Himmel und Wasser

Geht uns das Wasser aus? (Ausgabe III/2022)


Schöpfung und Fruchtbarkeit

Ob es aus den Tiefen der Erde oder von oben kommt: Wasser ist vielen Völkern heilig. Fällt es vom Himmel, symbolisiert es überirdische Kräfte und wird von Gottheiten verkörpert wie Tlaloc, dem Gott des Regens und der Vegetation im Reich der Azteken, Anzar bei den Berbern oder Zeus, dem Herrscher des Himmels bei den alten Griechen. Die Götter werden auch angerufen, um die Erde fruchtbar zu machen. In manchen Ländern sind Rituale üblich, um den Regen herbeizurufen, wenn er sich verspätet. Bei der Zeremonie Tislit Buwanzar („Verlobte des Regens“) in der Kabylei, einer Region in Algerien, trägt eine junge Frau eine mit Stoffen und Schmuck bekleidete Holzpuppe an der Spitze einer Prozession durch das Dorf. Früher wurde ein nacktes Mädchen in Netze gewickelt, die ansonsten zum Transport der Garben dienten, und rief Anzar, den Regengott, an. Dabei zählte es alle Lebewesen auf, die ebenso auf das segensreiche Wasser warteten. Währenddessen versammelten sich andere Mädchen um Anzars „Verlobte“ und begannen eine Partie Zerzari, ein Ballspiel, zu spielen. Die Zeremonie zu Ehren des himmlischen Wassers vereint provokative Nacktheit und das Ballspiel, das den in die Erde eindringenden Samen symbolisiert. Der Kult um Quellen des Wassers und dessen Macht ist ein kulturübergreifendes Phänomen. Von Amerika bis Asien finden sich Mythen, die die Bedeutung des Wassers als Ursprung allen Lebens betonen. Besonders zahlreich sind die Erzählungen über den sogenannten Schöpfungstauchgang. Dabei taucht ein Tier zum Grund des Ozeans, um etwas feuchte Erde hochzuholen, aus der dann die Welt geformt wird. Auch in der Genesis im Alten Testament beginnt alles mit der „Urflut“, über der „Gottes Geist schwebte“. Wasser ist ein Prinzip des Lebens. Doch es bringt auch Zerstörung: In Mythen von Papua-Neuguinea über das Amazonasgebiet bis Nordamerika, in der Bibel, in mesopotamischen und altindischen Epen werden Sintfluten beschrieben – möglicherweise um eine Erneuerung einzuleiten.

Riten des Übergangs

Das Element Wasser symbolisiert Regeneration. Es begleitet den Übergang von einem gesellschaftlichen, körperlichen oder spirituellen Zustand in einen anderen. Die christliche Taufe gehört sicher zu den bekanntesten Riten der Transformation. Vollzogen wird das Sakrament durch Besprengen, Übergießen mit Wasser oder das Untertauchen. So verlässt der Täufling das alte Sein in der Sünde für ein Leben mit Christus – als durchlaufe er noch einmal den Tod und die Auferstehung. Es gibt vielfältige Formen der Taufe. Besonders ausgefeilt ist sie in der Religion der Akan, die in der Elfenbeinküste und Ghana leben. Dort erhalten Babys acht Tage nach der Geburt in einer Zeremonie ihre Namen. Traditionell berührt der Dorfälteste die Zunge des Kindes mit einem Finger, den er in Wasser getaucht hat. Das gleiche Ritual folgt noch einmal – nur mit Gin (inzwischen oft mit alkoholfreien Getränken) statt mit Wasser, und dem Spruch: „Wenn du sagst, es ist Alkohol, dann ist es Alkohol.“ Durch diese Zeremonie wird dem Kleinkind eine menschliche Würde verliehen, und es wird in die Gemeinschaft der Menschen aufgenommen.

Doch nicht nur bei Initiationen spielt Wasser eine wichtige Rolle, auch bei Abschieden. Das gilt selbst für hinduistische Bestattungen, die meist Einäscherungen sind: Während der Zeremonie, zu der die öffentliche Verbrennung gehört, wird ein Loch in ein mit Wasser gefülltes Keramikgefäß geschlagen. Anschließend zertrümmert man den Behälter, und alle Beteiligten gehen zu einem Bach oder Fluss. Dort tauchen sie dreimal unter, nehmen einen Schluck Wasser und übergeben den Stein, mit dem das Loch in das Tongefäß geschlagen wurde, den Fluten.

Wasser eignet sich für das Ende und den Anfang, den Abschied und die Begrüßung. Ein besonders intimes Aufnahmeritual für neue Gemeindemitglieder hat das Volk der Bambara aus Mali. Hier nimmt der Vorsteher eines Dorfes Wasser in den Mund und besprüht damit Ankömmlinge, die dann von einem älteren Eingeweihten im Dorf und an der Wasserquelle des Ortes gewaschen werden.

Reinigung

Das Waschen spielt in allen Weltreligionen eine symbolisch wichtige Rolle. Um im Gebet Zwiesprache mit dem Göttlichen halten zu können, gilt es, sich von Sünden und Unreinheiten, die das profane Leben mit sich bringt, zu reinigen. Auch hier ähneln sich die Religionen, insbesondere jene, die aus dem Nahen Osten stammen. Im Islam muss man, um den Zustand der rituellen Reinheit (Tahara) zu erreichen, vor dem Gebet und dem Moscheebesuch entweder Wudu oder Ghusl, die kleine oder die große Waschung, durchführen. Mit Wudu entfernt man kleinere Verunreinigungen, die für die Gläubigen durch Urinieren oder Stuhlgang entstehen. Als kulturell schwerwiegender empfundene Verunreinigungen – etwa durch Menstruation, Geschlechtsverkehr oder die Berührung eines Toten – werden mit der großen Waschung Ghusl beseitigt.

Die gleiche Funktion erfüllt im orthodoxen Judentum die Waschung in der Mikwe, einem Tauchbad. Am Vorabend der Hochzeit sowie nach der Menstruation oder einer Geburt müssen Frauen komplett darin eintauchen, Männer traditionell nur vor dem Sabbat oder Jom Kippur. Das rituelle Händewaschen, Netilat Jadajim genannt, wird unter anderem nach dem Aufstehen sowie vor dem Gebet durchgeführt.

Verwandt, aber mit einer spezielleren symbolischen Bedeutung aufgeladen ist die Fußwaschung, die Katholiken, orthodoxe Christen und bestimmte Freikirchen kennen. Dieses Ritual, das ursprünglich eines der Gastfreundschaft war, deutet Jesus, wenn er seinen Jüngern im Neuen Testament die Füße wäscht, zu einem Zeichen der religiösen Demut und der Nächstenliebe um. Aus der Anweisung, seinem Beispiel zu folgen, ist der christliche Brauch entstanden, der an kirchlichen Feiertagen durchgeführt wird.

Eine besondere Vielfalt an Wasserritualen gibt es im Hinduismus. Bei Kumbhabhishekam etwa wird ein neu gebauter Tempel eingeweiht und rituell gereinigt, indem Priester im Rahmen einer mehrteiligen Zeremonie mit diversen Opfergaben heiliges Wasser aus dem Ganges und anderen Flüssen verspritzen. Balinesische Hindus baden, um Körper und Geist zu säubern, beim Melukat, das auch Opferungen, Gebete und Meditation umfasst, in heiligem Wasser, besonders gerne in Wasserfällen. Und die wohl größte religiöse Veranstaltung der Welt findet nicht am Petersplatz in Rom oder in Mekka statt, sondern an einem indischen Gewässer: Gemeint ist Kumbh Mela, das Krugfest, das Gläubige alle drei Jahre in einer von vier indischen Städten feiern. Mehr als 200 Millionen Menschen nehmen dabei ein Massenbad im heiligen Ganges; teils speziell gekleidet oder nackt mit Asche eingerieben, übergießen sie sich, oft tanzend und von Musik begleitet, mit Wasser, um ihre Sünden wegzuspülen.

An das andere Ende des Spektrums der Rituale gehören solche, die Einkehr bedeuten, etwa im Zen-Buddhismus: Die Gläubigen waschen sich, bevor sie einen Tempel be- treten oder die Teezeremonie beginnen, Mund und Hände an Tsukubai, kleinen meist steinernen Becken. Der Name, der sich aus einem alten japanischen Wort für „sich bücken“ und „verneigen“ ableitet, verweist auf die zentrale Bedeutung der Demut und der inneren Sammlung.

In manchen Religionen ist die Qualität des Wassers selbst ein Faktor. Bei den Mandäern, einer dualistisch geprägten Religion mit gnostischen, jüdischen und christlichen Elementen, die im heutigen Irak zu Hause ist, gibt es eine symbolisch bedeutsame Unterscheidung beim Wasser: Das fließende, „lebendige“ Wasser (Maia Hayyi) repräsentiert allgemein das Gute, „totes“, salziges oder abgestandenes (Maia Tahmi) das Böse. Deshalb führen die Mandäer ihre Taufe, die zum Abwaschen der Sünden dient und mehrmals im Leben stattfindet, stets in fließenden Gewässern durch. Im Tigris, in dem sich Mandäer aus Bagdad spirituell reinigen, ist dies inzwischen allerdings wegen der Verschmutzung des Wassers ähnlich gesundheitsgefährdend wie im Ganges.

Zusammengestellt von Cécile Calla 
Mitarbeit: Justus Tamm



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