Unterwegs in einem kranken Land

von Parand

Angst vor Frauen (Ausgabe IV/2022)

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Blick in die Geburtsstation des Indira-Ghandi-Kinderkrankenhauses in Kabul Foto: Moises Saman / Magnum Photos / Agentur Focus


Der Bus nimmt Kehre um Kehre und schlängelt sich durch die Berge. Ich bin unterwegs von Kabul nach Bamiyan, lasse mich auf dieser engen Straße von der Hauptstadt in die Provinz mitten in Zentralafghanistan fahren. Alle, die mit mir reisen, sind schweigsam und schläfrig. Plötzlich steigt mir ein beißender Geruch in die Nase. Eine Frau neben mir entnimmt einer kleinen Plastiktüte eine Prise Naswar und platziert sie unter ihre Oberlippe. Naswar, das sind zerkleinerte Tabakblätter, die mit Löschkalk, Asche und Aromastoffen versetzt werden.

Ihr Konsum wirkt berauschend und ist in Afghanistan weit verbreitet. Ich verabscheue das Zeug. Entsprechend angewidert verziehe ich das Gesicht und will mich von ihr abwenden, als die Frau mir lachend, den Mund voller Kautabak, zu verstehen gibt: „Als ich jung war, ging’s mir genauso. Ich fand das Zeug scheußlich. Aber als ich in den Wehen lag und vor Schmerzen fast verrückt geworden bin, hat mein Mann mir Naswar gegeben. Bis heute konnte ich’s mir nicht mehr abgewöhnen.“

„Wenn eine Frau bei der Geburt viel Blut verlor, ging sie zum ortsansässigen Mullah“

Zögernd frage ich nach: „Weshalb bist du damals nicht zum Arzt gegangen?“ Sie kichert freudlos und antwortet, dass es in der abgelegenen Region, aus der sie stammt, keinen Arzt gab. Wenn eine Frau bei der Geburt viel Blut verlor, ging sie zum ortsansässigen Mullah. Er legte ein geöffnetes Vorhängeschloss in heißes Wasser, das sie dann trinken sollte. So werde die Blutung zum Stillstand kommen hieß es.

Ich frage meine Sitznachbarin, wie die Situation heute ist. „Unverändert“, antwortet sie. „Weder in meinem Dorf noch in der näheren Umgebung gibt es ein Gesundheitszentrum. Wenn die Männer krank werden, schleppen sie sich irgendwie in das nächste Krankenhaus, aber kranke Frauen und Kinder sind verloren.“ 

Was sie mir erzählt, überrascht mich kaum, denn als Journalistin aus Kabul weiß auch ich nur zu gut, wie schwer es ist, als Afghanin medizinisch behandelt zu werden. Offiziellen Zahlen zufolge sind in Afghanistan pro zehntausend Einwohnerinnen und Einwohnern lediglich 4,6 Krankenschwestern, Ärzte oder anderes medizinisches Personal tätig. Diese Zahl liegt weit unter der entsprechenden Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO, die ein Verhältnis von mindestens zehntausend zu 23 vorsieht.

„Viele Männer weigern sich, ihre Frauen von männlichen Ärzten untersuchen und behandeln zu lassen“

Als wäre der akute Mangel an Fachpersonal nicht schon tragisch genug, weigern sich viele Männer, ihre Frauen von männlichen Ärzten untersuchen und behandeln zu lassen. Das hat Folgen: Laut einem Bericht des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen stirbt in Afghanistan alle zwei Stunden eine Mutter bei der Geburt eines Kindes oder an Komplikationen im Anschluss daran – das sind 638 Frauen von 100.000.

Während der Bus weiter durch die Landschaft ruckelt, lasse ich meine Gedanken schweifen und erinnere mich an die vielen Beispiele, die ich während meiner Recherchen über die eklatante Benachteiligung von Frauen und Mädchen bei der Gesundheitsversorgung gesammelt habe. Die geschlechtsspezifische Diskriminierung, die tief in den Traditionen verankert ist, spielt dabei seit jeher eine große Rolle. Jungen bekommen von Geburt an mehr Aufmerksamkeit und die bestmögliche Pflege, wenn sie erkranken. Mädchen indes müssen hintanstehen.

Im Flur eines Krankenhauses beobachte ich einmal einen Streit zwischen einem Mann und dem Arzt, der ihm zu erklären versucht, dass seine neugeborene Tochter zur Nachsorge ein paar Tage im Krankenhaus bleiben müsse. Der Mann weigert sich, denn er habe sich einen Sohn gewünscht. Das Töchterchen mag seinethalben sterben. Der Arzt schüttelt traurig den Kopf und stimmt schließlich der Entlassung von Frau und Kind zu.

Oft sind es auch die geografischen Distanzen, die den Zugang zu medizinischer Versorgung erschweren. Bis zu einem Krankenhaus müssen meistens weite Wege zurückgelegt werden. Die Straßen sind unwegsam, und die Verkehrsinfrastruktur reicht nicht bis in jedes entlegene Dorf. In den vergangenen zwanzig Jahren wurde mit internationaler Unterstützung einiges erreicht. Eine Tagesklinik hier, ein kleines Gesundheitszentrum da – so wurde eine grundlegende medizinische Infrastruktur geschaffen.

„Kommt es zu einem Notfall, machen sich die Menschen per Eselkarren auf den beschwerlichen Weg ins nächste Krankenhaus“

Doch mit der Rückkehr der Taliban im Jahr 2021 mussten viele davon schließen. Kommt es nun zu einem Notfall, dann machen sich die Menschen zu Fuß oder per Eselkarren auf den beschwerlichen Weg ins nächste Krankenhaus. Oder sie hoffen darauf, dass traditionelle Behandlungsmethoden helfen. Als letzte Hoffnung bleibt oft nur, zu einer heiligen Grabstätte zu pilgern.

Nicht nur auf dem Land, auch für Frauen in städtischen Gegenden hat sich die medizinische Versorgung seit der Rückkehr der Taliban verschlechtert. Die öffentlichen Krankenhäuser bekommen keine Unterstützung mehr aus dem Ausland, entsprechend fehlt es ihnen nun an Medikamenten und Ausrüstung. Theoretisch bliebe noch der Weg in eine Privatklinik, doch die angespannte wirtschaftliche Lage macht Behandlungen für die große Mehrheit der Menschen im Land unerschwinglich.

Selbst wenn eine Frau das nötige Geld hat, muss ein Mann aus ihrer Familie mit ihr im Krankenhaus bleiben, bis sie nach Hause entlassen wird. Eine Frau erzählt mir anschaulich davon, während sie in einem Krankenhaus im Bezirk Kahmard in Bamiyan liegt: „Ich habe mir beim Kochen starke Verbrennungen zugezogen und werde noch für eine ganze Weile hierbleiben müssen. Doch nach dem Gesetz der Taliban wäre ich ohne männliche Begleitung gar nicht erst stationär aufgenommen worden. Darum geht mein Sohn seit Tagen nicht mehr in die Schule, er muss ununterbrochen bei mir sitzen.“

„Selbst über ihren eigenen Körper dürfen die meisten Afghaninnen nicht eigenständig entscheiden“

Grundsätzlich stehen afghanische Frauen unter enormem Druck. Die traditionellen Werte und Normen, die seit jeher zur Bevorzugung der Männer führten, wurden durch neue Gesetze der Taliban weiter verschärft. Hinzu kommt die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Familienoberhaupt. Selbst über ihren eigenen Körper und ihre Gesundheit dürfen die meisten nicht eigenständig entscheiden. Sie sind ihren Männern praktisch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Von einem Arzt in Kabul erfahre ich, dass die Männer sogar über die Umstände des Gebärens bestimmen: “Wenn ich einer Frau erkläre, dass ein Kaiserschnitt nötig ist, dann muss ein männlicher Vormund die erforderliche Genehmigung unterzeichnen. Fehlinformationen und Gerüchte verunsichern viele Männer, darum wollen die meisten nicht, dass ihre Frauen operiert werden.“

Eine besonders beklemmende Erfahrung schildert der Arzt mir folgendermaßen: „Eine Patientin war bei mir in Behandlung, weil eine natürliche Geburt wegen ihres sehr schmalen Beckens nicht infrage kam. Sie hatte bereits drei Kinder, die alle per Kaiserschnitt zur Welt gebracht wurden. Als sie zum vierten Mal schwanger war und mit starken Schmerzen bei mir eintraf, erklärte ich ihr, dass wir sie auch diesmal operieren müssen. Doch ihr Mann war dagegen. Er brachte sie in ein anderes Krankenhaus, wo dieselbe Diagnose gestellt wurde. Daraufhin nahm ihr Mann sie wütend mit nach Hause – trotz ihrer höllischen Schmerzen. Dort erlitt sie einen Gebärmutterriss. Sie hat ihr Kind verloren und liegt jetzt mit Nierenversagen im Koma.“

„Überall fehlt weibliches medizinisches Personal“

Einige Ehemänner weigern sich kategorisch, selbst einfache medizinische Untersuchungen ihrer Angetrauten durch männliche Ärzte vornehmen zu lassen. Das große Problem ist, dass überall in Afghanistan weibliches medizinisches Personal fehlt – besonders auf dem Land. Als im Juni 2022 in den Provinzen Paktia und Khost die Erde bebte, war keine einzige Ärztin in der Region, die sich behandlungsbedürftiger Frauen hätte annehmen können. Die meisten Männer verboten es ihren Frauen, sich von Ärzten behandeln zu lassen. Lieber setzten sie die Gesundheit ihrer verletzten Partnerinnen aufs Spiel, indem sie sich in Nachbarprovinzen auf die Suche nach Ärztinnen machten. 

Eine Krankenschwester erklärte mir, weshalb es in den ländlichen Gebieten so wenige Frauen im Gesundheitswesen gibt: „Krankenschwestern, Pflegerinnen und Ärztinnen dürfen in den Provinzen nicht ohne männlichen Schutz arbeiten – nur in Kabul und wenigen anderen Großstädten ist das noch möglich.“ Zudem sei die Arbeit für Frauen im Gesundheitswesen extrem gefährlich. Sie erzählte weiter, dass sie mehrfach miterleben musste, wie unzufriedene Angehörige kranker Menschen bewaffnet in eine Klinik oder ein Krankenhaus gestürmt seien und Ärztinnen und Schwestern bedroht oder sogar verprügelt haben.

Ebenfalls eine Rolle spielt die Tatsache, dass es als Schande gilt, wenn Frauen sagen, dass sie sich unwohl fühlen. Schnell werden sie der „Zügellosigkeit“ bezichtigt. Die 18-jährige Mineh aus der Provinz Kapisa musste das schon oft erleben und erzählt mir davon: „Ich leide jeden Monat sehr stark unter meiner Periode. Eines Tages waren meine Schmerzen so unerträglich, dass ich meine Mutter gebeten habe, mit meinem Vater zu sprechen, damit er mich zum Gynäkologen begleitet. Mein Vater hat vor Wut gekocht, als er das hörte. An meine Mutter gewandt sagte er: ‚Deine Tochter ist unendlich schamlos! Unverheiratete Frauen dürfen nicht zum Arzt gehen.‘ Deshalb versuche ich jetzt, jeden Monat meine Schmerzen zu ertragen und kann höchstens Kräutertee trinken. Der verschafft mir ein bisschen Linderung.“

Auf meine Nachfrage, welche Hygieneprodukte sie während ihrer Periode nutze, lacht sie nur. Von Binden habe sie noch nie gehört. Aus abgetragener Kleidung schneidet sie sich Einlagen zurecht, die sie wäscht, wenn ihre Periode vorbei ist, und im nächsten Monat wiederverwendet.

„Eine Frau mit zehn Kinder erzählt, dass sie nicht verhüten darf“

Frauen machen die Hälfte der Gesellschaft aus, haben in Afghanistan aber wenig Mitsprache, wenn es um ihren Körper geht. Ebenfalls in der Provinz Kapisa erzählt mir eine Frau, die bereits zehn Kinder hat und vier Fehlgeburten erlitt, dass sie nicht verhüten darf. Die Männer ihrer Familie verbieten es ihr. Ihr Mann sagt, wenn sie heimlich Verhütungsmittel nimmt, wird er ihr das nie verzeihen und eine zweite Frau heiraten. Auf meine Nachfrage, ob ihr Mann ihr erlaube, zum Arzt zu gehen, wenn sie krank ist, lacht sie nur. „Natürlich nicht. Mein Mann glaubt, Frauen sind eigentlich nie krank, und wenn, dann simulieren sie, weil sie auf sich aufmerksam machen wollen.“

Die Stimme meines Mannes reißt mich aus meinen Gedanken: „Wir sind da“, sagt er. Tatsächlich, der Bus ist zum Stehen gekommen. Ich staune nicht schlecht: Habe ich die drei Stunden Fahrt bis nach Bamiyan tatsächlich mit Nachdenken verbracht? Und dabei längst nicht alle Probleme, mit denen Frauen zu kämpfen haben, berücksichtigen können! Ich schüttele den Kopf, schöpfe aber, wie immer, Hoffnung aus der Vorstellung, dass die Dinge nicht ewig so bleiben können, wie sie sind. „Es muss besser werden“, sage ich mir, während ich meine Sachen zusammenpacke und langsam aus dem Bus steige. „Eines Tages wird Afghanistan ein Paradies sein, auch für uns Frauen“.

Übersetzt aus dem Dari von Jutta Himmelreich

Lesetipp: Eine Kurzgeschichte von Parand erschien anonymisiert in der Sammlung “My Pen Is the Wing of a Bird: New Fiction by Afghan Women” (2022, MacLehose Press). Die Anthologie versammelt achtzehn Geschichten afghanischer Autorinnen über Familie, Arbeit, Kindheit, Freundschaft, Krieg, Geschlechteridentität und kulturelle Traditionen, herausgegeben von „Untold – Afghanistan“.



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