Ich bin der Fluss

von Vanessa Ellingham

Geht uns das Wasser aus? (Ausgabe III/2022)


Im April 2020 wurden wegen der Pandemie Tausende von Urlaubern mit Rückführungsflügen aus Neuseeland nach Frankfurt gebracht. Als eine der letzten Maschinen wieder in Richtung des südpazifischen Inselstaats startete, saßen fünf deutsche Ingenieure mit Spezialequipment und einem schwierigen Auftrag an Bord: Sie sollten in Wellington eine zentrale Wasserleitung reparieren, die geplatzt war. Mithilfe einer Polyesterauskleidung, die auf 1,8 Kilometern Rohrlänge zum Einsatz kam, gelang es schließlich.

Leider sind solche punktuellen Maßnahmen ungeeignet, die landesweiten Probleme mit der Wasserinfrastruktur zu lösen. Wegen eines Leitungssystems, das zum Teil noch aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise stammt, kommt es häufig zu Rohrbrüchen und in der Folge zu monatelangen Straßensperrungen. Oft tritt auch ungeklärtes Abwasser aus, fließt ins Meer, sodass Fische sterben und Badeverbote erlassen werden.

Im Jahr 2020 meldete Wellington Water, das die Wasserinfrastruktur der Region managt, dass die Anzahl der Abwasserlecks zwanzigmal höher sei als die tragbare, als zulässig erachtete Menge von hundert. Schon seit Jahren haben derartige Probleme fatale Konsequenzen in ganz Neuseeland: Im August 2016 infizierten sich etwa 5.000 der 13.000 Einwohner von Havelock North, einem Vorort der Stadt Hastings im Osten der Nordinsel, mit dem Erreger Campylobacter, nachdem infolge schwerer Regenfälle vermutlich Abwässer einer Schaffarm in das Trinkwassersystem des Ortes gelangt waren. Vier Menschen starben an den Folgen der Infektion. Jedes Jahr erkranken um die 34.000 Neuseeländer durch verunreinigtes Trinkwasser. In manchen Landesteilen werden die Bewohner in kurzen Abständen dazu aufgefordert, ihr Wasser abzukochen.

„Das aufgestaute Abwasser in den Kläranlagen kann nicht gereinigt werden und fließt unbehandelt in die Bucht.“

Dieser Missstand passt so gar nicht zu Neuseelands Image eines sauberen, grünen Paradieses. Ein Traum, der zumindest für seine Einwohner angesichts der Realität zusehends verblasst. Jahrzehntelange intensive Landwirtschaft und ein Mangel an Investitionen in die Infrastruktur haben zur Verschmutzung der Wasserwege geführt und Neuseeland in eine verzweifelte Lage gebracht. Doch nun will die Regierung mit einem umfassenden Modernisierungsprojekt Abhilfe schaffen: dem Three Waters Reform Programme. Mit ihm werden die drei Hauptbereiche Trinkwasser-, Regenwasser- und Abwassersysteme im ganzen Land neu organisiert. Derzeit sind Städte und Gemeinden dafür zuständig, aber für die Zukunft ist eine zentrale Verwaltung geplant. Kosten wird das Projekt über die nächsten dreißig Jahre zwischen 72 und 112 Milliarden Euro.

Durch die Zentralisierung ist nicht nur die Finanzierung gesichert, sie ermöglicht auch eine bessere Regulierung und Abstimmung der Wassersysteme, erklärt Lokesh Padhye vom Fachbereich für Bau- und Umweltingenieurwesen der Universität Auckland. Die derzeitige Situation mit drei getrennt voneinander verwalteten Systemen ist Teil des Problems. „Wenn es beispielsweise viel regnet“, sagt Padhye, „werden die Abwasserkanäle überflutet, vor allem im Geschäftsviertel im Zentrum von Auckland. Das aufgestaute Abwasser in den Kläranlagen kann nicht gereinigt werden und fließt unbehandelt in die Bucht. Dann tauchen an den Stränden all die Schilder auf mit dem Warnhinweis, dass das Wasser nicht zum Schwimmen geeignet ist.“ Das sorgt für Unmut in der Bevölkerung.

Doch es gibt noch andere Gründe dafür, dass Fragen der Wasserinfrastruktur in Neuseeland seit einiger Zeit die Gemüter erhitzen. Zum Streitthema wurde die Three Waters Reform selbst, weil sie an tiefer gehende Fragen rührt, an politische Konflikte und historische Wunden, die die neuseeländische Gesellschaft seit zwei Jahrhunderten belasten.

Im Jahr 1840 unterzeichneten Stammesführer der Māori und Vertreter der britischen Krone den Vertrag von Waitangi, der sowohl die Oberhoheit des Vereinigten Königreichs als auch die „rangatiratanga“, die Souveränität der Māori, festschrieb. Idealerweise hätte es eine Partnerschaft sein sollen, doch schon bald zeigte sich, dass die Kolonialisten ihre Macht ausnutzten, die Māori benachteiligten und sie zum Beispiel um ihr Land betrogen. Seit den 1970er-Jahren bemühen sich britische und neuseeländische Regierungen, entsprechende Missstände zu beheben.

„Die Gemeinderäte werden verpflichtet, die lokalen Māori aktiv an der Pflege ihrer Süßwasserquellen zu beteiligen.“

So steht auch das Three Waters Reform Programme für ein Verfahren, das Vertreterinnen und Vertreter der Māori, die 17 Prozent der Bevölkerung ausmachen, von Anfang an als gleichberechtigte Partner mit einbezieht. Die Entscheidungsträger der indigenen Bevölkerung hatten ein Mitspracherecht am Konzept des Wasserprogramms, das die Zusammenarbeit von Māori-Vertretungen und lokalen Behörden vorsieht, aber auch eine Mitwirkung in den neugegründeten zentral koordinierten Wasserwirtschaftsämtern.

Das Stammesgebiet der Ngāi Tahu ist das größte Neuseelands und umfasst weite Teile der Südinsel mit ihren atemberaubenden Postkartenlandschaften. Gabrielle Huria, die Geschäftsführerin von Te Kura Taka Pini, der Organisation, die sich um Belange der Süßwasserwirtschaft kümmert, nennt die Reform ein gutes Beispiel für eine frühzeitige vertragliche Einbeziehung der Māori durch die Regierung. Doch genau diese Einbindung missfällt einigen Neuseeländern. Manche meinen, die Māori würden zu viel Einfluss bekommen. Sie schenken Fake-News-Kampagnen Glauben, die ein überzogenes Bild von der vermeintlichen Machtposition der Minderheitenvertretungen zeichnen. Und die oppositionelle National Party versucht, das Three Waters Reform Programme zu unterminieren und schürt rassistische Ressentiments, um Wähler zu gewinnen.

Besonders zynisch wirkt die Taktik vor dem Hintergrund, dass die beiden großen Parteien sich schon vor Jahren verpflichtet haben, mit den Māori zusammenzuarbeiten. Im Jahr 2014, als die National Party den Premierminister stellte, enthielt ihre wasserpolitische Grundsatzerklärung auch eine von den Māori eingebrachte Klausel: das Prinzip des Te Mana o Te Wai. Es besagt, dass die Gesunderhaltung der Süßwasserquellen von Seen und Flüssen Vorrang vor den Interessen Einzelner hat. Dieses Konzept will die derzeitige Labourgeführte Regierung im Rahmen des Three Waters Reform Programme umsetzen. Die Gemeinderäte werden verpflichtet, die lokalen Māori aktiv an der Pflege ihrer Süßwasserquellen zu beteiligen. Sie sollen deren Wissenssysteme in die Bewirtschaftung einbeziehen und Ökologie in ihrem traditionellen Verständnis priorisieren.

„Indigene Völker auf der ganzen Welt haben über Jahrtausende in einer intimen Vertrautheit mit ihrer Umwelt gelebt, und die Māori sind da keine Ausnahme.“

Für die indigene Bevölkerung Neuseelands ist die Umwelt untrennbar mit ihrer Identität verbunden. Wenn sich Māori jemandem vorstellen, zählen sie zunächst die Elemente ihrer Umgebung auf, denen sie und ihre Vorfahren ihr Leben verdanken. Die meisten beginnen mit dem Namen ihres Hausbergs, gefolgt von dem Fluss, See oder Ozean, der für ihr Volk von Bedeutung ist. Danach nennen sie ihren Stamm, ihre Vorfahren, ihre Eltern und erst zum Schluss sich selbst.
Die Menschen, die am Whanganui leben, einem Fluss, der einem aktiven Vulkan im Zentrum der Nordinsel entspringt und mythische Bedeutung für die Māori hat, sagen: „Ich bin der Fluss, und der Fluss ist ich.“ Im Jahr 2017 wurden dem Fluss sogar die Rechte einer natürlichen Person verliehen. So wurden die Bräuche der Māori in einem modernen Rechtssystem verankert.

Bei vielen der Probleme, die manche Neuseeländer mit der Three Waters Reform haben, geht es um die Vereinbarkeit ursprünglich europäischer Rechtsauffassungen mit solchen der Ureinwohner. Der erwähnte Vertrag von Waitangi beispielsweise garantiert der indigenen Bevölkerung nicht nur ihre Souveränität, sondern auch „kaitiakitanga“ – was bedeutet, Hüter statt Eigentümer ihres Landes und seiner natürlichen Lebensräume zu sein. Während Grundbesitzer ihr Recht wahrnehmen möchten, maximalen Nutzen aus ihrem Boden zu ziehen, wollen die Māori für das Land sorgen und seine Unversehrtheit bis weit in die Zukunft sichern.

Indigene Völker auf der ganzen Welt haben über Jahrtausende in einer intimen Vertrautheit mit ihrer Umwelt gelebt, und die Māori sind da keine Ausnahme. Aus diesem Grund freuen sich viele so darüber, dass man bei der Three Waters Reform (wenn auch reichlich spät) versucht, Konzepte für eine respektvolle Koexistenz mit der Natur einzubeziehen. Vielleicht sollten sich die heutigen Bewohner von Wellington, die mit geplatzten Rohren und verschmutztem Wasser zu kämpfen haben, an Werte und Elemente der Māori-Kultur erinnern. In vorkolonialen Zeiten hatten sie eigene, funktionsfähige Methoden der Wasserwirtschaft, wie Gabrielle Huria erklärt: „Sie haben den Wasserstand in wichtigen Seen wie Te Waihora reguliert, indem sie Gräben aushoben und Abflüsse schufen. So sorgten sie für die Gesundheit des Wassers und seiner Umgebung.“

Aus dem Englischen von Caroline Härdter



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