Am Präsenzer See

von Katerina Poladjan

Geht uns das Wasser aus? (Ausgabe III/2022)


Sie sitzt am Präsenzer See und wartet auf den Geliebten. Jetzt im Frühling krabbeln Feuerwanzen über die Kiefernnadeln zu ihren Füßen. Das Wasser riecht noch frisch, die Fäulnisprozesse des Sommers beginnen später. Junges Grün drängt die Brauntöne des Winters ins Unterholz, Ameisen stürzen sich in den seifigen Duft der Lindenblüte und das Summen der Käfer - wie gesprungene Glocken. Sie kommt auch im Sommer, im Herbst und im Winter hierher. Und immer sitzt sie allein auf der Bank aus bemoostem Holz. Mal beugt sie sich vor und starrt bis zum Grund, mal prallt ihr Blick ab von der Fläche des Wassers, geht zum Himmel. Die Hingabe hört niemals auf, ist mal düster und tief, dann hell, voller Sehnsucht und Ahnung.

Dieser Ort, dieses Ufer kann gar nicht sein ohne sie. Alles lebendig – nur die Bäume verharren beständig und spielen die unbelebte Natur, stehen stumm und erhaben, gespiegelt im Wasser. Wenn die Vögel über ihr singen und schreien, die Sonne brennt auf den Scheitel, dann spürt sie das Himmelsgewölbe, die Vorstellung von einer Hülle und die Grenze des Wissens. Also fliegt sie, ein Vogel, bis zum Rand und zurück, in die Nähe der drohenden Krümmung, muss darum den Kopf nicht mal heben, und überhaupt – was für ein Geschenk, den Kopf heben zu können, ihn sinken zu lassen.

Manchmal vergräbt sie Schätze. Einen Ring, eine Haarsträhne, Münzen, dann eine Tagebuchseite. Manchmal legt sie Stück um Stück ihre Kleidung ab, legt sich nieder im feuchten Sand, dorthin, wo kleine Wasserzungen sie küssen. Sie sitzt in den Ästen der Bäume und sieht sich dort unten, sieht auf den weißen, leuchtenden Körper im flackernden Lichtspiel von Sonne und Schatten herab. Arme und Beine gestreckt, meine Herren, hier ist zu sehen das astronomische Pferd, was für eine schöne Wasserleiche mit einem Tröpfchen purpurnen Blutes im Mundwinkel. Was der Mensch Quasten hat! So wandert sie zwischen den Sphären, ist Fisch und ist Vogel, im Wasser ein Fisch, in der Luft von Gefieder getragen, so sollte es sein, so ist es nicht, denn schwerfällig nur träumt sie sich fort und im Schlaf erst taucht sie hinein, schwimmt durch die Algen, ist eine Schlange, spürt Schlupflöcher auf, vergräbt sich im Sand, taucht wieder auf, atmet ein, atmet aus.

Das andere Ufer ist weit, bunte Flecken lassen vermuten, dass dort Wasserrutschen und Tretboote für die Saison aufgestellt werden. Man kann viel sehn, wenn man zwei Augen hat und nicht blind ist und die Sonne scheint. Noch ein paar Tage und Wochen, dann werden sich Kinder kreischend über das Spielgerät hermachen, überwacht von besorgten Eltern. Sie selbst – war mit zehn Jahren ganz allein losgezogen, mit der Straßenbahn zum Kölner Hauptbahnhof, im Gepäck Konserven, ein japanisches Messer und ein Lexikon der Stars von A für Fred Astair bis Z für Adolph Zukor. An ihrer Seite die beste Freundin, zwischen ihnen, hochkant, das gelbe Gummiboot. Die Freundin sagte, sie müsse zum Abendbrot zu Hause sein. Sie hatte nichts verstanden. Sie würden das Boot am Rheinufer zu Wasser lassen, sie würden den Atlantik überqueren, sie würden nach Hollywood gehen, einer glamourösen Zukunft entgegen. Und weißt du, hat sie der Freundin gesagt, eine Rückkehr wird es nicht geben.

Da! Was für ein Ton! Es ist das Wasser, es ruft: Schon lang ist niemand ertrunken

Möwen schrien, der Wind frischte auf, Gischt peitschte über das gelbe Badeboot hinweg. Eine haushohe Welle brach über ihnen zusammen. Sie kamen zu spät zum Abendbrot. Die Strafe für das Abenteuer war Hausarrest. Niemand hatte irgendetwas verstanden. Das war die eigentliche Tragödie. Der Plan war klar und gut und voller Verheißung gewesen. Da! Was für ein Ton! Es ist das Wasser, es ruft: Schon lang ist niemand ertrunken. Fort! Es ist nicht gut, es zu hören! Das ist lang her. Nun sitzt sie am Präsenzer See und sie fragt sich, ob das japanische Messer nicht Tschechows Gewehr war. Und blendet sich selbst mit der Klinge, schaut dann erschöpft übers Wasser, wo der Horizont seltsam entrückt ist, der Himmel höher denn je. Sie wartet auf den Geliebten.

Am Brandungssaum bin ich gewandert, ohne je einen Menschen zu sehen, sagte er. Ich ging eine Stunde auf stolperndem Versfuß, die zweite, die dritte, den Tag und die Nacht, ohne jemandem je zu begegnen. Ich ging, und ging immer gen Norden. Warum in den Norden, wollte sie wissen. Es gab keinen Grund. Es gab nichts als das Meer, Sand und Gischt, gelbliches Dünengras.

Der Geliebte drehte sich um und sah sie an. Sag, wohin verschwindest du heimlich, fragte er, jeden Tag. Ich sehe dir an, du hast einen anderen, warum sonst wohl glüht dein Gesicht, wenn du heimkehrst?

O man müsst‘s sehen, man müsst’s greifen können mit Fäusten!
Da musste sie lachen. Einen anderen? Idiot!
Beweise es mir, dass du ehrlich bist und ich ein Idiot.
Du kannst beruhigt sein, sagte sie ihm. Hast du mir nicht eben vom Alleinsein berichtet, vom Austausch mit der Natur? Was willst du noch mehr? Die Welt gehört dir doch niemals ganz.

Er lachte, und sie sah seine Wut – auf sie, auf die Welt. Das sei etwas anderes, nicht zu vergleichen. Seine Flucht an die Küste sei innerer Not geschuldet, von der sie nichts ahne, denn wie einfältig sie sei und sogar ein wenig hässlich mit ihrem Haar ohne Glanz.
Sie saß in der Falle, saß am Ufer, lag wach in der Nacht, dachte nach. Überlegte, wie sie ihn, den sie liebte, fernhalten konnte vom heimlichen Ort. Immerzu! Hisch, hasch! So gehn die Geigen und [...] Pfeifen, so grübelte sie.

Sie schaute sich um, hörte ein Rascheln. Es rührt sich was. Still. – Da, in der Nähe. Er war ihr gefolgt durch Büsche, die Felder, den Raps. Dringt man zur Wahrheit vor, und kommt ein anderer dorthin, werden sich die Wege kreuzen. Und dann stand er da.

Dieweil der Tag lang ist und die Welt alt, können viele Menschen an einem Platz stehen, einer nach dem andern.

Was für ein Ort! Warum hast du mir immer verschwiegen, dass es ihn gibt, fragte er und bewies damit nur, nichts verstanden zu haben, und das – war die eigentliche Tragödie.

Dann fröstelte ihn, es war ihm zu kalt und sie sagte, du wirst vom Morgentau nicht frieren.

Schwer war es nicht, erstaunlich einfach sogar. Eins fügt sich ins andere. Was aber folgte, war plötzliche Stille.

Dann, unvermeidlich, der Mond.

 



Ähnliche Artikel

e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Thema: Digitalisierung)

Plätze für ein Rendezvous

von Sofiane Adjali

Warum es in Algerien leichter ist, sich im Internet als im Café zu verabreden

mehr


Das Deutsche in der Welt (Thema: Deutschsein)

Verwandlungen

von Zoë Jenny

Vom Dritten Reich über den Mauerfall bis zu den Auswanderern von heute: Was deutsch ist, verändert sich ständig

mehr


Das ärmste Land, das reichste Land (Thema: Ungleichheit)

„Sie halten am Glauben an eine Zukunft fest“

ein Interview mit Karen Abbs

Wie reagieren Menschen auf extreme Unsicherheit und wie kann man ihnen helfen? Ein Gespräch mit der Expertin für Krisenregionen

mehr


Das ärmste Land, das reichste Land (Thema: Ungleichheit)

Der Heiratsantrag

von Georgette Florence Koyt-Deballé

Auszug aus »Nago et sa grand-mère« (Copyright: L'Harmattan, Paris, 2017)

mehr


Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert (Thema: Erderwärmung)

Die Vermessung der Welt

von Annette Hornbacher

Die Menschen haben versucht, die Natur rein rational zu begreifen. Auch das hat zur ökologischen Krise geführt

mehr


Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Thema: Wachstum)

Egoistische Demokraten

von Ingolfur Blühdorn

Bürger setzen sich für ihre Interessen ein, nicht aber für künftige Generationen

mehr