„Der Körper vergisst nichts“

ein Gespräch mit Tchekpo Dan Agbetou

Körper (Ausgabe II/2010)


Es gibt unter Europäern dieses Klischee, dass Afrikaner ein viel besseres Rhythmusgefühl hätten und sich überhaupt besser bewegen könnten als Weiße. Was halten Sie davon?

Das finde ich total falsch. Jeder Mensch kann tanzen, egal welcher Kultur oder Hautfarbe er angehört. Im Mutterleib spürt das Kind schon alles – ob die Mutter Stress hat oder glücklich ist. Es reagiert mit Körperbewegung. Alles ist Tanz, alles hat Rhythmus. Der Unterschied ist der: In Afrika kontrollierst du die Zeit, in Europa kontrolliert sie dich. Warum? In Afrika haben wir nicht viel, aber wir haben Musik. Energie, Rhythmus und Bewegung sind in der Kultur und Tradition viel wichtiger als in Europa. Wenn etwa Familienangehörige gestorben sind, gibt es eine Zeremonie und wir tanzen für sie. Trauer wird in Freude transformiert.

In Europa spielen Resultate und Perfektion eine große Rolle. Wenn du dir Zeit für dein Körpergefühl nimmst, kommst du zu spät oder verdienst kein Geld. Man lebt um zu arbeiten, da geht das Gefühl für den Körper verloren. Afrikas neue Generation will viel arbeiten. Aber sie bekommen die Balance viel besser hin. Sie können den Körper zwischendurch wieder freilassen und diesen Moment genießen. In Europa haben die Menschen Angst davor zu genießen, loszulassen: Was könnten die anderen denken? Ich kenne eine Menge Europäer, die mehr Rhythmus haben als viele Afrikaner.

Sie verbinden traditionellen afrikanischen Tanz mit zeitgenössischem westlichen Tanz. Was bedeuten Ihnen diese Quellen?

Afrika ist groß, aber die Basis ist überall die gleiche: Tanz ist eine Zeremonie, in der Körper und Geist Freiheit suchen. Bis zum zwölften Lebensjahr habe ich in Afrika gelebt und die Tänze meines Volkes Yoruba getanzt. Das war kein Lernen im strengen Sinn, sondern einfach das Leben mit der Tradition. In Europa wollte ich mich weiterentwickeln. Für die Kontrolle des Körpers, das Verstehen von Bewegung haben mir Ballett, Modern und Jazz Dance sehr geholfen. In Afrika arbeitet man mit dem Körper und dem Herzen, in Europa eher mit dem Kopf: Verstehen, Perfektion und ein Konzept sind wichtig. Die Kommunikation, das Loslassen, die Ehrlichkeit und Ruhe, das kommt aus Afrika. Beides hilft mir, eine Harmonie zwischen diesen Kulturen zu finden.

An Ihrem Tanzzentrum unterrichten Tänzer und Tänzerinnen aus 35 Ländern unterschiedlichste Stile. Was passiert da?

Wenn Leute aus verschiedenen Kulturen tanzen, ist die Technik, die Struktur dieselbe, eine Bewegung kann die gleiche sein und doch hat sie bei Tänzern unterschiedlicher Kulturen eine jeweils etwas andere Facette. Das passiert ohne Bewusstsein. Wenn Leute aus verschiedenen Ländern kommen und eine Woche bleiben, bringen sie die Geschichte ihres Landes mit, sind da, essen, lachen, unterhalten sich mit uns. In diesem Kontakt treffen verschiedene Energien aufeinander, wenn man das fühlen kann, ist das wunderbar. Der Gast wiederum lernt viel über die Kultur hier – wie die Menschen sich bewegen, wie sie reagieren, wie die Disziplin ist.

Gibt es Tage, an denen Sie nicht tanzen können – vergleichbar mit einem Autor, der eine Schreibblockade hat?

Ja. Wenn ich viel denke, den Zustand des richtigen, meditativen Atmens verloren habe, dann bin ich blockiert. Auch beim Choreografieren gibt es Blockaden wie bei einem Autor. Dann muss man aufhören, am nächsten Tag weitermachen, um die Geschichte von einem neuen Blickwinkel anzugehen. Es ist ein Prozess.

Was bedeutet es im Alltag, Tänzer zu sein?

Für mich gehört zum Tanz das Atmen. Wenn du tanzt und an deinem Atem arbeitest, lernst du deine Mitte, dein Körperzentrum kennen. Und wenn du das kennst, bist du ein freier Mensch, egal, was los ist. Der Atem kommt aus dem Vertrauen gegenüber allem, was du machst. Daran kann sich der Körper erinnern. Der Körper hat ein Gedächtnis so stark wie der Kopf, sogar noch besser. Im Kopf kann manchmal etwas verloren gehen. Aber die Erinnerung des Körpers bleibt. Tanzen heißt Training und Disziplin, kreativ mit dem Körper, dem Geist und dem Atem arbeiten. Das ist eine wunderbare Therapie. Du erweiterst mit deiner Körpersprache die Möglichkeit, mit anderen zu kommunizieren.

Das Interview führte Nora-Henriette Friedel



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