Die braune Pest

von Fanny Fontan

Geht uns das Wasser aus? (Ausgabe III/2022)

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Thierry Lebrun vor seinem Haus, auf dem von Sargassum-Algen verschmutzten Strand. Foto: Fanny Fontan


Von seiner Terrasse aus hat Thierry Lebrun einen wunderbaren Blick auf die Bucht von Cayol nördlich des Städtchens Le Robert an der Ostküste von Martinique. Zwischen seinem Haus und dem Strand liegt nur eine von Palmen eingerahmte Rasenfläche. Im April 2022 muss der Anästhesist, der am Universitätsklinikum der Insel (CHUM) arbeitet, trotz der tropischen Hitze auf das erfrischende Bad im Atlantik verzichten. „Früher bin ich jeden Tag nach Feierabend im Meer geschwommen“, erinnert sich Lebrun, der seit 1992 hier wohnt. Wenn er heute den paradiesischen Ort genießen will, muss er sich die Nase zuhalten. Überall hängt ein Geruch wie von faulen Eiern in der Luft. Was früher mal ein heller Sandstrand war, sieht jetzt aus wie eine Schlammfläche, auf die regelmäßig braunes Wasser schwappt.

Thierry Lebrun ist einer der vielen Bewohner von Le Robert, die unter der Sargassum-Alge leiden. Die Schwebealgen, auch Golftang oder Braunalgen genannt, wachsen in verzweigten Büscheln und haben eine raue und zugleich klebrige Oberfläche. Von Sargassum-Algen berichteten in Europa erstmals Seefahrer des 15. Jahrhunderts, und nach ihnen wurde sogar die Sargassosee im Atlantischen Ozean benannt. Dabei liegt dort gar nicht der Ursprung des Wasserwesens, das seit 2011 massenhaft an den Karibikküsten angeschwemmt wird.

Warum es sich so stark ausbreitet und ob der erhöhte Nährstoffgehalt aus Stickstoff und Nitraten aufgrund der intensiven Landwirtschaft im Amazonas eine Rolle spielt, wird zwar noch untersucht, aber Satellitenbilder deuten auf die Gewässer zwischen Brasilien und dem Golf von Guinea als Herkunftsort hin. Der Golftang bildet Algenteppiche, die mehrere Hundert Kilometer lang und mehrere Meter dick werden können. Solange sie auf der Wasseroberfläche schwimmen, sind sie harmlos und dienen sogar etlichen Meereslebewesen als Nahrung und Lebensraum. Doch sobald sie in Buchten und Mangrovensümpfen festhängen und sich an Stränden ansammeln, verwandeln sie sich in Giftschleudern. Sie schnüren Korallen und Fischen die Luft ab und sorgen dafür, dass Schildkröten ihre Eier nicht ablegen können. Damit werden sie zum Umweltproblem und zur Gefahr für die Gesundheit. „Denn kaum gestrandet, verrotten die Braunalgen und setzen giftige Gase frei, vor allem Ammoniak (NH3) und Schwefelwasserstoff (H2S). „Es fühlt sich an, als wäre die Nase verstopft. Der Gestank dringt sogar in die Kleidung ein“, berichtet Jocelyne, die bei ihrer 97-jährigen Mutter in Le Robert in Strandnähe wohnt. „Hier haben wir noch Glück, weil meistens ein Wind weht“, sagt sie und säubert mit dem Wischlappen die Terrasse. Nachdem sie ihren Eimer entleert hat, verstopft sie die Wasserabflussöffnungen mit einem Stück Stoff. „Damit der Gestank nicht durch die Leitungen hochkriecht“, erklärt sie.

„Die Sargassum-Algen haben wirtschaftliche Folgen für Privathaushalte und Gewerbetreibende – vor allem für die Fischer, aber auch für die Tourismusbranche.“

„An den Geruch gewöhnt man sich“, sagt Thierry Lebrun, der in der Region als Whistleblower für die gesundheitlichen Gefahren durch die Algen gilt. Er zählt seine Symptome auf: „Halsweh, juckende Augen, häufige Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen.“ Und Schwefelwasserstoff kann man schon in sehr geringen Mengen riechen; die Geruchsschwelle liegt bei 0,13 ppm (Parts per million). Ab 500 ppm aufwärts treten hauptsächlich neurologische Symptome auf (Bewusstseinsverlust bis hin zum Koma) sowie Atem-, Blutdruck- und Herzbeschwerden. Bislang wurde noch kein unmittelbar durch die Algen ausgelöster Todesfall gemeldet, was wohl daran liegt, dass sich die verfügbaren Daten auf kurze Zeiträume beziehen.

Um sich die gesundheitlichen Auswirkungen der angeschwemmten Braunalgen vorzustellen, muss man sich nur die Sachschäden ansehen, die durch die Ausdünstungen von Ammoniak und Schwefelwasserstoff entstehen: schwarz angelaufene Badezimmerdecken, -wände und -armaturen, elektrische Haushaltsgeräte, die oxidieren und beunruhigend oft ihren Geist aufgeben.

Die Sargassum-Algen haben wirtschaftliche Folgen für Privathaushalte und Gewerbetreibende – vor allem für die Fischer, aber auch für die Tourismusbranche. In den Zeiten mit hohem Algenaufkommen sind die Feriengäste, die von den Postkartenstränden Martiniques geträumt haben, mächtig enttäuscht. Am Anfang waren die Algenplagen eher saisonal und fielen zeitlich in die Urlaubssaison, die von Dezember bis April dauert. 2015 und 2018 wurden auf den Antillen besonders viele Braunalgen angeschwemmt, sämtliche Buchten an der Atlantikküste bedeckt, und das Wirtschaftsleben kam zum Erliegen. Seither werden weniger Algen angespült, aber dafür häufiger, inzwischen fast das ganze Jahr hindurch.

„Es ist ein ständiger Kampf“

Zwischen November 2018 und April 2019 führte die Industrie- und Handelskammer von Martinique in neun besonders betroffenen Städten eine Umfrage bei mehr als 500 Tourismusbetrieben durch. Die Mehrheit vermeldete hohe Umsatzeinbußen (insgesamt 1.862.000 Euro) und Sachschäden (rund 330.000 Euro). „Bei hohem Algenaufkommen müssen die Touristen durch die schlammige Masse waten. Deshalb sage ich Touren schon im Vorfeld ab, ohne den Kunden mitzuteilen, dass die Algen der Grund sind“, gesteht Henri Louis Roussel, der seinen Einnahmerückgang mit vierzig Prozent beziffert. Er hat eine Kajakvermietung südlich von Le Robert und musste 2020 seinen Betrieb wegen der Algen für vier Monate schließen. Nicht weit entfernt von Roussels Kajakvermietung liegt das Vier-Sterne-Hotel Plein soleil, das die Auswirkungen der Algen mit einigem Erfolg eingedämmt hat. Es wird doppelt so oft und intensiv gereinigt wie früher. „Bei uns ist der Gestank nicht so schlimm. Dafür haben wir viele Sachschäden zu verzeichnen“, berichtet Co-Direktorin Marie Guinée.

Das beste Mittel im Kampf gegen die Algen besteht darin, sie zu beseitigen, bevor sie verrotten. Die Stadt Le Robert setzt seit 2014 auf Algenbarrieren im Wasser aus Schwimmkörpern und Netzen. So werden inzwischen sechs der insgesamt 41 Küstenkilometer der Kommune geschützt. Anschließend werden die Algen von einem Boot aus abgesaugt und zum Trocknen an Land gebracht. Sind sie bereits an der Küste angelangt, sollte man sie einsammeln und in eine dafür ausgewiesene Zone bringen. Doch nicht alle Küstenabschnitte sind zugänglich, und bislang wurde noch kein Areal eingerichtet, in dem sich die Sargassum-Algen ordnungsgemäß trocknen lassen. Außerdem weiß niemand so recht, was hinterher mit den Algen passieren soll. „Es ist ein ständiger Kampf“, erklärt Bruno Leconte, der beim Technischen Dienst der Stadt für das Algenmanagement zuständig ist. Doch er bleibt optimistisch: „Nach und nach finden wir dauerhaftere Lösungen.“ Leconte schätzt, dass das Einsammeln der Algen seit Anfang der Krise „mindestens sechs Millionen Euro gekostet hat“. Dass selbst dieser gewaltige finanzielle Aufwand noch nicht ausreicht, sorgt bei vielen Inselbewohnern für Kopfschütteln. Die direkt Betroffenen befürchten weitere massive Algenschwemmen und warten mancherorts verzweifelt darauf, dass die Algen, die teils schon seit Monaten herumliegen, endlich beseitigt werden.

Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld



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