„Wie geht es Ihnen?“

Angst vor Frauen (Ausgabe IV/2022)

  • Farahdiba Noori: „Ich spüre, wie mich meine Kraft verlässt“. Foto: privat

  • Amina: „Wir sind wie Schatten“ Foto: Sayed Aman Sadat

  • Hasti: „Ich wünschte, ich hätte ein kleines Zimmer für mich allein“ Foto: Sayed Aman Sadat

  • Liza: „Wir haben so hart für unsere Rechte gekämpft, und jetzt sitzen wir nur noch zu Hause herum“ Foto: privat

  • Rabia: „Für die Taliban wirken Frauen wie ich wie ein rotes Tuch“ Foto: privat

  • Salma: „Sollten die Taliban meine Identität herausfinden, werden sie mich töten“ Foto: privat

  • Sama: „Alle Träume und Hoffnungen scheinen verloren“ Foto: Sayed Aman Sadat

  • Shukufa: „Frauen auf der ganzen Welt sollten das Recht haben, frei zu sein“ Foto: Sayed Aman Sadat

  • Storai: „Wir sind auf Hilfsgelder angewiesen“ Foto: privat

  • Treena: „Für Männer ist Afghanistan auch kein guter Ort“ Foto: privat

  • Zakira: „Nicht nur mein Körper wird zu Hause eingesperrt, sondern auch mein Geist“ Foto: Sayed Aman Sadat

  • Meena: „Ich vermisse es, mich mit meinen Freundinnen zu treffen“ Foto: privat


 

„Ich spüre, wie mich meine Kraft verlässt“

Ich habe lange als Sicherheitsexpertin für das afghanische Finanzministerium gearbeitet. Meine Mutter war dort über 15 Jahre für Gleichstellungsfragen verantwortlich. Das waren gut bezahlte Jobs. Seit der Rückkehr der Taliban hat man allen Frauen im Ministerium gekündigt. Unsere Situation verschlechterte sich radikal, als wir vor fünf Monaten aus unserer Wohnung ausziehen und uns eine sichere Bleibe suchen mussten. Wir waren gewarnt worden, dass einer meiner Brüder, ein Journalist, auf einer Todesliste der Taliban stehe. Ein anderer Taliban hatte erklärt, dass er eine meiner Schwestern zwangsheiraten wolle. Heute teile ich mir mit meinen Eltern, meinen vier Schwestern und zwei Brüdern ein Ein-Zimmer-Appartement. Um uns Essen leisten zu können, mussten meine Eltern den Fernseher, unseren Kühlschrank, verschiedene Teppiche und Schmuck verkaufen. Ich habe unzählige E-Mails verschickt, unter anderem an Kontakte bei den UN. Niemand antwortet mir. Ich spüre Tag für Tag, wie mich meine Kraft ganz allmählich verlässt.


Farahdiba Noori *1990 in Kabul, Master in Public Policy and Management

 

„Für Männer ist Afghanistan auch kein guter Ort“

Vor der Rückkehr der Taliban im August 2021 hatte ich ein gutes Leben und arbeitete für eine zivilgesellschaftliche Organisation. Heute bin ich arbeitslos, sitze nur noch zu Hause herum und kümmere mich um meinen kleinen Sohn. Aber auch für Männer ist Afghanistan längst kein guter Ort mehr. Mein Mann arbeitete früher für das Finanzministerium, zwischenzeitlich saß er in Haft, nun bleibt er meist zu Hause bei mir. Wir beide haben kein Einkommen, bald ist unser Erspartes aufgebraucht. Was dann sein wird, weiß ich nicht. Nur eines ist sicher: In Afghanistan gibt es keine Zukunft mehr für uns.


Treena *1984 in der Provinz Lugar, Bachelor in Jura, verheiratet, Mutter eines Sohnes

 

„Für die Taliban wirken Frauen wie ich wie ein rotes Tuch“

Vor August 2021 war ich die Leiterin der Abteilung für Gleichstellungsfragen beim Generalstaatsanwalt von Afghanistan; ich war eine bekannte Aktivistin, hatte mein eigenes Gehalt, ein ziemlich gutes Leben. Heute bleibe ich meist zu Hause, lebe zusammen mit meiner kranken Mutter, einem Bruder und einer Schwester. Ich habe nichts außer Hausarbeit zu tun und bin völlig mittellos. Jeden Tag lebe ich mit der Furcht, dass sie kommen und mich holen könnten. Für die Taliban wirken Frauen wie ich wie ein rotes Tuch.


Rabia *1973 in der Provinz Lugar, Master in Administration and Accounting

 

„Alle Träume und Hoffnungen scheinen verloren“

Seit ich nicht mehr zur Schule gehen kann, sitze ich meistens zu Hause. Vor Kurzem haben Anhänger der Taliban unser Haus durchsucht. Meine Familie und ich sind noch sehr verängstigt, wir fühlen uns seitdem nicht mehr sicher in unseren eigenen vier Wänden. Meine Eltern haben starke Suchtprobleme, sie sind opiumabhängig. Darum war das Leben noch nie leicht für meine Schwester und mich. Wir beide würden lieber nicht mehr bei ihnen leben müssen und nach einem kleinen Zimmer suchen, aber das ist in der gegenwärtigen Situation schwierig. Ich habe immer davon geträumt, eines Tages Schmuckdesignerin zu werden und meinen eigenen Laden zu eröffnen. Jetzt scheinen all meine Träume und Hoffnungen verloren.


Sama *2008 in Kabul, besuchte vor der Machtübernahme der Taliban die 10. Klasse

 

„Frauen auf der ganzen Welt sollten das Recht haben, frei zu sein“

Ich finde, Frauen auf der ganzen Welt sollten das Recht haben, frei zu sein, sich zu bilden und ihren Träumen zu folgen. Stattdessen bin ich als Frau in Afghanistan nicht einmal frei darin zu entscheiden, was ich anziehe. Wer die Regeln ignoriert, wird eingeschüchtert und bestraft. Ein solches Risiko ist Kleidung nicht wert. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Afghanistan für die Weltgemeinschaft nur ein Spielball ist. Doch das ist kein Spiel. Für uns, die wir hier leben, ist es bitterer Ernst. Als ich nach Kabul kam, um mich für die Aufnahmeprüfung an der Universität anzumelden, wurde ich nicht zugelassen. Ich wollte Englisch studieren, mich für ein Stipendium bewerben und in einem besseren Land studieren, als es Afghanistan ist. Doch bis heute bleibt die Tür zur weiteren Bildung für mich verschlossen. Das ist sehr schmerzhaft.


Shukufa *2000 in Kabul, hat die Schule abgeschlossen, derzeit arbeitslos

 

„Wir sind auf Hilfsgelder angewiesen“

Ich studiere Verwaltung und Diplomatie an einer UN-Schule. Außerdem arbeite ich für eine private Bildungseinrichtung, die ich selbst mitgegründet habe. Dort werden Kinder zwischen vier und zwölf Jahren im Rahmen eines Programmes des Bildungsministeriums unterrichtet. Bis zur sechsten Klasse sind darunter auch Mädchen.

Insbesondere werden englischer Sprachunterricht und der Umgang mit Computern gefördert, außerdem gibt es ein Labor und eine Bibliothek. Letztlich muss ich mich auf jede neue Regierung einstellen und mich irgendwie anpassen. Dasselbe gilt für unsere Mitarbeiter. Es wird immer schwieriger, das nötige Geld für unsere Schule aufzutreiben. Wir sind auf Hilfsgelder angewiesen, doch davon gibt es immer weniger.


Storai *1978 in Gardez in der Provinz Khost, Studentin

 

„Ich vermisse es, mich mit meinen Freundinnen zu treffen“

Ich habe mehr als vier Jahre Webapplikationen entwickelt. Nun bin ich Managerin an einer privaten Schule und Freelancerin in der Digitalwirtschaft. Die aktuelle Situation ist für mich erträglich, da ich meine Projektarbeit machen kann – zurzeit allerdings überwiegend aus dem Homeoffice. Aber das aktuelle Durcheinander an Verordnungen und der mangelnde Respekt für Frauen beunruhigen mich sehr.

Es scheint so, als seien wir unsichtbar geworden. Besonders vermisse ich es, mich mit meinen Freundinnen zu treffen, bunte Kleider zu tragen und etwas Spaß zu haben. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich mich nach solch selbstverständlichen Freiheiten sehnen würde.


Meena *1997 in der Provinz Ghazni, Bachelor in Computerwissenschaften

 

„Sollten die Taliban meine Identität herausfinden, werden sie mich töten“

Ich war eine Frauenrechtsaktivistin und unterrichtete an einer Privatschule. Als die Taliban kamen, gingen wir auf die Straße und demonstrierten für unsere Rechte. Sie verhafteten viele von uns. Von einer Frau aus unserer Gruppe weiß ich bis heute nicht, wo sie sich befindet.

Deshalb haben wir unseren Aufenthaltsort gewechselt und leben nun an einem geheimen Ort. Das Leben unter den Taliban ist sehr gefährlich. Jeden Tag verhängen sie neue Restriktionen. Wie so viele von uns weiß ich nicht mehr, was ich noch tun kann. Nur eines ist sicher: Sollten die Taliban meine Identität herausfinden, werden sie mich töten.


Salma *1993 in der Provinz Pandschir, Bachelor in Jura, verheiratet, ein Sohn

 

„Wir sind wie Schatten“

Alles, was mit uns geschieht, ist ungewiss. Wir Frauen haben keine Macht, darüber zu entscheiden. Wir sind wie Schatten. Ich fühle mich schlecht, weil ich nicht zur Schule gehen konnte und jetzt auch nicht mehr arbeiten darf. Ein Hoffnungsschimmer für mich ist, dass ich seit einer Weile ein Weiterbildungszentrum für Frauen besuchen kann. Hier lerne ich die Grundlagen des Schneiderhandwerks. Ich weiß aber nicht, wie lange noch.


Amina *2002 in Kabul, hatte keine Möglichkeit, zur Schule zu gehen, lebt in Kabul

 

„Nicht nur mein Körper wird zu Hause eingesperrt, sondern auch mein Geist“

Mittlerweile habe ich mich schon fast daran gewöhnt, dass es mir nicht gut geht. Das ist die neue Normalität. Viele meiner Freundinnen aus der Schulzeit sind nicht mehr in Kabul. Sie sind in andere, in bessere Länder geflohen und führen dort ein Leben, das die Bezeichnung »normal« verdient. Aber ich kann das nicht. Mir wurde das Recht genommen, zu studieren und mich weiterzuentwickeln.

Als Frau im heutigen Afghanistan zu leben, bedeutet, dass meine eigene Gesellschaft mich nicht als Mensch ansieht. Mir werden die einfachsten Grundrechte verwehrt, wie das Recht, meine eigenen Kleider auszuwählen, oder das Recht zu träumen. Für mich ist das der bitterste Aspekt: Nicht nur mein Körper wird zu Hause eingesperrt, sondern auch mein Geist. Früher träumte ich davon, eines Tages Präsidentin zu werden. Jetzt kann ich nicht mehr träumen.


Zakira *2009 in Kabul, besuchte vor der Machtübernahme der Taliban die 11. Klasse

 

„Ich wünschte, ich hätte ein kleines Zimmer für mich allein“

Vor einigen Jahren wurde ich gegen meinen Willen verheiratet. Mein Mann ist gebildet und setzte sich als Aktivist für soziale Belange ein. Aber in unserer Ehe ging es mir nicht gut. Als die Taliban an die Macht kamen und die Regierung stürzten, hat er mich verlassen und unseren gemeinsamen Sohn bei mir zurückgelassen. Mein Sohn besucht die sechste Klasse und versteht nicht, warum sein Vater nicht mehr da ist.

Mein Mann hat eine andere Frau geheiratet und ist mit ihr in den Iran geflohen – trotzdem darf ich mich nicht von ihm scheiden lassen. Das ist gegen das Gesetz. Nun lebe ich mit meinem Sohn sehr beengt, zusammen mit meinem Vater und meiner Schwiegermutter. Ich habe zurzeit kein Einkommen, aber muss mich um alle kümmern. Ich wünschte, ich könnte arbeiten. Und ich wünschte, ich hätte ein kleines Zimmer für mich allein, in dem ich mit meinem Sohn leben könnte.


Hasti *1993 in der Provinz Bamiyan, Mutter eines Sohnes, lebt in Kabul, derzeit arbeitslos

 

„Wir haben so hart für unsere Rechte gekämpft, und jetzt sitzen wir nur noch zu Hause herum“

Von 2006 bis Februar 2022 habe ich für eine Bank gearbeitet und mich bei einer NGO für die Rechte von Frauen und Mädchen engagiert. Letzteres hat die Taliban derart provoziert, dass ich bedroht und verfolgt wurde. Ich musste meinen Job aufgeben und lebe heute in ständiger Angst, auch wegen meiner 13 und 14 Jahre alten Töchter. Sie waren seit Monaten nicht mehr in der Schule. Die Taliban interessieren sich ausschließlich für das islamische Theologiestudium. Für sie sind wir Frauen bedeutungslos; Kinder gebären und Hausarbeit erledigen, zu mehr taugen wir ihrer Meinung nach nicht.

Meine tägliche Routine besteht darin, historische Romane zu lesen, etwas Zeit auf Social Media zu verbringen und die Hausarbeit zu erledigen. Im Fernsehen laufen so gut wie keine Filme mehr, Kinder-Cartoons dürfen keine Menschen mehr darstellen, nur noch Tiere. Auch Facebook, Instagram oder WhatsApp sind nicht mehr sicher, weshalb wir mittlerweile routinemäßig unsere Telefonnummern wechseln. Wir haben so hart für unsere Rechte gekämpft, und jetzt sitzen wir einfach nur noch zu Hause herum.


Liza *1978 in der Provinz Kapisa, Studium der Sprache und Literatur, verheiratet, Mutter von zwei Töchtern



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