Das Ende des Überflusses

von Kai Schnier

Geht ohne (Ausgabe I/2023)

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Alt aber dennoch funktionsfähig: Das Radio eines Aussteigers in den französischen Pyrenäen. Foto: Antoine Bruy


Eine Welt am Rande der Klimakatastrophe, ein Krieg in Europa, die globale Wirtschaft im Krisenmodus: Nach Jahren des Wachstums und des Friedens schwört sich „der Westen“ erstmals seit der Finanzkrise wieder auf harte Zeiten ein.

In den USA warnte Joe Biden zuletzt vor „großen Herausforderungen“, in Frankreich proklamierte Emmanuel Macron „das Ende des Überflusses“ – und auch hierzulande werden ungewohnt düstere Töne angeschlagen.

„Es kommen raue Jahre auf uns zu“, konstatierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier etwa in seiner jüngsten Rede an die Nation, nur um wenig später nachzuschieben: „Was sind wir bereit, uns abzuverlangen?“

„Worauf können wir verzichten, um die Krisen unserer Zeit zu meistern?“

Es sind Fragen wie diese, mit denen wir uns im Globalen Norden lange nicht mehr beschäftigt haben – oder: mit denen sich viele von uns nicht beschäftigen mussten. 

In dieser Ausgabe von KULTURAUSTAUSCH widmen wir uns deshalb einem Akt, der eigentlich längst aus der Mode gekommen war, plötzlich jedoch wieder brandaktuell ist: dem Verzichten.

Denn dominierten unlängst noch Zukunftshoffnung und Fortschrittsglaube, so lässt sich eine Grundsatzfrage nun kaum mehr beiseiteschieben: Worauf können, worauf müssen wir verzichten, um die Krisen unserer Zeit zu meistern?

„Was wir jetzt brauchen, ist eine Kultur der Genügsamkeit“

Die Umweltaktivistin Vandana Shiva sieht die Antwort darauf in einem radikalen Sinneswandel. Im großen Interview fordert sie: „Die Zeit der Verschwendung muss ein Ende haben. Was wir jetzt brauchen, ist eine Kultur der Genügsamkeit.“

Ganz ähnlich sehen das wohl auch die Aussteigerinnen und Eremiten, deren Alltag der Fotograf Antoine Bruy zwischen Rumänien, der Schweiz, Spanien und den USA dokumentiert hat. Eine baufällige Hütte, ein kleines Gemüsebeet, ein altes Radio: Sie leben mit weniger. Ein Gedanke, der uns auch in anderen Lebensbereichen gar nicht so fremd ist.

Warum sonst frönen wir etwa in Architektur und Lyrik oft der schlichten Ästhetik?, fragt die Autorin Ayelet Gundar-Goshen. Und warum ist es in der Musik nicht selten die Reduktion, die uns begeistert?, will der Pianist Malakoff Kowalski wissen, der für uns eine minimalistische Playlist entworfen hat. 

Ist der Verzicht, um es einmal mehr mit Vandana Shivas Worten zu sagen, vielleicht gar kein Rückschritt, „wenn wir anerkennen, dass uns der Überfluss erstickt“?

„Viele haben hier gar nicht die Möglichkeit, auf etwas zu verzichten.“

Doch vielleicht sind auch das nur Gedanken, die sich der Westen macht. Ideen, die den Verzichtsmoment zur Kunstform erheben und das einfache Leben aus Verlegenheit als nächsten Lifestyle-Trend vermarkten.

Ideen, über die Adrienne Yabouza, geflüchtet aus der Zentralafrikanischen Republik, nur schmunzeln kann, denn: „Viele haben hier gar nicht die Möglichkeit, auf etwas zu verzichten.“

Und Ideen, die auch bei Menschen wie Schriftsteller Serhij Zhadan für Stirnrunzeln sorgen, wenn er über die momentane Lage in seiner ukrainischen Heimatstadt Charkiw sagt: „Hier geht es nur ums Überleben.“ Wer kann verzichten – und wer muss verzichten? Auch darum soll es in dieser Ausgabe gehen.

Unser neues Heft ist ab sofort im Handel erhältlich. 



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