Die Wunderbaren Sieben

von Birgitta Huse

Unter der Erde (Ausgabe I/2022)


“In loving memory of our darling wife and mother Violet Jessie Mann. Returning to India with her Husband. Their son in England. Fell ill at sea – diabetis. Died at the International Hospital. Naples.” Der kleine Grabstein mit Engel, den diese Worte zieren, ist einer von 60.000, die auf dem Londoner Friedhof Abney Park eine in Stein gemeißelte und mit Bleibuchstaben geschriebene Geschichte erzählen. Nehmen wir die anderen sechs Friedhöfe der „Magnificent Seven“ hinzu, sind es etwa 400.000 Geschichten. Nicht alle sind so offensichtlich. In vielen geht es um das, was sich unter der Oberfläche abspielt. Es geht um echte und unechte Katakomben, versunkene Gewölbe, still gelegte Tunnel, historische Abflusssysteme, hydraulische Aufzüge und kräftige Baumwurzeln. Die letzte Ruhe verläuft nicht immer ruhig.

Menschen brauchen Platz, vor und nach dem Tod. In London lebten im Jahr 1700 etwa 575.000 Einwohner, hundert Jahre später eine Million. Innerhalb von einem Jahr stieg die Einwohnerzahl dann 1801 auf 4,5 Millionen, während wiederholte Epidemien die hohe Sterberate noch erhöhten. Der Platz an den Kirchen reichte nicht aus, um die Verstorbenen ordnungsgemäß zu bestatten. Die eingewickelten Toten wurden illegal zwischen Häusern knapp unter der Oberfläche eingegraben. Branntkalk sollte den natürlichen Verwesungsprozess beschleunigen. Zeitzeugen beschrieben einen fürchterlichen Gestank.

„Verstorbene sollten hier friedliche Ruhe finden und die Lebenden Orte, an denen sie der überfüllten Stadt entkommen konnten“

Per Gesetz entstanden zwischen 1833 und 1841 außerhalb der damaligen Stadtgrenze Londons sieben neue Friedhöfe: Kensal Green, West Norwood, Highgate, Abney Park, Brompton, Nunhead und Tower Hamlets. Die Friedhöfe bilden in etwa einen Kreis und sind heute in circa einer halben Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Westminster aus zu erreichen. Die damalige Innovation: Die „Magnificent Seven“ wurden als „Gardens of Sleep“ (Schlafgärten) und Parks angelegt. Verstorbene sollten hier friedliche Ruhe finden und die Lebenden Orte, an denen sie der überfüllten Stadt entkommen konnten. Die Friedhöfe wurden als „cemeteries“ bezeichnet, abgeleitet vom griechischen „κοιμητήριον“ („Schlafplatz“), mit dem römische Katakomben benannt worden waren. Dies war eine Abgrenzung zum üblichen „graveyard“ (Grabhof), „churchyard“ (Kirchhof) oder dem anschaulichen „bone yard“ (Knochenhof). Das neue, von den Kirchen weitgehend unabhängige Geschäftsmodell wurde von kommerziellen Gesellschaften betrieben, Highgate und Nunhead zum Beispiel von der 1836 gegründeten London Cemetery Company. Gezielt angelegte Attraktionen lockten zahlungskräftige Kundschaft an.

Auf dem inzwischen berühmten Highgate Cemetery im Norden Londons wurden siebzehn Hektar Land innerhalb von drei Jahren mit exotischer Bepflanzung sowie einzigartiger Architektur versehen. Fünfzehn Hektar waren für Mitglieder der Church of England gedacht, zwei für Andersgläubige. Die Hanglage im ländlichen Highgate mit schöner Aussicht auf London wurde geschickt genutzt. Vom Gebäude mit zwei Kapellen am Friedhofseingang geht es hinauf zum höchstgelegenen Areal mit den Hauptattraktionen: die „Egyptian Avenue“, der „Circle of Lebanon“ und die „Terrace Catacombs“. Tritt man durch das Eingangstor der „Egyptian Avenue“ und geht unter ihrer mit Ranken und Wurzeln bewachsenen Überdachung hindurch, ist es, als würde man in eine unterirdische Welt eintreten. Im „Circle of Lebanon“ wird dieser Eindruck fortgesetzt. Um einen alten Libanon-Zedern Baum herum wurde Erde ausgehoben für zwanzig versunkene Gewölbe.

Katakomben waren zur Entstehungszeit der Magnificent Seven in Mode, auch, weil sie ein Zurschaustellen hochwertiger Särge ermöglichten. Die „Terrace Catacombs“ sind jedoch einzigartig – denn sie sind gar keine echten Katakomben, sondern Teil einer früheren Terrasse über der Erde. Dazu sind sie das wahrscheinlich erste asphaltierte Gebäude in England.

„Weil es nicht genug Platz gibt, müssen Verstorbene teilweise in Katakomben eine vorläufige Ruhe finden bevor sie in einem Grab beigesetzt werden können“

Außergewöhnlich ist auch der etwa acht Meter lange Tunnel vom alten Westteil des Highgate Cemetery zum neueren Ostteil. Von der anglikanischen Friedhofskapelle aus konnten Särge mit einem hydraulischen Lift in das unterirdische Gewölbe befördert und dann durch den Tunnel unter der Swain’s Lane hindurch getragen werden. Wer sich allerdings einen regen unterirdischen Verkehr vorstellt, liegt falsch - der 1855 fertiggestellte Tunnel wurde erstmalig 1860 genutzt, danach kaum. Warum gibt es diesen Tunnel, dessen Eingänge heute verschlossen sind?

Verschiedene Erklärungen sind im Umlauf: etwa, dass der Straßenverkehr nicht gestört oder der Sarg nicht über ungeweihten Boden transportiert werden sollte. Auch von einem hydraulischen Sarglift als ein „must-have“ für einen damals modernen Friedhof ist die Rede. Ian Dungavell, Geschäftsführer des Friends of Highgate Cemetery Trust, erklärt: Die Geschichte des Tunnels ist eine Businessgeschichte. Entscheidend für den Tunnelbau sei die rechtliche Lage in den 1850er-Jahren sowie eine geschäftliche Konkurrenzsituation gewesen. London war seit dem Bau der Magnificent Seven weitergewachsen. Die Friedhöfe lagen nun innerhalb der Stadt. Hier durften laut Gesetz von 1852 bis auf wenige Ausnahmen, die Magnificent Seven gehörten dazu, keine Beerdigungen stattfinden. Der 1854 errichtete St Pancras Cemetery in Finchley war eine nahegelegene Konkurrenz zum Highgate Cemetery, dem der Platz ausging. Als man in Highgate 1854 begann, Mauern für eine Erweiterung jenseits der Swain’s Lane zu bauen, versuchte die Leitung des St Pancras Cemetery letztendlich erfolglos, dies zu verhindern. Highgates London Cemetery Company berief sich auf ein Gesetz von 1836. Es erlaubte den Erwerb von bis zu 50 Hektar für einen Friedhof. Für den Fall, dass eine Straße kreuze, gelte die neue Fläche zusammen mit der alten als ein Friedhof, wenn sie durch einen Tunnel miteinander verbunden seien.

Die Anzahl der „residents“ der Magnificent Seven übersteigt mit mindestens 1,3 Millionen die der Gräber deutlich. Fast immer sind mehrere Menschen in einem Grab bestattet, manchmal bis zu zwanzig. Weil es nicht genug Platz gibt, müssen Verstorbene teilweise in Katakomben eine vorläufige Ruhe finden bevor sie in einem Grab beigesetzt werden können.

„Die Kommunistische Partei Großbritanniens setzte 1954 durch, dass die Überreste von Karl Marx, der 1883 in London verstorben war, innerhalb des Highgate Cemeterys umzogen“

Der Platzmangel ist eine Folge des traditionellen unbefristeten Grabnutzungsrechts. Highgate Friends Trust Geschäftsführer Dungavell fordert deshalb eine nachhaltige Friedhofsnutzung mit befristetem Recht. Platz sei kostbar, und Angehörige müssten in der Nähe zu bestatten sein. Verwaiste Gräber verursachten hohe Instandhaltungskosten für Friedhofsbetreiber. Die Gesamtsituation spiegelt sich in beträchtlichen Bestattungskosten wider: Auf dem Kensal Greens Cemetery kostet ein Grab in der ersten Reihe ganze 25.000 Britische Pfund, für eine Samstagsservice samt Kremation zahlt man 1.024 Pfund.

Doch Platzmangel ist nicht der einzige Grund für Umbettungen. Auch Politik macht vor Friedhöfen nicht Halt. So setzte die Kommunistische Partei Großbritanniens 1954 durch, dass die Überreste von Karl Marx, der 1883 in London verstorben war, innerhalb des Highgate Cemeterys umzogen – trotz des Protestes von Marx‘ Angehörigen. Von einem schlichten Grab wurden seine Überreste in das heute so prominente Grab mit übergroßem Marx-Bronzekopf am Hauptweg des Friedhofs umgebettet. „Workers of All Lands Unite“ steht auf der Granitsäule. Die Besucher aus der ganzen Welt können das Grab nun nicht mehr übersehen.

Auch die Druce-Portland-Affäre erregte großes öffentliches Interesse. Anna Maria Druce forderte 1898 die Exhumierung ihres Schwiegervaters Thomas Druce auf dem Kensal Green Cemetery. Sie behauptete, er sei der exzentrische, sehr reiche Duke of Portland und habe den Tod seines alter ego vorgetäuscht. Das Grab sei leer und Annas Kinder die Erben. Nach jahrelangen Rechtsstreitigkeiten wurde das Grab auf dem Highgate Cemetery 1907 tatsächlich geöffnet. Die Exhumierung bestätigte die Identität des Verstorbenen – Anna Maria Druce lag falsch.

Dante Gabriel Rossetti (1828 – 1882), Künstler und Mitbegründer der Präraffaeliten, ließ das Highgate-Familiengrab 1869 öffnen, um einen von ihm handgeschriebenen Gedichtband zurückzubekommen. Diesen hatte er mit seiner Ehefrau bestattet. Den Brompton Cemetery, der einzige Friedhof in Großbritannien in königlichem Besitz, verließ ein Bestatteter sogar ganz: Sioux Chief Long Wolf aus South Dakota war 1892 während einer Reise in London an einer Lungenentzündung gestorben. Das Grab mit Steinkreuz und Wolfmotiv darauf befindet sich im „Great Circle“, dem seinerzeit besonders begehrten Zentrum des Friedhofs. 1996 holten Nachfahren der Sioux Chief Long Wolf und ein mit ihm bestattetes Mädchen in ihre Heimat in die USA zurück.



Ähnliche Artikel

Unter der Erde (Thema: Unter der Erde)

„Wir finanzieren unsere Ausrottung“

ein Interview mit Rana Adib

Wie ein Mantra betont die Politik, dass Öl und Gas bald ausgedient haben. Doch wann folgen endlich Taten? Für Rana Adib von REN21, der Initiative für erneuerbare Energien, ruht die Hoffnung nun auf Städten und Konzernen.

mehr


Das Deutsche in der Welt (Thema: Deutschsein)

Deutsch mit Wim

von Marcelo Figueras

Wie ich eine Sprache lernte, weil ich einen Film verstehen wollte

mehr


Das Deutsche in der Welt (Thema: Deutschsein)

Im Petersdom wohnt der Papst

von Angelo Colagrossi

Sigrid und Klaus in Rom: eine heimliche Beobachtung

mehr


Das Deutsche in der Welt (Thema: Deutschsein)

Liebe zum Detail

von Anja Pietsch, Beatrice Winkler

Wie ein Mercedes-Manager, eine Diplomatengattin und ein Unternehmensgründer in Damaskus leben

mehr


Oben (Was anderswo ganz anders ist)

Toast auf die Mädels

von A. L. Kennedy

Die Burns-Nacht ist eine sehr schottische Würdigung eines Schriftstellers: Robert Burns (1759–1796). Sie findet an dessen Geburtstag am 25. Januar statt

mehr


Das Deutsche in der Welt (Thema: Deutschsein)

Helfersyndrom

von Samson Kambalu

Wie deutsche Entwicklungshelfer auf Afrikaner wirken

mehr