„Hier bestimmt alles das Meer“

ein Interview mit Zoe Lucas

Geht uns das Wasser aus? (Ausgabe III/2022)

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Vor der Küste von Nova Scotia in Kanada liegt die Insel Sable Island. Foto: Pierre Perrin / Sygma / Getty Images


Frau Lucas, seit bald fünfzig Jahren leben und forschen Sie auf einer kleinen Insel, mehr als hundert Kilometer vor der kanadischen Ostküste. Wie würden Sie Sable Island jemandem beschreiben, der noch nie dort war?

Für mich sieht Sable Island aus wie ein Lächeln. Die Insel ist sichelförmig. Je nachdem, wie die eigene Stimmung gerade ist, kann man die Form natürlich auch als mürrisch heruntergezogene Mundwinkel deuten. Ich sage immer, dass die Insel dem Meer gehört, denn sie ist eine einzige große Sandbank und wird von den Strömungen geformt. Von einem Ende zum anderen ist sie etwa 42 Kilometer lang und an der breitesten Stelle 1,5 Kilometer breit. An Land sieht es aus wie an einem Strand, nur an manchen Stellen sind die Dünen dramatischer und höher. Zwischen den Dünen wachsen Büsche, Gräser und Cranberrys. Es gibt nur einen einzigen Baum auf der Insel, und der misst gerade einmal einen Meter.

Sie kamen im Jahr 1974 zum ersten Mal mit einem Robbenforschungsteam nach Sable Island. Was hat Sie damals an der Insel fasziniert?

Ich glaube, es war die Landschaft. Eigentlich sollte das damals nur ein kurzer Ausflug werden. Ich war neugierig auf die Pferde, denn auf Sable leben über 500 Wildpferde. Aber kaum war ich auf der Insel, war es dieses Übermaß an offenem Raum, das mich in seinen Bann gezogen hat. Ich liebe diese weitläufige Landschaft. Darum wollte ich die Insel auch gar nicht mehr verlassen und habe nach Möglichkeiten gesucht, über ehrenamtliche Arbeit und Forschungsaufträge auf Sable Island bleiben zu können.

Was erforschen Sie?

In den ersten Jahren habe ich mit einem Team gearbeitet, das Naturgebiete wiederherstellt, die durch menschliche Aktivitäten stark beschädigt wurden. Dabei haben wir Strandhafer gepflanzt, um Dünenbereiche zu stabilisieren. Ich begann mich mehr und mehr für die Pferde zu interessieren, die den Strandhafer fraßen. Mitte bis Ende der 1980er-Jahre habe ich vor allem die Pferde erforscht. Ich versuchte, ihre Lebensgeschichten zu erfassen und dokumentierte sie von der Geburt bis zum Tod. Ich interessiere mich dafür, wie sich die Pferde während ihrer gesamten Lebenszeit in sozialen Gruppen organisieren. Wenn sie eines natürlichen Todes starben, sammelte ich Schädel und Gewebeproben für weitere Studien. Später konzentrierte ich mich auf das Monitoring der Strände und las dort alles Mögliche auf, was das Meer anspülte.

Was finden Sie an den Stränden?

23 Jahre lang habe ich ein Strandüberwachungsprogramm durchgeführt, ölverschmierte Vögel und gestrandete Wale und Delfine dokumentiert. Aber ich habe immer auch Plastikmüll gesammelt, der an den Stränden angespült wurde. Ein Projekt war zum Beispiel eine Markenbeobachtung: Ich habe alles eingesammelt, was beschriftet war, womit man also auf den Hersteller eines Produktes, dessen Herkunft und wahrscheinlich auch den Ort, an dem es verkauft wurde, schließen konnte.

Versuchen Sie mit solchen Untersuchungen, das Bewusstsein für Umweltverschmutzung zu schärfen?

Mit meinen Ergebnissen können wir politische Entscheidungsträger aufklären und die Unternehmen ermitteln, die für besonders viel Plastikmüll verantwortlich sind. Aber die Firmen würden das Zeug natürlich gar nicht herstellen, wenn es nicht gekauft würde. Darum ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit, die Menschen für das Problem der Plastikverschmutzung zu sensibilisieren. Viele fühlen sich von der einzigartigen Natur auf Sable Island angezogen. Darum ist es für sie oft ein Schock, wie viel Plastik an einem so unberührten Ort angeschwemmt wird. Das ist ein guter Weg, um über die Zusammenhänge zwischen Umweltverschmutzung und dem eigenen Umgang mit Plastik nachzudenken. Wenn eine Chipstüte in Australien in den Ozean gelangt, kann sie an der Küste von Sable Island landen, oder zerkleinert im Magen eines Vogels. Plastik bewegt sich um die ganze Welt – darum brauchen wir auch globale Lösungen.

Im Jahr 2013 wurde Sable Island zum Nationalpark erklärt. Kommen seitdem mehr Menschen auf die Insel?

Bereits seit 1801 ist der Zugang beschränkt. Niemand durfte ohne Erlaubnis der kanadischen Küstenwache auf die Insel – es sei denn, man war schiffbrüchig und hatte damit eine gute Ausrede. Jetzt müssen interessierte Besucherinnen und Besucher bei Parks Canada einen Antrag stellen und nur wenige werden zugelassen. Doch das ganze Jahr über sind immer ein paar Menschen auf der Insel: Forschende, Besucher, Stationspersonal. Ich selbst bin derzeit etwa sieben bis acht Monate im Jahr hier und damit deutlich länger als jeder einzelne Parkmitarbeiter.

Sable Island wird als »Schiffsfriedhof« bezeichnet, weil im Laufe der Jahre so viele Schiffe auf den Sandbänken gestrandet sind. Finden Sie manchmal noch Überreste gesunkener Schiffe am Strand?

Manchmal werden ein paar alte Planken angeschwemmt. Aber größtenteils wurden die Schiffe langsam vom Sand verschluckt. Wenn man allerdings mit einem Flugzeug oder einer Drohne über die Insel fliegt, kann man noch die Umrisse einiger großer Schiffe erkennen, die ein paar Hundert Meter vor dem Strand liegen.

Wie ist es, die meiste Zeit des Jahres auf dieser kleinen Insel zu verbringen und von allen Seiten vom Meer umgeben zu sein?

Hier bestimmt alles das Meer. Wo auch immer ich bin – ich stehe entweder mit dem Rücken zum Meer, oder ich bin ihm direkt zugewandt. Mein Alltag wird von den Gezeiten geprägt. Ob man am Strand vorankommt, hängt von Ebbe und Flut ab. Jeden Morgen schaue ich darum als Erstes auf den Gezeitenkalender. Ich weiß immer, ob wir gerade Ebbe oder Flut haben, auch wenn ich das Datum dann manchmal vergesse. Manchmal, wenn ich auf das kanadische Festland fahre, nach Ontario beispielsweise, fühle ich mich unwohl. Kanada ist so eine riesige Landmasse, davon fühle ich mich eingeschlossen. Für mich ist das Meer weniger eine Begrenzung als eine Chance. Es bietet mir die Möglichkeit, die Weite und den Raum um mich herum zu spüren.

Gibt es auch Momente, in denen Sie sich vom Meer bedroht fühlen, zum Beispiel während eines Sturms?

Nein, nie. Bis 2019 gab es hier auf der Insel 75 Jahre lang eine meteorologische Station. Darum war ich Teil einer kleinen Gemeinschaft von Wetterexperten. Wenn man weiß, welchen Weg ein Hurrikan nimmt und wann die Winde sich drehen werden, dann ist das Ganze nicht bedrohlich.

Welche Rolle spielt das Element Wasser auf einer Insel, die hauptsächlich aus Sand besteht?

Zunächst einmal bestimmt der Atlantik das Wetter. Und die Wellen und Strömungen transportieren den Sand entlang der Küstenlinie. Das Meer formt die Insel. Aber abgesehen davon gibt es auch auf der Insel Gewässer: salzige Brackwasserseen, die langsam verschwinden, weil der Wind sie mit Sand füllt. Und einige Süßwasserteiche.

Es gibt Trinkwasservorkommen auf der Insel?

Ja, unter der Insel liegt ein Süßwasserreservoir. Sable Island besteht vollständig aus Sand. Wenn es regnet oder schneit, dann versickert das Wasser im Sand und sammelt sich über dem Salzwasserspiegel. Bei den Teichen handelt es sich also nur um Bereiche, in denen das Reservoir an die Erdoberfläche tritt. Überall dort, wo sich das Süßwasser dicht unter der Oberfläche befindet, graben die Pferde nach Trinkwasser.

Welche Geräusche hört man auf der Insel?

Der Wind und die Brandung sind immer allgegenwärtig. Andere Geräusche wechseln mit der Jahreszeit: das Tschilpen und Kreischen brütender Vögel, zirpende, summende Insekten. Dezember bis Februar nisten die Kegelrobben und machen dabei ganz eigenwillige Geräusche – sie zischen und jodeln. Das kann ganz schön gespenstisch klingen.

Können Sie sich nach all den Jahren vorstellen, an einem anderen Ort als auf Sable Island zu leben?

Gefühlsmäßig ist Sable Island mein Zuhause, aber offiziell ist es das natürlich nicht. Nur solange ich hier arbeite, kann ich auch auf der Insel wohnen. Irgendwann werde ich in Rente gehen müssen und die Insel verlassen. Ich könnte als Reiseführerin zurückkommen, aber ich glaube nicht, dass ich mir eine so oberflächliche Beziehung zur Insel vorstellen kann. Dann möchte ich woanders am Meer leben, wo es ruhig ist, mit wenigen Menschen und viel Natur.

Das Interview führte Gundula Haage



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