Die Welle

von Suthu Magiwane

Geht uns das Wasser aus? (Ausgabe III/2022)

  • Suthu Magiwane. Foto: Chicks on Board / Dörthe Eickelberg

  • Suthu Magiwane. Foto: Chicks on Board / Dörthe Eickelberg


Der Ozean ist stärker als wir Menschen. Die Wellen entstehen, wenn der Ozean die Muskeln anspannt. Und ist der Ozan schlecht gelaunt, kann er dich umbringen. Er verzeiht keine falsche Bewegung, keinen Hochmut. Draußen in der Brandung bist du als Mensch nur ein Staubkorn im Nichts.

Und genau das liebe ich am Surfen. Die Kraft, die vom Ozean ausgeht, kann dich auch bestärken. Wenn die Wellen dir gnädig sind und dich mitnehmen, dann kannst du mit dem Ritt auf der Welle ihre Energie ernten und mit an Land nehmen.

Durch das Surfen bin ich selbstbewusster geworden, mutiger, aber auch bescheidener. Die Zeit im Wasser erdet mich. Bin ich länger nicht am Meer, dann fühle ich mich leer, wie ausgetrocknet. Das Meer ist für mich nicht nur eine Quelle der Kraft, sondern auch des Trostes. Surfen ist für mich wie eine Therapie – dabei verbinde ich mich nicht nur mit der Natur, sondern auch mit meiner Vergangenheit.

Vor langer Zeit zogen meine Vorfahren durchs Land, und immer suchten sie die Nähe zum Wasser – zu Seen, Flussläufen, zum Meer. Wir wissen wenig über sie, aber sie sollen ein sehr spirituelles Verhältnis zu diesem Lebenselixier gehabt haben. Das Meer war ihr Kraftort, Heimat guter Geister, ihr Medium. Dann kamen die Siedler. Sie vertrieben meine Vorfahren ins Landesinnere und machten ihnen glaubhaft, dass das Meer besessen sei von bösen Geistern. Viele glauben das noch immer.

So sieht man selbst heute relativ wenige Schwarze Menschen, die im Meer schwimmen oder gar surfen. Sie nähern sich dem Wasser nur bis zu den Knien oder um sich dort taufen zu lassen. Dann waschen sie sich von allen Sünden rein, und alles Schlechte landet im Meer. Wer will da dann noch schwimmen? Es ist schon ironisch, wie wir uns so von dem Ort distanzieren, dem wir uns einst so verbunden fühlten.

„Ich fühle mich nicht wohl, wenn am Strand um mich herum nur Weiße sind.“

Als ich als Teenager mit dem Surfen angefangen habe, war ich noch neu in Durban. Meine Familie gehört zum gebildeten Mittelstand; wir konnten es uns damals leisten, in ein Haus in Strandnähe zu ziehen. Die Nachbarskinder waren alle weiß. Eigentlich gab es offiziell das Schwarz- Weiß-Denken nicht mehr. Abgeschafft waren die Hinweisschilder, wer an welchem Strand baden durfte. Mein Vater hat mir erzählt, dass noch in den Sechzigerjahren in KwaZulu-Natal große Strandabschnitte für die weiße Minderheit reserviert war. Die Schwarzen mussten sich mit deutlich weniger begnügen. Noch heute wirkt sie nach, die jahrzehntelange Apartheid, die jahrhundertelange Diskriminierung: Die meisten Schwarzen leben noch immer im Landesinneren, abgeschnitten vom Zugang zum Meer. Auch ich fühle mich nicht wohl, wenn am Strand um mich herum nur Weiße sind.

Ich bin vielleicht die erste Schwarze Surferin Südafrikas. Doch draußen im Wasser ist das egal: Vor den Wellen sind alle gleich. Das Meer fragt nicht nach Hautfarbe, Herkunft, Religion, Alter, Geschlecht oder Kontostand. Alles, was das Meer von mir erwartet, ist Respekt. Und den zolle ich ihm. Dann paddele ich raus und schüttele all die Sorgen und Zweifel ab. Das Meer spült alles Schlechte weg, es ist immer in Bewegung. Die Wellen kommen und gehen, egal was an Land passiert. Sie taten es schon immer, und sie werden es immer tun. Und ich fliege mit dem Lauf der Wellen mit, als sei mein Surfbrett ein Hexenbesen.

Protokolliert von Dörthe Eickelberg

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