belastend. Du wirst wütend, weil die Leute dich immer wieder an deinen wunden Punkten treffen: Sie kommentieren dein Aussehen, deine Aussprache, deine Grammatik. Dieses rassistische oder koloniale Gehabe gibt es aber nicht nur außerhalb Indiens. Auch unter Brahmanen, der obersten Kaste, ist es weit verbreitet. Sie verkörpern sozusagen die weiße Überlegenheit. Überhaupt wird man in Indien als Mensch nach wie vor mehr nach seiner sozialen Herkunft beurteilt als nach seinen persönlichen Eigenschaften.
Das ist einer der Gründe, warum ich nicht so schnell nach Indien zurückgehen werde. Die Fixierung auf das Kastensystem nimmt vielleicht ab, aber sie ist immer noch ein Faktor. Dank meiner Bücher und Artikel habe ich in meinem Land inzwischen zwar einen gewissen Status erlangt. Ich werde erkannt und habe Zugang zu den Sphären der Elite. Trotzdem werde ich in Indien immer wieder von meiner Kastenzugehörigkeit eingeholt.
Ich kann meine wissenschaftliche und publizistische Arbeit machen, weil ich kulturelles Kapital angehäuft habe. Dieses Kapital erwirbt man in meinem Beruf über Institutionen der westlichen Welt, die als elitär gelten. Wenn ich unterwegs bin, treffe ich allerdings oft auf Inder, die mir und meiner Arbeit mit Geringschätzung begegnen, weil sie in der traditionellen sozialen Hierarchie über mir stehen. Sie sagen, dass sie nicht an das Kastensystem glauben, haben die unangenehmen Auswirkungen dieses Systems aber nie am eigenen Leib gespürt. Fakt ist: In der indischen Gesellschaft bin ich nach wie vor nicht voll akzeptiert. Deshalb ist es für mich im Westen leichter, für meine Anliegen einzutreten.
Protokolliert von Jess Smee
Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld