Zu wem hält Afrika?

von Eromo Egbejule

Geht uns das Wasser aus? (Ausgabe III/2022)

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Nach einer prorussischen Kundgebung in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, im März 2022. Foto: Danielle Paquette / The Washington Post / Getty Images


Als Tsepo Dlamini am Stadtrand von Johannesburg aufwuchs, erzählte sein Onkel ihm vom Freiheitskampf gegen die südafrikanische Apartheid-Regierung, an dem er aktiv beteiligt gewesen war.

So erfuhr der junge Tsepo, dass die Sowjetunion den African National Congress (ANC) in seinem Kampf gegen das Regime der weißen Minderheit mit Geld und Waffen unterstützt hatte. Als der inzwischen 27-jährige Bauingenieur am 24. Februar hörte, dass Russland in die Ukraine einmarschiert, war seine erste Reaktion Zustimmung.

„Sie haben uns damals in der Not so viel gegeben, dass ich es nur gerecht fand, auf Putins Seite zu stehen bei dieser aus meiner Sicht nationalistischen Operation Russlands“, erklärt Tsepo. „Doch nach und nach wurde mir klar, dass in der jetzigen Situation die Ukraine – wie damals der ANC – der David ist und Russland der Goliath.“

„Putin ist für mich kein Messias, aber er ist mir lieber als sämtliche Staats- und Regierungschefs der westlichen Länder und die ganzen verdammten afrikanischen Präsidenten, die unter der Fuchtel der westlichen Oligarchie stehen“, meint der französisch-beninische Schriftsteller und Geopolitikanalyst Kémi Séba.

Wie Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner aus allen Gesellschaftsschichten solidarisieren sich Tsepo Dlamini und Kémi Séba trotz des andauernden Krieges mit Russland angesichts der Welle von Sanktionen, die dem Land zusetzen. Die Ursachen dafür liegen nicht nur in den Taten Russlands, sondern auch in den Unterlassungen des Westens.

„Die Hinwendung zu Russland galt als Nein zum Imperialismus des Westens”

1994 endete in Südafrika die staatlich verordnete Rassentrennung, offiziell als Apartheid bekannt, und es brach eine Ära der Freiheit an. Zuvor waren in den Jahrzehnten des Kampfes Menschen wie Nelson Mandela, Chris Hani und Oliver Tambo von Handlangern des Staates schikaniert und verfolgt worden, und der ANC hatte seinen militärischen Flügel „Umkonto we Sizwe“ gegründet, der Stützpunkte im Ausland unterhielt:  in Teilen von Angola, Mosambik und anderen Ländern im südlichen Afrika.

Die massivste Unterstützung von außerhalb des Kontinents erhielten die Befreiungsbewegungen und einige neue Regierungen in ganz Afrika wie auch in Kuba aus der Sowjetunion, die ihnen mit Waffen und Geld unter die Arme griff.

Das Engagement der USA und anderer mächtiger Staaten des Westens richtete sich dagegen vor allem darauf, den Status quo aufrechtzuerhalten oder an die Macht gelangte Unabhängigkeitskämpfer wieder zu entmachten. Ebenso wie in Teilen des Nahen Ostens und Lateinamerikas war die CIA auch in Afrika beim Sturz und mitunter auch bei der Tötung von Staats- und Regierungschefs behilflich.

Seither gilt die Hinwendung zu Russland als Nein zum Imperialismus des Westens. Dabei spielte auch eine Rolle, dass Moskau einigen ehemaligen Freiheitskämpfern zur Seite stand, etwa Yoweri Museveni in Uganda.

Etwa zeitgleich mit dem Ende der Apartheid brach die Sowjetunion zusammen. Das empfanden Millionen von Menschen, die sich im Kommunismus gefangen fühlten, als Befreiung.Drei Jahrzehnte später hat Südafrika seine Stellung als freies Land weiter gefestigt und ist dabei, die Barrieren der Rassentrennung – wenn auch langsam – weiter einzureißen. Im Gegensatz dazu versucht Moskau unter der Führung von Wladimir Putin, der den Kollaps der Sowjetunion als eine Tragödie und die Ukraine nach wie vor als Teil der untergegangenen UdSSR betrachtet, alles wieder rückgängig zu machen, was die Ukraine sich in den letzten drei Jahrzehnten erkämpft hat.

Als Reaktion auf die russische Invasion in die Ukraine wurde die Generalversammlung der Vereinten Nationen einberufen. Als Anfang April eine Resolution verabschiedet wurde, mit der Russlands Mitgliedschaft im Menschenrechtsrat ausgesetzt wurde, gab es 93 Ja-Stimmen, 24 Nein-Stimmen und 58 Enthaltungen. Von den afrikanischen Ländern stimmten nur elf für die Resolution; alle anderen enthielten sich oder votierten dagegen. Die Schwergewichte des Kontinents wie Nigeria, Kenia, Südafrika und Ägypten zählten nicht zu den besagten elf Ländern.

Daraufhin hagelte es Kritik seitens vieler westlicher Vertreterinnen und Vertreter, die damit zu erkennen gaben, dass sie den Kontext und die Feinheiten der Beziehungen zwischen Russland und Teilen Afrikas entweder ignorieren oder gar nicht kennen: dass Moskau während des Kalten Krieges afrikanische Befreiungsbewegungen unterstützte und gerne mit den in der Folge gegründeten Staaten zusammenarbeitete – und auch heute noch der größte Waffenlieferant des Kontinents ist.

„Da am Horn von Afrika derzeit die schlimmste Dürre seit vierzig Jahren herrscht, könnte die Lage sich noch weiter verschlechtern“

In der Zentralafrikanischen Republik, Mali und zunehmend auch in Libyen und anderswo müssen die Menschen mit Regierungen fertig werden, die seit Jahren außerstande sind, Aufstände von Dschihadisten, Rebellen und anderen bewaffneten Gruppierungen zu beenden. Sie nehmen die Russen vielfach als willkommene Retter wahr. In Mali zum Beispiel wurden die französischen Truppen 2013 begrüßt, doch als Paris Anfang 2022 den Rückzug ankündigte, obwohl sich die Sicherheitslage in dem westafrikanischen Staat flächendeckend verschlechtert hat, wandte sich die Regierung Hilfe suchend an Russland.

Für die Allgemeinbevölkerung in Afrika machen die Sanktionen sich bei Waren des täglichen Bedarfs wie Kraftstoffen und Brot bemerkbar. Die inzwischen zum Konfliktgebiet gewordene Schwarzmeerregion spielt bekanntlich eine entscheidende Rolle für die Weizenexporte nach Afrika. Laut Afrikanischer Entwicklungsbank (AfDB) entfallen die Hälfte des Handels der Ukraine mit Afrika und neunzig Prozent des russischen Handels mit dem Kontinent auf ein einziges Importgut: Weizen. „Ostafrika bezieht ein Drittel seines Getreides aus diesen beiden Ländern“, teilte kürzlich AfDB-Präsident Akinwumi Adesina mit.

Da am Horn von Afrika derzeit die schlimmste Dürre seit vierzig Jahren herrscht, könnte die Lage sich noch weiter verschlechtern. Auch in Simbabwe, wo wegen der Hyperinflation die Grundnahrungsmittel knapp werden und Benzin für Normalbürger unbezahlbar geworden ist, werden die Zukunftsperspektiven durch die Russland-Ukraine-Krise verdüstert. Das macht manche Afrikaner allerdings nicht zu Gegnern Putins, sondern sie würden es gerne sehen, wenn die vielen gegen Russland verhängten Sanktionen aufgehoben würden und der Krieg durch erfolgreiche Verhandlungen beendet werden würde, und erhoffen sich davon einen positiven Dominoeffekt.

„Wenn der Westen diese Sanktionen aufhebt, kann Russland wieder Weizen exportieren, und die Preise für Lebensmittel würden wieder zurückgehen“, sagt Dlamini. „Wir dürfen das Kind nicht mit dem Bad ausschütten. Es hängt eben alles mit allem zusammen.“

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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