Wer sitzt am Verhandlungstisch?

von Delara Burkhardt

Schwarz-Weiß-Denken (Ausgabe II/2022)

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Feministische Außenpolitik: So selten wie ein Gorilla am Verhandlungstisch? Foto: John Lund / Getty Images


Würde es Kriege wie den in der Ukraine geben, wenn wir schon viel früher den Pionierinnen feministischer Außenpolitik zugehört hätten? Was wäre anders, wäre unsere Außenpolitik feministisch? Um derartige Fragen geht es in Kristina Lunz’ Buch, das just in der Woche erschien, in der Wladimir Putin den Angriffskrieg gegen die Ukraine begann.

Ein furchtbarer Krieg, dem nichts anderes zugrunde liegt als das narzisstisch-imperialistische Verlangen eines Mannes, seine Macht zu demonstrieren und sich als Stärksten unter den Mächtigen zu inszenieren. Es wird derzeit viel über die „toxische Männlichkeit“ Putins gesprochen. Über seine Irrationalität. Über die Notwendigkeit, jetzt aufzurüsten, um ihn zurückzudrängen und die europäische Friedensordnung zu verteidigen. Aber was ist mit den Menschen in der Ukraine? Vergessen wir sie in diesem geopolitischen Schachspiel? Wie sieht eine Politik aus, die die Betroffenen der Gewalt in den Mittelpunkt stellt?

Die Frage, ob feministische Außenpolitik Kriege verhindern kann, begleitete meine Lektüre des Buchs von Kristina Lunz.In der Woche, bevor das Buch erschien, habe ich selbst eine Studie zu feministischer Klimapolitik vorgestellt. Patriarchale Strukturen und toxische Maskulinität, also das destruktive Verhalten von Männern, sind nicht nur in der Außenpolitik, sondern auch in der Klimapolitik ein Thema. Denn dieses zerstörerische Verhalten verhindert oft Stabilität und Sicherheit, statt diese zu schaffen. Lunz macht deutlich, dass der zutiefst menschliche Wunsch nach Frieden nicht durch Abschreckung und Aufrüstung erreicht wird.

„Menschen, die bei der Bewältigung jeder globalen Krise beteiligt sein sollten kommen direkt zu Wort“

Es geht hierbei aber nicht nur um Sicherheitsfragen im Fall eines Konfliktes, sondern auch um allgemeine Versorgungsinteressen – um Nahrung, Unterkunft, Energie, um das Wohlbefinden aller Menschen. Der ganzheitliche Ansatz, den Kristina Lunz wählt, zeigt sich auch in der Diskussion, wie patriarchale Systeme nur die Interessen bestimmter Guppen wahren und ihre eigene Stellung verteidigen, während die Mehrheit der Menschen, allen voran vulnerable Gruppen, einen hohen Preis für diesen Machterhalt zahlen.

Auf der Grundlage jahrelanger und umfassender Analysen erklärt Lunz das Konzept der feministischen Außenpolitik in globalen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Sie schafft es, mit zahlreichen Beispielen – von internationaler Ebene bis zu lokalen Grassroots-Bewegungen – das komplexe und oft abstrakte und elitäre Feld der Außenpolitik zugänglich zu machen.

Lunz zeigt auf, wie man sich mit dem Thema auf intersektionale Weise auseinandersetzen kann, also verschiedene Aspekte der Ungleichheit mit einbezieht. Sie lässt in ihrem Buch Menschen direkt zu Wort kommen, die bei der Bewältigung jeder globalen Krise beteiligt sein sollten – Frauen, People of Color, Indigene, Menschen mit Behinderung, Geflüchtete und viele mehr. Ihr Buch tut das, was der Politik noch viel zu selten gelingt: echte Repräsentation gewährleisten. In dem Kapitel zur Klimagerechtigkeit führt sie die Ansätze von Mitzi Jonelle Tan an, einer führenden Klimaaktivistin aus den stark vom Klimawandel betroffenen Philippinen. Neben ihr Vanessa Nakate aus Uganda, die aus einer anderen Perspektive über die Folgen postkolonialer Ausbeutung von Menschen und Natur berichtet.

„An Lunz’ Tisch sitzen nicht nur Staatsoberhäupter, Diplomatinnen, Analysten und  Militärs“

Die Verhandlungstische, an denen seit Jahrhunderten wenige (Männer) über die Zukunft und das Leben vieler entscheiden, werden bei Lunz nicht nur größer, sie werden auch bunter. An ihrem Tisch sitzen eben nicht nur Staatsoberhäupter, Diplomatinnen, Analysten, Militärs, Strategie- und Finanzberater. Statt siebzig Prozent weißer Männer sollen dort auch afghanische Frauen, für die Sicherheit ein Recht auf Bildung und Stabilität beinhaltet, sitzen; oder Klimaaktivistinnen, die nicht nur für den Planeten, sondern auch gegen Ausbeutung kämpfen. Oder auch alleinerziehende Mütter, deren Gehalt weder für ein Auto noch steigende Heizkosten ausreicht. Sie diskutieren ebenso über Lösungen wie eine Rentnerin aus der Ukraine, die an einem Tag alle Sicherheit verloren hat.

Lunz beschreibt die Abkehr von einem von Realismus geprägten außenpolitischen Verständnis hin zu den für sie zentralen Elementen feministischer Außenpolitik: Demilitarisierung, Diplomatie und Mediation statt Aufrüstung, Konfrontation und Gewalt.

Kristina Lunz’ Buch macht einen beim Lesen wütend: auf Gewalt gegen Frauen und organisierte Anti-Gender-Bewegungen ebenso wie auf die Auswirkungen globaler Pandemien oder Klimakrisen besonders auf marginalisierte Gruppen. Schmerzlich und eindringlich unterstreicht sie, dass Krisen bestehende Ungleichheiten verschärfen und der Kampf für echte Gleichberechtigung in den letzten Jahren einige große Rückschläge erlitten hat. Lunz lässt die Leserinnen und Leser jedoch nicht mit einem Gefühl der  Ohnmacht zurück, sondern zeigt, wie ein feministischer Blick hilft, unterschiedliche Bereiche der Außenpolitik anders zu denken und neue Handlungsspielräume aufzumachen. Es geht darum, den Status quo zu hinterfragen und Machtstrukturen aufzubrechen.

„Kritiker bezeichnen feministische Außenpolitik als Ansatz bezeichnen diese als naiv“

Den Anfang macht die Autorin dabei bei sich selbst. „Das Private ist politisch“ zitiert sie die Aktivistin Carol Hanisch und erzählt, wie sie, aufgewachsen in einer ländlichen Region, zur Feministin wurde. Und wie sie ihren Weg in die Welt der Diplomatie und der Außenpolitik fand, mit  Stationen bei den Vereinten Nationen, dem Auswärtigen Amt und schließlich dem von ihr gegründeten Centre for Feminist Foreign Policy (CFFP).  In all diesen Institutionen ging es ihr darum, alte, patriarchale Systeme zu beenden: „Denn nur wer utopisch fordert, kann dringliche Veränderung erreichen.“

Mit Begeisterung stellt Lunz in ihrem Buch außerdem die Geschichte und die Pionierinnen feministischer Außenpolitik vor: die ehemalige schwedische Außenministerin Margot Wallström etwa oder Chandra Mohanty, Professorin für Gender Studies in den USA. Eine dieser Pionierinnen ist sie selbst. Kristina Lunz ist, nicht erst mit dem vorliegenden Buch, eine Türöffnerin in Sachen feministische Außenpolitik.

Kritiker des Buches oder der feministischen Außenpolitik als Ansatz im Allgemeinen bezeichnen diese gerne als naiv. Nicht hart genug für die Realität der Außenpolitik; gerade in Zeiten der Eskalation, wie wir sie momentan erleben. Aber sind es nicht genau diese Zeiten, in denen Menschen und nicht geostrategische, machtpolitische Interessen im Mittelpunkt unseres politischen Denkens und Handelns stehen müssen? Hätte man nicht viel früher auf die Rufe feministischer Außenpolitkerinnen zur Deeskalation und Abrüstung hören müssen?       



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