Endlich nicht mehr staatenlos

von Mohammad El-Hassan

Angst vor Frauen (Ausgabe IV/2022)


Über das Leben in Deutschland habe ich früher gar nicht nachgedacht. Stattdessen war meine ganze Energie auf ein einziges Ziel gerichtet: Wie schaffe ich es, dort anzukommen? Als staatenloser Flüchtling aus Palästina wusste ich im Libanon früh, dass ich auswandern musste.

Meine Kindheit und Jugend waren vom Krieg geprägt. Tyros, eine Küstenstadt am Mittelmeer, in der meine Familie seit der Staatsgründung Israels 1948 im Exil lebt, war regelmäßig Schauplatz militärischer Konflikte. Der Bürgerkrieg dauerte von 1975 bis 1990, dazu kamen der Libanonkrieg im Jahr 1982 und die Luftangriffe Israels im Jahr 1996: Gefühlt gab es ständig Krieg.

Ich erinnere mich noch sehr gut an das dumpfe Geräusch der Bomben, bevor sie explodierten. An einem Tag, ich war acht Jahre alt, wurden die großen Wasserkanister, die im Dachgeschoss unseres Mietshauses standen, zerschossen. Einen Tag lang konnten wir nichts trinken.

Als ich älter wurde, begriff ich schnell, dass es für mich im Libanon keine Zukunft gab. Palästinensische Geflüchtete werden dort diskriminiert, selbst wenn sie im Libanon geboren sind. Man verweigert uns die Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht und viele Berufe bleiben uns verwehrt. Auch für meine Eltern – mein Vater war Gärtner, meine Mutter Hebamme – war es sehr schwierig, Arbeit zu finden. Als Zwanzigjähriger hatte ich nur einen saisonalen Job: Ich baute und reparierte Klimaanlagen.

Eine Zeit lang liebäugelte ich mit der Idee, nach Sambia zu gehen. Meiner Mutter wollte mich aber nicht gehen lassen. Nicht zuletzt, weil meine beiden älteren Schwestern früh gestorben waren. Die erste, 1977 geboren, starb an Krebs, die zweite, die nur ein Jahr älter war als ich, wurde von einem Auto überfahren. Ich änderte meine Pläne und entschied mich, nach Deutschland zu gehen. In Berlin wohnte damals bereits mein älterer Bruder.

„Am nächsten Tag in der Früh brachten mich die Polizisten dann in ein Heim.“

Ich ging zu einem „simsar“, einem Mann, den Deutsche als „Schlepper“ und wir als einen „Vermittler“ bezeichnen. Er besorgte mir für umgerechnet 5.000 Euro ein Visum für Russland. Dorthin flog ich im März 2003. Von da nahm ich dann einen Flug nach Tschechien. Nachdem ich eine Woche in Prag im Gefängnis gesessen hatte, weil ich kein Visum besaß, versteckte ich mich zusammen mit dreißig anderen Leuten in einem LKW, um nach Deutschland zu kommen. Wir waren 24 Stunden lang unterwegs, ohne zu essen.

Unweit von Frankfurt am Main bin ich aus dem Lastwagen ausgestiegen und an der Autobahn entlang durch den Wald gelaufenIrgendwann hat mich die Polizei aufgegriffen. Am nächsten Tag in der Früh brachten mich die Polizisten dann in ein Heim. Diesen Morgen habe ich noch sehr gut in Erinnerung: Ich war völlig erschöpft und unrasiert, es war sehr kalt und ich versuchte mir eine Telefonkarte zu besorgen, um meinen Bruder anzurufen. Ich lief schlaftrunken hin und her, die Menschen warfen mir böse Blicke zu. Mein Bruder hat mich dann mit dem Auto abgeholt und nach Berlin gebracht.

Die erste Zeit in der Hauptstadt war wegen vieler bürokratischer Probleme sehr schwierig. Für die ersten drei Jahre erhielt ich einen Duldungsstatus. Damit durfte ich weder arbeiten noch meinen Aufenthaltsort, also Berlin, verlassen. Nach hartnäckigem Suchen fand ich dann eine Einzimmerwohnung in Neukölln – für 350 Euro Warmmiete. Die 140 Euro, die ich vom Sozialamt bekam, reichten bei Weitem nicht aus, um meine Fixkosten zu decken. Ich war ständig von der Sorge geplagt, nicht genug Geld zu haben.

Als 22-Jähriger machte ich damals auch erstmals die Erfahrung, mich allein um den Haushalt kümmern zu müssen. Ich fühlte mich einsam, was dadurch verstärkt wurde, dass ich selten mit meiner Familie telefonieren konnte, höchstens ein paar Minuten die Woche.

Nach mehreren erfolglosen Anträgen auf eine Arbeitsgenehmigung hat mir die Ausländerbehörde im August 2006 die lang ersehnte Erlaubnis bewilligt. Viele Flüchtlinge, vor allem die aus Syrien, nennen Angela Merkel heute „Mama Merkel“, aber als ich nach Deutschland kam, war die Politik noch eine ganz andere. Bei meinem ersten Job verteilte ich Reklame auf der Straße. In derselben Zeit habe ich eine Palästinenserin, die in Deutschland geboren ist, geheiratet. 2007 kam unser erster Sohn zur Welt. Inzwischen haben wir fünf Kinder.

2009 bot mir ein Freund, der in dem orientalischen Imbiss Habba Habba im Berliner Prenzlauer Berg arbeitete, dann an, dort mit einzusteigen. Also begann ich dort zu arbeiten. Seit 2017 habe ich die deutsche Staatsangehörigkeit und konnte bereits zweimal wählen. Es war ein sehr schönes Gefühl, endlich nicht mehr staatenlos zu sein und am politischen Leben des Landes, in dem ich lebe, teilnehmen zu dürfen. In meinem Herzen bleibe ich natürlich zuerst Palästinenser, das ist meine Heimat. Mein Traum ist es jedoch, meine Eltern nach Deutschland zu holen, auch wenn ich das im Rahmen des Familiennachzuges leider nicht darf. Dennoch hoffe ich noch immer, dass das eines Tages möglich sein wird.

Protokolliert von Cécile Calla



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