„Die Sprache versagt im Angesicht der Gewalt“

von Adania Shibli

Geht uns das Wasser aus? (Ausgabe III/2022)

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Die Autorin Adania Shibli. Foto: Hartwig Klappert


Frau Shibli, Ihr Buch „Eine Nebensache“ beginnt mit der Vergewaltigung und Ermordung einer jungen Beduinin durch israelische Soldaten im Jahr 1949. Was hat Sie dazu bewogen, diesen Fall als Ausgangspunkt Ihres Romans zu wählen?

Ich würde nicht sagen, dass ich über diesen Fall geschrieben habe. Er kommt in meinem Roman vor. Auch ein Stuhl spielt eine Rolle im Buch, ohne dass ich beschlossen hätte, über einen realen Stuhl zu schreiben. Für mich ging es um eine ganz andere Frage: In meinen ersten beiden Romanen blieben meine Figuren meist an einem Ort. Bei diesem Roman wollte ich das ändern. Darum sind die Figuren in „Eine Nebensache“ überall unterwegs. Ich wollte sehen, was durch diese Bewegung in der literarischen Form des Romans geschieht.

Ihre Protagonistin im zweiten Teil des Buches bewegt sich tatsächlich sehr viel: Es handelt sich um eine junge Palästinenserin aus Ramallah, die illegal in die israelischen Gebiete reist, um Jahrzehnte nach dem Verbrechen mehr über die ermordete Beduinin zu erfahren. Dabei passiert sie zahlreiche Checkpoints und Grenzlinien. Was interessiert Sie speziell daran?

Grenzen sind Begrenzungen, sie schaffen einen definierenden Rahmen. Wir begegnen Grenzen, wenn wir uns bewegen, aber natürlich auch innerlichen, psychologischen Grenzen und begrenzten Beziehungen. Mich interessiert, was durch die Bewegung und die Grenzüberschreitungen in Bezug auf Sprache zutage gefördert wird. In den israelischen Gebieten gab es zum Beispiel zahlreiche palästinensische Dörfer, die 1948 zerstört wurden, aber auf eine Art teilweise noch immer existieren. Insgesamt handelt es sich um 435 Dörfer, aber sie sind in keiner offiziellen Karte verzeichnet, auf keinem Straßenschild vermerkt. Die Landschaft spricht eine unsichtbare Sprache. Als Palästinenserin kenne ich die Namen der Dörfer. Und ich wurde schon früh mit sprachlichen Auslöschungen konfrontiert.

Können Sie ein Beispiel für solche Auslöschungen nennen?

Als Kind weiß man noch nicht, dass man palästinensisch ist. Darum weiß man auch nicht, wer man ist. Denn als Israeli definiert zu werden, wenn man palästinensischer Herkunft ist, ist keine Selbstbeschreibung. Diese Definition folgt einer kolonialen Struktur der sprachlichen Auslöschung – genau wie die Dörfer aus den Landkarten getilgt wurden. Das Wort „Palästina“ werden Sie in keinem israelischen Atlas finden. Als Kind weiß man dennoch vage, dass es dieses Wort gibt und dass damit eine Gefahr verbunden ist. Das sind schmerzhafte Erfahrungen.

In Ihrem Buch bedienen Sie sich einer sehr präzisen Sprache, auch beim Beschreiben extremer Gewalt. Wie schreibt man über Gräueltaten?

Über Gewalt oder Schmerzerfahrungen kann man nicht schrei­ben. Beim Schrei­ben versucht man vielleicht, den Schmerz in der Sprache zu erforschen, aber das hat nichts mit der Realität zu tun. Wir können uns zwar an die Situation erinnern, in der wir Schmerz empfunden haben, aber wir können ihm nicht mit Worten gerecht werden. Erlebter Schmerz wirkt sich natürlich auf die Sprache aus – es ist ein Schreiben aus dem Schmerz heraus. Doch durch Literatur Schmerz oder Gewalt nachzuahmen, ist unmöglich. Eine solche Verantwortung kann nicht auf die Sprache abgewälzt werden.

Dennoch spielen Gewalttaten in Ihrem Roman eine zentrale Rolle ...

Ich würde sagen, mein Buch handelt von der Unfähigkeit, über Gewalt zu schreiben. Denn die Sprache versagt im Angesicht der Gewalt.

Das Interview führte Gundula Haage



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