„Die verschwundenen Frauen“

von Jenny Friedrich-Freksa

Angst vor Frauen (Ausgabe IV/2022)

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Shukufa: „Frauen auf der ganzen Welt sollten das Recht haben, frei zu sein“ Foto: Sayed Aman Sadat


Angst vor Frauen: Das Cover dieser Ausgabe zeigt das Restbild einer Frau an der Fassade eines Beautysalons in Kabul. Nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 riss der Ladenbesitzer das Bild ab. Denn Darstellungen von Frauen wurden verboten. Seither sind nicht nur die Bilder von Frauen aus dem öffentlichen Leben verschwunden, sondern auch die Frauen selbst.

Fast unsichtbar unter Ganzkörperschleiern betreten sie die Straßen – wenn sie sie mit einem triftigen Grund überhaupt betreten. Viele Frauen üben nun ihre Berufe nicht mehr aus, Mädchen dürfen nur noch bis zur 6. Klasse zur Schule gehen. Es ist ein Geschlechterkrieg, der in Afghanistan tobt: Im Namen von Tradition, Religion und Nation versucht ein Männerbund, alles Weibliche in der Gesellschaft zu tilgen, von der Schönheit, die ein Kosmetiksalon verspricht, über Schulunterricht bis hin zur Teilhabe an politischen Ämtern.

Die einflussreiche Mitbegründerin der NGO „Afghan’s Women Network“, Mahbouba Seraj, hat immer wieder direkt mit den Taliban gesprochen, sie sagt ihnen: „Ihr könnt nicht 19 Millionen Frauen verschwinden lassen.“

Wir haben für diese Ausgabe einige der 19 Millionen gebeten, uns zu erzählen, wie es ihnen geht, wie sie auf ihr Land und ihr Leben schauen, ob sie noch Träume haben. Viele von ihnen wollten sich nur anonym oder unter einem Pseudonym äußern. Die jüngeren unter ihnen haben in den letzten zwanzig Jahren – während derer Länder wie die USA, Deutschland, Italien oder Japan die afghanischen Sicherheitskräfte unterstützt haben oder mit finanzieller Hilfe im Land tätig waren – Schulen besucht, studiert, einen Beruf erlernt.

„Manchmal war es überraschend zu sehen, was noch alles geht trotz massiver Repressionen.“

Auf drastische Weise werden sie jetzt ihrer Zukunft beraubt. Und nach dem desaströsen Abzug der internationalen Truppen verschwinden sie nicht nur aus Afghanistans Öffentlichkeit, sondern weitgehend auch aus der in westlichen Ländern.
Wenn nicht gerade Jahrestag der Taliban-Machtübernahme ist und alle Medien berichten, schaffen es diese Frauen angesichts von Ukraine-Krieg, Energieversorgungsnotlagen, Dürre und Überschwemmungen kaum in unsere reizüberfluteten Köpfe.

Deshalb liegt mir und unserer ganzen Redaktion diese Ausgabe sehr am Herzen. Wir waren berührt von den Geschichten, die wir von den Frauen aus Afghanistan gehört haben, wir sind beeindruckt von ihrem Mut trotz ihrer deprimierenden Lage. Wir schauen mit ihnen auf das Leben in Kabul oder in den Provinzen Lugar, Khost und Kapisa. Manchmal war es überraschend zu sehen, was noch alles geht trotz massiver Repressionen.

Nicht überall herrscht eine „patriarchale Finsternis“, wie die Professorin für Women’s Studies an der San Diego State University, Huma Ahmed-Ghosh, die Zeit der Unterdrückung beschreibt. Und wir erfuhren auch, wie viele Männer ebenso unter der Taliban-Regierung und ihrer Lebensfeindlichkeit leiden. Doch in diesem Heft bekommen den Platz: die verschwundenen Frauen.



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