Irrsinn aus dem Westen

von Alexander Finiarel

Schwarz-Weiß-Denken (Ausgabe II/2022)

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Festnahme des Autors nach Protesten in Moskau im Jahr 2019. Foto: privat


Überall auf der Welt war die sogenannte Cancel Culture in den vergangenen Jahren eines der heißesten Gesprächsthemen. Russland machte da keine Ausnahme, doch die Debatte hat dort bis heute ihre Besonderheiten. Die auffälligste ist die Verwendung des Begriffs „Neue Ethik“. Darunter fallen all jene Dinge, für die Aktivisten für soziale Gerechtigkeit und eine liberalere Gesellschaft streiten und über die sich Konservative, besorgte Eltern und Vertreter der orthodoxen Kirche  gerne entrüsten.

Bisweilen werden Mitarbeiter staatlicher Institutionen aus dem Land geekelt, weil sie zur LGBT-Community gehören, alleinerziehende Mütter gemobbt, weil sie dunkelhäutige Kinder haben, oder wird die Feministin Daria Serenko bedroht, weil sie sich gegen die Diskriminierung von Geflüchteten aussprach. Das Land verlassen musste auch eine gleichgeschlechtliche Familie, nachdem sie in einer Werbeanzeige der Bio-Supermarktkette VkusVill gezeigt wurde. Der Empörungswelle, die unter anderem auf Telegram durch die Bewegung „Männerstaat“ unterstützt wurde, gab die Unternehmensleitung nach und entschuldigte sich öffentlich bei den Kunden. Außerdem wurde die komplette Marketingabteilung entlassen.

„Gecancelt“ werden in Russland also hauptsächlich diejenigen, die schon immer ausgeschlossen wurden. Im vergangenen Jahr kehrten deshalb über 1.500 oppositionelle Aktivistinnen und Aktivisten und Medienleute Russland den Rücken – und durch die Invasion in die Ukraine dürften es in diesem Jahr noch deutlich mehr sein.

„In Russland kämpfen die Staatsorgane seit zehn Jahren gegen „Genderideologie“ “

Auf der anderen Seite wurde in Russland praktisch niemand wegen sexueller Belästigung entlassen, obwohl das postsowjetische #MeToo sich in Form der Aktion #ЯНеБоюсьСказать (zu Deutsch: „Ich habe keine Angst, es zu sagen“) bereits 2016 formierte und es an Skandalen nicht mangelte. Diese brachen Belästigern jedoch meist nicht das Genick – weder dem Duma-Abgeordneten Leonid Sluzkij, der sich an Journalistinnen herangemacht hatte, noch Maxim Zelujko, der als Dozent Studentinnen sexuell belästigte.

Gegner der Cancel Culture bringen derweil mithilfe des Begriffs „Neue Ethik“ offen zum Ausdruck, was sie in Rage versetzt: der Wandel althergebrachter Normen und die Tatsache, dass ihre homophobe, sexistische und rassistische Weltsicht plötzlich in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit gerückt wird. Auffällig ist hierbei, dass sich liberale oppositionelle und regierungsfreundliche Kommentatoren in Russland in ihrer Aversion gegen diese neuen Normen oft erstaunlich einig sind. In Russland kämpfen die Staatsorgane schon seit über zehn Jahren gegen „Genderideologie“, Feminismus, LGBTQ+ und den „verderblichen“ Einfluss des Westens, während dieser für die Opposition eher als Orientierungspunkt diente. Doch in letzter Zeit unterschied sich die Reaktion auf die Neue Ethik seitens einiger Oppositioneller kaum mehr von dem, was russische Propagandisten von sich geben.

So erschien eine der ersten Veröffentlichungen über die Neue Ethik 2019 auf der Website des staatlichen Fernsehsenders Westi und unterstellte der „Identitätsethik“, dass sie universelle Menschenrechte negiere, weil sie den einen aufgrund ihres sozialen Status mehr erlaube als den anderen. Die liberale Journalistin und Politikerin Xenija Sobtschak erklärte daraufhin, dass im Streben nach Gerechtigkeit eingeführte Quoten für Schwarze Mitbürgerinnen und Mitbürger an Universitäten ungerecht gegenüber „den begabten weißen Jungs“ wären. Der Künstler Pjotr Pawlenskij verglich die Neue Ethik mit den Kreuzzügen. Der bemerkenswerteste Text gegen die Neue Ethik war jedoch das Manifest „Entführung Europas 2.0“, das Xenija Sobtschaks Ehemann, der Regisseur Konstantin Bogomolow, in Russlands ältester liberaler Zeitung „Nowaja Gazeta“ veröffentlichte. Er rief den Untergang Europas und den Anbruch eines neuen ethischen Reiches aus. Russland befinde sich zum Glück „am Schluss eines Irrsinnszuges, der mit Volldampf auf eine Hölle à la Hieronymus Bosch zurast, wo multikulturelle, geschlechtsneutrale Teufel uns erwarten“.

Ähnlich äußerte sich einer der einflussreichsten russischen Propagandisten, Wladimir Solowjow. Er erklärte, dass die Verfechter der Neuen Ethik „keine Demokratie brauchen, sondern eine Diktatur des mausgrauen Mittelmaßes anstreben, in der die richtigen Losungen gerufen werden“. Wladimir Putin nannte die Neue Ethik „Obskurantismus“ (und gab vermeintliche Beispiele von Vergewaltigern zum Besten, die sich als Transfrauen getarnt hätten). Zudem erklärte er, die „Kutsche der neuen Werte“ werde aus dem Westen unweigerlich bis nach Russland rollen, dessen Volk mit seiner Tradition und Religion jedoch über das richtige Gegenmittel verfüge.

„Seit westliche Staaten Importverbote aussprechen, fühlt sich plötzlich die russische Regierung gecancelt“

Mit dieser Erzählung stößt Putin auch gerade deshalb auf viel Gegenliebe, weil sich bereits manch ein Sowjetbürger von der Perestroika eine Modernisierung des Sozialismus und nicht dessen Zerstörung wünschte. Die Liberalen hielten ihre Mitbürger derweil jedoch für rückständige „Sowjetmenschen“, die man nach westlichem Vorbild zivilisieren müsse. Diese Denkweise macht es Putin bis heute leicht, die russischen Bürger, die der Liberalisierungsschock der 1990er-Jahre ereilte, gegen die Liberalen und alles, was westlich und und „progressiv“ ist, aufzuwiegeln.

Heutige russische Mainstream-Oppositionspolitiker wie Alexei Nawalny sind deshalb bemüht, die Fehler ihrer Vorgänger zu vermeiden. In den vergangenen Jahren rückten sie, den Meinungen der Wählerschaft folgend, zwar zunehmend nach links und bringen seitdem immer mehr Sympathie für den Feminismus und andere Bewegungen auf. Diskussionen über die Neue Ethik gehen sie jedoch meist aus dem Weg oder tun sie schlicht als Alarmismus ab.   

Derweil zeigt gerade der Krieg in der Ukraine, warum die russische Regierung so allergisch auf die Neue Ethik reagiert. Denn ebenjene Gruppen, die für Putin als Unterstützer dieser Bewegung gelten, gehen heute gegen den Krieg auf die Straße. Bei den Protesten in den großen russischen Städten bestimmen vor allem junge Frauen und Feministinnen das Bild. Eine von ihnen stürmte zuletzt mit einem Antikriegsplakat in die Live-Nachrichtensendung des Staatsfernsehsenders Rossija 1.

Natürlich wird Moskau alles daransetzen, diese kritischen Stimmen schnellstmöglich zum Schweigen zu bringen. Gleichzeitig hält das Thema Cancel Culture nun auf ganz anderem Wege doch noch Einzug in die Debatte. Denn seit westliche Staaten Importverbote aussprechen und Oligarchenvermögen beschlagnahmen, ist es plötzlich die russische Regierung, die sich „gecancelt“ fühlt. Statt Einzelnen, die ihre Wut aneinander auslassen, oder Regierungen, die unliebsame Kritiker verfolgen, sind es nun also Staaten, die sich mit moralischen Argumenten und wirtschaftlichem Druck gegenseitig ins Visier nehmen. Die Annahme ist dabei die gleiche wie beim bisherigen „Canceln“: Wenn wir jemandem unsere Unterstützung entziehen, wird ihn das dazu bewegen, sein Verhalten zu ändern. Im Grunde eine Fortsetzung der kapitalistischen Logik des „Abstimmens mit dem Geldbeutel“.

Ob das im Falle Russlands eine zielführende Strategie ist, darf bezweifelt werden. Denn wenn sich neben den vielen wirksamen Sanktionen gegen die russische Elite auch Unternehmen wie McDonald’s oder Ikea aus dem Land zurückziehen, dann tut das vor allem denjenigen weh, die ohnehin wenig haben und so noch abhängiger vom Staatsapparat werden. Zu erwarten ist dadurch womöglich sogar eine Art „Rally ’round the flag“-Effekt, bei dem der Nationalismus zunimmt und sich das russische Volk in dem Gefühl vereint, vom Rest der Welt ausgeschlossen zu werden. Auch hier ist die Parallele zur Debatte rund um das Thema Cancel Culture offensichtlich: Denn genauso, wie viele Menschen ihre Meinung nicht dann ändern, wenn sie im Internet mit wütenden Nachrichten angegangen werden, wird sich womöglich auch Russland nicht verändern, wenn der Westen es in dieser Weise kritisiert. Private Unternehmen könnten in Russland bleiben und etwa ihren Angestellten Schutz vor staatlicher Verfolgung anbieten. Das wäre vielleicht eine viel wirksamere Maßnahme gegen den Krieg. 

Aus dem Russischen von Andreas Bredenfeld



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