Der letzte Schliff

von Zeina Shahla

Schwarz-Weiß-Denken (Ausgabe II/2022)

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Eine Fundgrube für lokales Kunsthandwerk: der Suq al-Hamidiya in Damaskus. Foto: Zeina Shahla


Wer das breite Tor zum  Kunsthandwerkermarkt im Zentrum von Damaskus durchschreitet und den Blick über die vielen traditionsreichen Läden schweifen lässt, hat das Gefühl, eine Zeitreise in die Vergangenheit zu machen. Das Gebäude, in dem sich der Markt befindet, stammt aus dem 16. Jahrhundert; seit etwa fünfzig Jahren ist es ein Ort für die Kreativen der Stadt. Infolge des Krieges, der seit 2011 in Syrien wütet, Tausende Menschenleben gefordert und die meisten Wirtschaftszweige zerstört hat, kämpfen sie heute darum, ihre Handwerkskünste am Leben zu erhalten. Denn auch das Handwerk ist nicht immun gegen die Auswirkungen des Krieges.

In seinem kleinen Laden, in dem er die berühmten Damaszener Mosaike verkauft – eine besondere Art von Intarsienarbeiten, mit denen Holzkisten und Spiegelrahmen verziert werden–, ist Mahmoud damit beschäftigt, die Ladenfront zu putzen. Obwohl nur wenige Kunden in den Souk kommen, besteht er darauf, seinen Laden jeden Tag zu öffnen. Wegen der stundenlangen Stromausfälle, des Materialmangels und der Brennstoffknappheit kostet es nun viel mehr Zeit und Mühe, ein Mosaik herzustellen. Handwerker, die auf elektrisch betriebenes Werkzeug angewiesen sind, können so nur noch in Intervallen arbeiten. Dennoch, so der Fünfzigjährige, sei es keine Option für ihn, nicht zu arbeiten. „Wir passen uns den Gegebenheiten an. Wir können es nicht zulassen, dass unsere Traditionen sterben.“

„Der Druck, unter dem die Kunsthandwerker arbeiten, ist überall spürbar“

Vom Kunsthandwerksmarkt zu den berühmten überdachten Souks und den Hunderten alten Geschäften in der Altstadt von Damaskus ist es nur ein kurzer Fußweg. Dort könnte man viele Tage damit zubringen, handgefertigte Teppiche, Kiishani-Töpferwaren, Brokat- und Aghabani-Textilien zu bestaunen. Doch der Druck, unter dem die Kunsthandwerker arbeiten, ist überall spürbar. Auch in einem kleinen Laden für handgefertigte Geschenkartikel klagt ein Inhaber sein Leid: „Das Kunsthandwerk ist einer der ersten Wirtschaftszweige, der vom Krieg betroffen ist, und der letzte, der sich davon erholt. Überall stapeln sich die Waren und niemand will sie kaufen. Wer kann schon Geld für Luxusgüter ausgeben, wenn wir noch nicht einmal unsere Grundbedürfnisse zum Überleben stillen können?“ Insbesondere der Mangel an Rohstoffen wie Textilien, Garnen und Ton sei ein großes Problem für ihn, erzählt er.

Auch Muhammad Halak Abu Naim, der im Viertel Khan al-Zujaj im Osten von Damaskus eine Glasbläserwerkstatt betreibt, kämpft mit diesen Engpässen. „Wir bekommen mittlerweile kaum noch Brennstoff für den Ofen. Fast kein Kunde verirrt sich mehr zu uns – und wir haben Schwierigkeiten, Mitarbeiter zu finden“, erzählt er. Noch trauriger mache es ihn, dass keiner seiner Söhne den Beruf ergreifen wolle, den er selbst von seinem Vater und seinem Großvater gelernt habe. Doch er kann es seinen Söhnen nicht verdenken, lieber in einträglicheren Berufen arbeiten zu wollen: „Wer will schon zehn Stunden am Tag vor einem glühend heißen Ofen sitzen, um Gegenstände aus Glas zu blasen, die dann niemand kaufen mag?“ Für den Sechzigjährigen ist es jedoch die pure Liebe zum Handwerk, die ihn jeden Tag in seine alte Werkstatt aufbrechen lässt: „Das Kunsthandwerk ist das Vermächtnis meiner Familie und meiner Stadt – und wir werden mit allem, was wir haben, darum kämpfen, es am Leben zu erhalten.“ 

Aus dem Englischen von Caroline Härdter



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