Schwarzer Messias

von Ahmed Soura

Geht uns das Wasser aus? (Ausgabe III/2022)

  • Szene aus der „Messias“-Performance mit dem Deutschen Symphonie-Orchester 2018 in Berlin. Foto: Kai Bienert

  • Soura (rechts) mit seiner Mutter und kleinem Bruder. Foto: Privat.

  • Durch alte VHS-Filme lernte Soura seine ersten Mini-Choreografien auswendig. Foto: Privat

  • Soura während eines Auftritts im Musée National du Burkina Faso im Jahr 2004. Foto: Privat

  • Auf diesem Grundstück sollen Souras Kulturzentrum und eine Schule entstehen. Foto: Privat


Ich saß nachts am Krankenbett meines Vaters, während draußen monsunartige Regenschauer niedergingen. Plötzlich öffnete er seine Augen und sagte: „Tanz, Ahmed, und du wirst glücklich sein.“ Am nächsten Morgen war mein Vater tot. Es waren seine letzten Worte. Ich konnte es nicht fassen. Ich war 18 Jahre alt und ganz allein auf der Welt.

Ich habe meine frühe Kindheit im Westen von Burkina Faso nahe der Stadt Banfora verbracht. Wir wohnten in einem kleinen Haus, umgeben von endlosen Zuckerrohrplantagen. Dieses Leben endete, als mich mein Onkel zu sich in die Hauptstadt Ouagadougou holte. An den Wochenenden traf er oft Freunde und ließ mich allein. Irgendwann entdeckte ich einen Fernseher mit einem VHS-Rekorder. In einem der Videofilme gab es eine kurze Breakdance-Szene. Ich war total angefixt davon. Danach sog ich alles auf, was ich finden konnte: James Brown, den Moonwalk von Michael Jackson oder MC Hammer. Einmal sollten wir während der Geburtstagsparty eines Freundes eine kleine Show aufführen. Ich ging auf die Bühne, und dann passierte etwas Unbeschreibliches: Ich tanzte! Die Leute rasteten aus. Meinem Onkel gefiel das gar nicht. Er befürchtete, dass ich die Schule für einen Traum abbrechen würde.

Einen Sommer darauf fuhr ich in den Ferien nach Hause. Ich freute mich, denn mein Vater liebte es, wenn ich tanzte. Ich kam ins Haus und rief nach meiner Mutter, aber sie antwortete nicht. Also rief ich nach meinem kleinen Bruder. Doch nichts, niemand war da. Dann erfuhr ich: Beide waren schon Monate vorher unabhängig voneinander gestorben. Man wollte mich schützen, aber dieses Erlebnis war traumatisch. Ich blieb in Banfora. Als ich mit 14 Jahren einen lokalen Tanzwettbewerb gewann, spürte ich wieder so etwas wie Freude. Doch als mein Vater dann in dieser verregneten Nacht von mir ging, war es endgültig so, als würde die Seele meinen Körper verlassen. Während der Trauerfeier verzog ich mich in mein Zimmer. Doch dann hörte ich draußen auf der Straße Musik. Ich weiß bis heute nicht, woher sie kam. Und dann war da wieder die Stimme meines Vaters: „Wenn du frei sein willst, dann musst du deinen Träumen folgen.“

„Hunderte waren gekommen, aber Christoph suchte nur einen einzigen Tänzer“

Ich suchte mir einen Job und begann, in Ouagadougou Tanz zu studieren. Danach ging ich 2006 nach Montpellier, erhielt ein Stipendium für ein Choreografie-Programm und tourte durch Europa. Als ich ein neues Visum brauchte, sagte mir die Frau in der Botschaft, dass das nicht möglich sei. Dabei hatte ich schon bezahlt. Ich wurde wütend und sagte, dass ich nicht wiederkommen würde. Sie antwortete nur: „Sehr gut, ein Schwarzer weniger.“ Dieser blanke Rassismus stieß mich ab.

Ich reiste zurück nach Burkina Faso und stürzte mich ins Training – arbeitete härter als jemals zuvor, rannte, bis ich das Blut an meinen Füßen spürte, warf meine Beine so hoch, dass ich mir selbst den Kiefer brach. In dieser Zeit lud Christoph Schlingensief zum Casting für seinen Film „Via Intolleranza II“ ein. Hunderte waren gekommen, aber Christoph suchte nur einen einzigen Tänzer. Er ließ wahnsinnig laute Rockmusik spielen, total irres Zeug. Ich stand in der Mitte der Bühne, umgeben von Menschen, die sich alle bewegten. Nur ich stand einfach da, spürte die Traurigkeit, die Dunkelheit, die Wut! Als Christoph das sah, schlug er wie wild auf den Tisch und rief: „Genau so jemanden wie dich habe ich gesucht!“

Von Schlingensief lernte ich, dass ein Künstler das Innerste seiner Seele teilen muss: Liebe, Wut, Euphorie. 2011 gewann ich mit meiner Choreografie den dritten Platz beim Internationalen Solo-Tanz-Theater-Festival in Stuttgart. Der Höhepunkt aber war meine Zusammenarbeit mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin an Weihnachten 2018: eine Solo-Performance zu Händels „Messias“. Ich wollte den Zuschauern beweisen: Schwarze können Superhelden sein. Und mehr noch: Wenn wir auf der Bühne Verzweiflung, Hunger oder Wut darstellen, dann müssen wir uns dafür nicht verstellen. Wir wissen, was es bedeutet, vom Krieg bedroht und verfolgt zu sein. So wie Jesus.

Afrika leidet bis heute unter dem Kolonialismus, oft sind wir Bittsteller im eigenen Land. Die Menschen rufen: „Free Ukraine!“ Doch wir kämpfen seit Jahrhunderten für unsere Freiheit. Für die Zukunft plane ich ein Kulturzentrum in meiner Heimatstadt. Wir wollen das Gebäude aus eigenen Mitteln finanzieren. Es soll dort ein Kino, eine Bühne für den Tanz und eine Schule geben, in der Kinder umsonst lernen können. Denn nur so können wir wirklich frei sein: durch Bildung. Das ist mein Traum.

Protokolliert von Ruben Donsbach



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