Ich bin dafür, dass wir das Theater neu schätzen lernen

von Necati Öziri

Schwarz-Weiß-Denken (Ausgabe II/2022)

Das prächtige Carpenter Theater in Richmond, Virginia. Foto: Unsplash


In unserer Gesellschaft ist vieles darauf ausgerichtet, dass wir morgens zur Arbeit gehen. Deshalb haben wir für unsere Kinder ja beispielsweise auch das Recht auf einen Kitaplatz. Stellen wir uns kurz vor, es gäbe vom Staat garantierte Kinderbetreuung, damit die Menschen ins Theater gehen könnten. Wer Kinder hat und abends eine Aufführung sehen will, muss selbst einen Babysitter organisieren. Unsere Gesellschaft ist offenbar immer noch der Ansicht, dass Kultur und Theater ein Luxus sind.

Diese Haltung setzt sich auch für jene fort, die dort arbeiten: Das wurde zuletzt auch in der Pandemie besonders deutlich, in der Kulturinstitutionen lange geschlossen blieben und viele Kreative weder durch Kurzarbeit abgesichert wurden noch eine Corona-Soforthilfe beantragen konnten. Für viele Menschen war das eine sehr prekäre und bedrohliche Situation, in der sich jedoch auch schlichtweg der geringe gesellschaftliche Stellenwert von Kunst und Kultur widerspiegelte.

Zu einer neuen Wertschätzung des Theaters müssen natürlich die Theater selbst beitragen, indem sie sich einem breiteren Publikum öffnen und weniger elitär, bildungsbürgerlich und exklusiv daherkommen. Aber die Theater können sich auch dumm und dämlich öffnen – solange die sozialen Realitäten es nicht zulassen, dass eine alleinerziehende Mutter mit zwei Jobs einfach keine Zeit hat, um ins Theater zu gehen. Für sie spielt es überhaupt keine Rolle, welche Stücke die Theater anbieten oder in welcher Sprache. Um das zu ändern, müssen wir die richtigen Bedingungen schaffen – und umgekehrt kulturelle Angebote endlich alltagstauglich machen. Nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kinder. Denn wir alle brauchen die Kultur und die Kunst, um gesund zu bleiben.

„Auch im Alltag spielen wir eine Rolle. Wir performen eine Identität, eine Geschlechterrolle, eine Zugehörigkeit“

Ein Schritt in die richtige Richtung wäre es deshalb beispielsweise, Kulturangebote stärker in die Schulbildung zu integrieren. Denn was ist etwa das Theater, wenn nicht eine Schule der Empathie? Hier erleben wir ein körperliches Wissen. Im Theater fiebern wir mit, erleben die Angst auf der Bühne hautnah und werden direkt angesprochen. Die Darstellerinnen und Darsteller treten in einen Dialog mit uns, und wir werden abgeholt, ganz anders als etwa beim Lesen eines Buches. Im Theater geht es um das Wissen in seiner Rei­nform und darum, wie es uns körperlich berührt. Eine Aufführung ist im Grunde nichts anderes als eine öffentliche Verhandlung, an der wir teilhaben: Wir sitzen dort, physisch, direkt gegenüber von anderen Körpern, und wir müssen den Blicken unserer Gegenüber standhalten und unseren eigenen Blick auf sie reflektieren. So entstehen Empathie und eine Form der Solidarität, die uns ganz anders motivieren kann als intellektuelle Erkenntnisse und rationale Gedankenschritte.

Und noch etwas macht das Theater besonders: Es kann einerseits enorm identitätsstiftend sein, und andererseits allzu starre Identitäten infrage stellen. Denn eigentlich macht die Bühne ja nur jenes Theater sichtbar, das wir auch in unserem Alltag spielen – nur eben unsichtbar. Jeden Tag performen wir eine Identität, eine Geschlechterrolle, eine Zugehörigkeit oder mehrere. Doch erst im Theater werden wir dazu gezwungen, den spielerischen Charakter dieses Schauspiels und unser eigenes Inszeniertsein mitzureflektieren. Wir verbringen gemeinsam eine bestimmte Zeit in diesem Raum, atmen für einen Moment dieselbe Luft. Wir lassen uns aufeinander ein. Wir erzählen, zeigen und spielen einander Dinge vor und denken darüber nach. Ich wüsste nicht, in welchem anderen gesellschaftlichen Raum das in dieser Form und Intensität sonst passiert.

Protokolliert von Timo Berger



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